Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Das Land kann mehr

Martin Schulz fordert deutlich mehr Engagement des Staates für Infrastruktur und Bildung. Dafür will der SPD-Vorsitzende rund 30 Milliarden Euro ausgeben. Im Gespräch verriet er weitere Details.

Martin Schulz: Der SPD-Vorsitzende will eine Investitionspflicht des Staates einführen (Foto: PR)

Die digitale Transformation stellt Wirtschaft und Geselllschaft vor Herausforderungen. Beie benötigen zum gelungenen Wandel Impulse aus der Politik. Einem „Weiter so“ erteilt der sozialdemokratische Kanzlerkandidat und frühere EU-Parlamentsvorsitzende Martin Schulz im Exklusiv-Interview eine Absage und befürwortet im selben Zug eine Steuerumverteilung. Zugleich fordert er mehr Investitionen in Europa sowie die europaweite Ahndung von Steuerflucht. Schulz sucht die Allianz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und plädiert für einen EU-Finanzminister.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Der deutschen Wirtschaft geht es gut. Aber sie steht auch vor großen Herausforderungen. Die fortschreitende Globalisierung, die Digitalisierung, der Fachkräftemangel. Wo sehen Sie Prioritäten? Welche Bringschuld hat die Politik, welche die Unternehmen? 
Martin Schulz: Ja, Sie sagen es: Deutschland geht es gut. Aber „weiter so“ reicht nicht, wir müssen jetzt die Zukunft gestalten. Das Beispiel der Automobilindustrie zeigt das doch sehr deutlich. Deutschland kann mehr. Wir müssen in die Zukunft unseres Landes investieren, in Bildung, Ausbildung und Qualifizierung, aber auch in Forschung und Entwicklung, in Infrastruktur und Breitband. Daher wollen wir neben der Verpflichtung der Schuldenbremse eine Investitionsverpflichtung des Staates einführen, die sich an den Spielräumen im Haushalt orientiert.

Viele Menschen sind zunehmend verunsichert und sorgen sich trotz guter wirtschaftlicher Fundamentaldaten um ihre Zukunft. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz in der Wahrnehmung?
Schulz:
 In den letzten Wochen und Monaten habe ich mit sehr vielen Bürgerinnen und Bürgern gesprochen und ich muss Ihnen sagen: Das ist keine Diskrepanz. Ja, Deutschland geht es gut, aber deshalb geht es noch nicht allen Menschen in Deutschland gut. Wenn sie als Paar mit zwei Einkommen in großen Städten kaum noch eine bezahlbare Wohnung bekommen, dann ist das nicht gerecht. Wenn eine alleinerziehende Mutter einen großen Teil ihres Lohnes für Kita-Gebühren aufwenden muss, dann ist das nicht gerecht. Ich finde: Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit. Wir werden deshalb zum Beispiel die Kita-Gebühren abschaffen und für gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni oder zum Meisterbrief sorgen.

Soziale Gerechtigkeit ist als klassisches Thema das große Schlagwort der SPD im Wahlkampf. Derweil schreiten die digitale Transformation und der technische Fortschritt stetig voran, verändern die Art, wie wir leben und arbeiten. Wie kann die gesellschaftspolitische Brücke zwischen sozialem Frieden und dynamischem Wandel geschlagen werden? 
Schulz:
 Wir sind prädestiniert, diesen Prozess zu gestalten. Vergessen Sie bitte nicht, welche Partei es war, die den durch die Industrialisierung ausgelösten Transformationsprozess zu gestalten half, Arbeitnehmerrechte durchsetzte und Arbeit und Kapital miteinander versöhnte: Das war die SPD. Die SPD war und ist die Partei, die die Zukunft unserer Gesellschaft positiv gestalten will. Mit Zuversicht und nicht mit Angst, gerecht und sicher. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Die Digitalisierung schafft vielfältige Möglichkeiten für eine flexiblere Organisation der Arbeit. Das kann sehr positiv sein, insbesondere für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber natürlich gilt auch in einer digitalisierten Arbeitswelt, dass Ruhezeiten weiter nötig sind. Wir wollen einen neuen Flexibilitätskompromiss. Es geht darum, die vielen unterschiedlichen Interessen einer modernen Arbeitsgesellschaft neu zu verhandeln und im Interesse der arbeitenden Menschen in unserem Land in entsprechende Maßnahmen zu übersetzen. Und dazu gehört auch, dass wir die Rahmenbedingungen für Start-ups und Unternehmensgründungen verbessern, dass wir Selbstständige besser in die Sozialversicherungen einbinden und dass wir – wo immer es geht – Bürokratie abbauen, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Es reicht nicht, sich auf dem Erreichten auszuruhen, wenn wir auch in Zukunft stark sein wollen.

