Exklusiv: „Übernehmt Verantwortung"

Roland Berger zum bedingungslosen Grundeinkommen

Stichwort Arbeitswelt: Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es ja auch von Wirtschaftsführern gefordert wird, dazu beitragen, den Übergang in eine digitalisierte Gesellschaft zu bewältigen? Gerade für den Fall, dass – bevor neue Jobs entstehen – zunächst einfache Tätigkeiten automatisiert werden?

Berger: Derzeit herrscht erstens eher Arbeitskräfte- als Jobknappheit. Insofern ist ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht nötig. Abgesehen davon bedeutet Arbeit zweitens mehr, als nur Geld zu verdienen. Arbeit drückt auch Teilhabe aus am Leben unserer Gemeinschaft. Und warum sollte Nichtteilhabe auch noch finanziell unterstützt werden? Drittens ist in Deutschland Hartz IV bereits ein Grundeinkommen, das manchen Arbeitnehmern mit zwei Kindern ein höheres Einkommen garantiert als einem alleinstehenden Vollzeitarbeitnehmer. Wir werden nie in der Lage sein, diese Leistungen ohne Gegenleistungen zu verdoppeln, um auf ein bedingungsloses Grundeinkommen zu kommen. Das wäre aus meiner Sicht ein völlig falsches Signal. Der Mensch ist dazu da, etwas zu schaffen, etwas zu bewirken, etwas beizutragen zur Zukunft seiner Familie, aber auch der Gesellschaft. Dazu motiviert ihn das bedingungslose Grundeinkommen sicher nicht. 

Bleiben wir bei den Themen Digitalisierung und Arbeit. Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Branche vor dem Hintergrund der digitalen Transformation?  

Berger: Seit einigen Jahren haben nicht zuletzt die Auswirkungen der Digitalisierung den Beratern einen riesigen Boom beschert. Denn wir sind diejenigen, die Unternehmen oder auch Organisationen im öffentlichen Sektor dabei unterstützen, die Transformation ins digitale Zeitalter zu bewältigen. Das umfasst technologisch effizientere Prozesse, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und schließlich das Training und die Weiterbildung von Menschen am Arbeitsplatz. Im Moment lebt die Beraterbranche sehr gut davon. 

Dennoch verändert sich auch die Praxis.

Berger: Als ich vor 50 Jahren anfing, bestand unsere Arbeit zu 70 Prozent aus Informationsbeschaffung und zu 30 Prozent aus Lösungsentwicklung. Heute – mit den digitalen Möglichkeiten – beträgt das Verhältnis zehn zu 90 Prozent. Das heißt, dass der Berater in der kurzen Zeit, die ihm bleibt, erst einmal mehr zu tun hat. Beratung ist so für den Klienten billiger und effizienter geworden. Ein weiterer Aspekt: Inzwischen sind Unternehmensberatungen ja nicht nur Problemlöser, sondern auch ganz wesentliche Ausbilder. Die jungen Leute, die zu uns kommen, sind nach drei bis fünf Jahren in der Regel so weit, dass sie irgendwo eine Führungsposition übernehmen können, weil sie in dieser Zeit in nahezu allen Funktionen, vom Einkauf bis zum Kundendienst, in jeder Branche und auch international mit Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, gearbeitet haben. Zudem gründen viele eigene Unternehmen oder gehen zu jungen aufstrebenden Firmen. Wir haben etwas Ähnliches in der „New Economy“ im Jahr 2000 erlebt. Damals sind die Fluktuationsraten branchenweit von rund 15 auf 30 Prozent gestiegen.

Teil 1: Medien zu wirtschaftskritisch

Teil 2: Bedingungsloses Grundeinkommen?

Teil 3: Mut, Risikomanagement und Verantwortung

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