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Teil 4: „Die EU ist durchaus mittelstandsfeindlich“

Sahra Wagenknecht: Die Wirtschaftsexpertin fordert öffentliches Kapital zur Innovationsförderung (Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com

Welches Potential würden Sie KI grundsätzlich zugestehen?
Wagenknecht: Ja, das hat ja natürlich Potential. Nur man muss natürlich auch immer die Missbrauchsmöglichkeiten sehen. Ich sage nicht, dass wir das nicht nutzen können, aber man muss sehr genau gucken, wer erhebt die Daten. Also die künstliche Intelligenz beruht ja darauf, dass Unmengen von Daten gesammelt und ausgewertet werden. Und da ist eben die Frage, wer speichert diese Daten, wer hat Zugriff auf diese Daten – und wer kann mit den Daten möglicherweise auch Missbrauch treiben. Und, was ich auch finde: Wir sollten nicht zu blauäugig sein, was die Fähigkeit von Algorithmen angeht. Also sie können Nützliches leisten, aber in vielen Bereichen ist es eben auch so, das ist ja schon immer wieder belegt, dass sehr kleine Veränderungen sehr große Wirkungen haben und der Algorithmus möglicherweise völlig falsch signalisiert oder völlig falsch reagiert, weil einfach plötzlich die Datenlage sich grundsätzlich verändert. Trotz der tollen Technik, sollten wir jedoch nicht blind agieren. Auch in der Terrorprävention und Kriminalitätsbekämpfung wird jetzt auch auf „big Data“ und auf Algorithmen gesetzt – und dann Leute plötzlich ins Visier kommen, die sich wirklich haben überhaupt nichts zuschulden kommen lassen. Also, so blauäugig darf man da nicht sein. Und man muss gucken, was sozusagen für Missbrauchsmöglichkeiten mit den Daten gibt es? Und aktuell schicken wir ja auch einen ganzen Batzen nach Amerika – also alles, was Google, Apple oder Amazon speichert.

Das Paradoxon: Viele Deutsche gelten im Umgang mit ihren Daten als eher rigide. Die Freiwilligkeit, die eigenen Daten auf den US-Servern zu speichern scheint jedoch enorm.
Wagenknecht: Das geschieht vor allem auch mangels Alternativen. Hier ist die Politik gefordert, ein Markt leistet das nicht, wenn sich erst einmal Monopole ausgebildet haben. 

Die Start-up-Kultur in Deutschland und Europa ist im Vergleich zu der im Silicon Valley weniger dynamisch. Können wir hier von den USA lernen?
Wagenknecht: In diesem Fall können wir das tatsächlich. Das Silicon Valley ist ja nicht aus sich selbst entstanden, sondern der amerikanische Staat hat in beträchtlichen Größenordnungen investiert. Und nach wie vor gibt es in den USA großflächige Programme für öffentliches Wagniskapital. Ich finde, auch hierzulande müsste in viel größerem Umfang Kapital zur Innovationsförderung zur Verfügung gestellt werden – und zwar öffentliches und nicht privates. Denn privates Wagniskapital erzeugt Abhängigkeit und Druck, schnell marktreif zu sein. Es gibt aber Innovationen, die geduldiges Kapital benötigen. Die EU hat leider den Fokus darauf gerichtet, große Unternehmen und Konzerne zu pflegen. Kleinere Unternehmen und Mittelständler hingegen können die zahllosen Regularien oft nicht erfüllen. Die EU – das kann man so deutlich sagen – fördert Konzerne und ist damit mittelstandsfeindlich.

Teil 1: Von den USA lernen

Teil 2: „Natürliche Monopole gehören nicht in private Hand“

Teil 3: „Ich halte überhaupt nichts von einem bedingungslosen Grundeinkommen“

Teil 4: „Die EU ist durchaus mittelstandsfeindlich“

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