Die Digitalisierung verändert in rasantem Tempo unsere Arbeitswelt. Laut einer Studie der Universität Oxford wird es jeden zweiten Job in den nächsten 20 bis 25 Jahren so nicht mehr geben. Droht uns vor diesem Hintergrund ein Heer von Arbeitslosen, und wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, für das Wirtschaftsspitzen wie Joe Kaeser oder Timotheus Höttges plädieren, nicht wichtig, um sozialen Unfrieden abzufedern?
Schulz: Zweimal Nein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen entwertet die Arbeit von Menschen. Es ist auch eine Frage der Würde, von seiner eigenen Arbeit leben zu können. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist das Gegenteil von gerecht. Aber es stimmt: Die Digitalisierung wird manche Arbeitsplätze überflüssig machen, dafür werden andere Arbeitsplätze entstehen. Wir werden in zehn Jahren Berufsgruppen sehen, von denen wir heute noch keine Ahnung haben. Und hier muss unsere Politik ansetzen: Jeder und jede muss die Möglichkeit haben, sich entsprechend zu qualifizieren und weiterzubilden. Deshalb wollen wir ein Chancenkonto für jeden. Das kann man dann ein Leben lang für Weiterbildungen oder auch Existenzgründungen verwenden – selbstbestimmt und frei. Und wir wollen die Arbeitsagentur in eine Agentur für Arbeit und Qualifizierung umbauen. Wir haben heute Fachkräftemangel. Qualifizierung ist der Schlüssel für den Arbeitsmarkt der Zukunft.

 

Teil 1: „Deutschland kann mehr“
  
Teil 2: „Wir wollen einen Zukunftsinvestitionsfonds Digitalisierung auflegen“

Teil 3: „Ich will Investitionen in der Eurozone und ein eigenes Budget.“

Das interessiert andere Leser

  • Nachfolgetypen

    Wer ein Unternehmen aufbaut, wünscht sich meistens, dass das Lebenswerk von einem Familienmitglied weiterentwickelt wird. Lesen Sie, welche Faktoren die Nachfolge begünstigen.

  • Self-Storage Startups mit neuen Lagerraum-Lösungen

    Der Arbeitsplatz von heute gewährt freie Platzwahl in Coworking-Spaces. Doch die neue Flexibilität hat Ihren Preis: mangelnder Stauraum für Papiere und Akten. Die Shareing Economy bietet Lösungen.

  • Franchise Expo18 Logo
    Save the date - Franchise Expo18 im September in Frankfurt

    Die Franchise Expo18 bringt vom 27. bis zum 29.09.2018 über 100 internationale Aussteller auf das Messegelände in Frankfurt und bietet Informationsmöglichkeiten und spannende Workshops rund um Franchising.

  • Israels Innovationen

    Israel ist eine der größten Innovationsschmieden der Welt. Der Erfolg der Startup-Nation hat System, der Staat investiert massiv in Forschung und Entwicklung.

  • Allen gerecht werden

    Die Ökonomin Kate Raworth fordert ein fixes Umdenken der Wirtschaft und plädiert für ein Gleichgewicht zwischen Kapitalismus, sozialer Gerechtigkeit und Ökologie.

  • Meer und mehr Gründergeist

    Die Suche nach Erfolg im digitalen Zeitalter führt nach Israel ins Silicon Wadi – wo die Menschen mit Begabung, Bildung und Begeisterung kritische Umstände in Stärken verwandeln.

  • Du kommst hier nicht rein!

    Kryptotrojaner, DDos-Attacken, Phishing – Cyberkriminelle verfügen über ein großes Waffenarsenal. Höchste Zeit für entsprechende Abwehrstrategien.

  • Nachfolge im Franchise

    Eine Unternehmensnachfolge im Franchising weist generell deutlich weniger Minenfelder auf als die Gründung eines neuen Unternehmens. Wie es geht und worauf zu achten ist erfahren Sie hier.

  • Bio-Unternehmen suchen Nachfolger

    Biobetriebe tun sich besonder schwer einen Nachfolger zu finden. Neben Unternehmergeist muss er auch eine ökologische Einstellung mitbringen. Was bei der Suche hilft erfahren Sie hier.

  • Was einen »Leitwolf« und einen kleinen und mittelständischen Unternehmer verbindet

    Die Unternehmergeneration, die heute mit dem Problem einer Unternehmensnachfolge konfrontiert wird, ist ein Produkt ihrer Zeit und der Gesellschaft.

  • Bürgschaftsbanken fördern massiv Nachfolge im Mittelstand

    Deutschland hat ein Nachfolgeproblem. Im Mittelstand fehlen bis Ende 2019 rund 240.000 neue Inhaber für kleine und mittlere Unternehmen.

  • Franchise oder Startup?

    Die Vor- und Nachteile beider Modelle im Check. Ein Leitfaden für alle, die sich selbstständig machen wollen.

  • Israels Gründergeist

    Shai Agassi ist so etwas wie der Bill Gates des Silicon Wadis. Mit seiner ersten Gründung fuhr Agassi erstmal gegen die Wand. In Israel aber gehören Rückschläge zum Geschäft.

  • Darf's etwas teurer sein?

    Professionelles Pricing, Omnichannel im Vertrieb, Customization: Dr. Georg Tacke, CEO der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners über Vertriebs- und Marketingtrends 2018.

  • NEU auf DUB.de: Top-Platzierung in den Suchergebnissen

    Steigern Sie die Aufmerksamkeit für Ihre Anzeige. Positionieren Sie sich vor den Basis-Inseraten und erhöhen Sie durch die besondere Darstellung Ihre Inseratsaufrufe.

  • Einfach loslassen

    Ein Praxisbeispiel zeigt, wie die verspätete Unternehmensnachfolge gelingt.

  • Das Lebenswerk sichern

    Welche Rolle die Emotionen bei der Unternehmensübergabe spielen.

  • Die Meister des Franchise

    Die Vor- und Nachteile von Master-Franchise-Lizenzen.

  • DUB setzt Oettingers digitalen Bildungsgutschein um

    Der Politik einen Schritt voraus: Hamburger Verleger Jens de Buhr füllt die Forderung des EU-Kommissars Günther Oettinger nach Gutscheinen zur digitalen Weiterbildung mit Leben.

  • Franchisegründungen und Beteiligungskapital

    Worin unterscheiden sich Business Angels und Venture Capital? In welcher Phase ist welche Art von Beteiligungskapital die richtige? Und was passiert beim Exit? Ein Experte klärt auf.

  • Gemeinsam wachsen

    Nicht nur in der Gastronomie expandieren Unternehmen mithilfe von Franchisenehmern. Auch im Handel, im Handwerk und im Dienstleistungsbereich ist diese Vertriebsform weit verbreitet.

  • Ziele und Sorgen der nächsten Unternehmergeneration

    Gestalten statt verwalten: Die nächste Generation der Unternehmer will nicht nur das Erbe fortführen, sondern die Digitalisierung vorantreiben, zeigt eine aktuelle Umfrage.

  • Mama startet durch

    Als Mutter erfolgreich im Job zu sein, ist in Deutschland oft nicht leicht. Die Erfolgsgeschichten zweier Start-up-Gründerinnen zeigen, wie es dennoch geht.

  • Folge-Wirkung

    Wer übernimmt das Unternehmen? Ein Familienmitglied oder doch jemand Externes? Rechtsanwalt Dr. Daniel Mundhenke über eine der entscheidenden Fragen bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger.

  • Familienunternehmen erwärmen sich für einen Einstieg von Private-Equity

    Beteiligungsgesellschaften waren lange ein rotes Tuch für deutsche Familienunternehmen. Nun findet ein Umdenken statt – auch getrieben durch fehlende Optionen.

  • So läuft eine Due Diligence ab

    Steuernachforderungen, hohe Abfindungssumme, verzwickte Kundenbeziehungen: Risiken bei einem Unternehmenskauf gibt es viele. Eine Due Diligence ist deshalb zwingend erforderlich.

  • Beiräte in Franchisesystemen

    Wie wird ein Beirat organisiert? Was sind die Aufgaben und die Arbeitsweise? Und welche positiven und negativen Aspekte gibt es? Erfahren Sie mehr über Beiräte in Franchisesystemen.

  • Starke Motivation

    Das Nahziel von Bobfahrer Thorsten Margis und Rennrodler Julian von Schleinitz (Foto) ist die erfolgreiche Teilnahme bei Olympia 2018. Ihre Fernziele: Mastertitel und Promotion an der Hochschule.

  • Smarter leben

    Neue Technologien machen die eigenen vier Wände intelligent. Arne Sextro, Smart-Home-Experte bei EWE, über Chancen und Möglichkeiten ferngesteuerter Haustechnik.

  • Falsche Vorstellung

    Die Berater von Project Partners sind Spezialisten für die Umsetzung der Blockchain. Wie sich ein Unternehmen der Technologie öffnen kann, erfahren Sie im Interview.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick