Teil 2: Autobiographisches: Gysi über Erfahrungsschatz und Erkenntnisse

Rollenwechsel: Der studierte Jurist wurde 1989 Berufspolitiker und war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linken. (Foto: picture alliance)

Gregor Gysi hat zwei Dinge geprägt: "seine" Partei und das offene Wort. Er beklagt den Abstand der Linken zum digitalen Wandel und mahnt, dass Europas rechtliches Umfeld der Transformation hinterherhinkt. Für heute schon globale Herausforderungen fordert er globale Lösungen.

Gysi fordert. Nicht in Sachen Gesprächsatmosphäre. Die ist freundlich, offen, professionell. Allerdings mit Sichtweisen, die zum Nachdenken anregen (sollen). Auch seine eigenen Leute. Das langjährige Linken-Sprachrohr, das jüngst erneut direkt in den Bundestag gewählt wurde, sieht in der Sozialpolitik naturgemäß viele richtige Anstöße aus den eigenen Reihen, fordert seine Genossen aber auch auf, den bislang schwachen Draht zum Thema Digitalisierung, zu Technikern oder Ingenieuren zu stärken. Beim ­Besuch des DUB UNTERNEHMER-Magazins in Gysis Berliner Büro offenbart er zudem seine Vision eines zukunftsfähigen Deutschlands und Europas. Es spricht der Politprofi. Erfahrungsschatz und Erkenntnisse hat er auch in seinem just erschienenen Buch „Ein Leben ist zu wenig“ verarbeitet. Beides lesenswert.

 
Gysi über den Wechsel vom Anwaltsberuf in die Politik: Neben vielen großartigen Erlebnissen und Begegnungen wie etwa mit Nelson Mandela oder Fidel Castro, die ich auf meinem politischen Weg hatte, waren doch der unversöhnliche Hass, die Anfeindungen, die fast körperliche Ablehnung vor allem in der ersten Hälfte der 90er Jahre sehr kräftezehrend. Zugleich wurde ich auf der anderen Seite mit einer Hoffnung konfrontiert, die zur Last wurde, weil ich sie in diesem Umfang und Ausmaß nicht erfüllen konnte. Da wäre mir als Anwalt sicher vieles erspart geblieben. Trotzdem: Bereicherung habe ich auch erfahren.


Über Schwierigkeiten und Stigmata durch die eigene DDR-Vergangenheit: 
Das ging ja nicht nur mir so, sondern den meisten Ostdeutschen, die nach der anfänglichen Einheitseuphorie nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden sind. In dieser Beziehung sind auch noch viele Fragen offen. Wir haben nach wie vor nicht die gleiche Rente für die gleiche Lebensleistung und nicht die gleichen Löhne für die gleiche Arbeit in gleicher Arbeitszeit. Es ist doch bezeichnend, dass in diesem Jahr ein Pflegemindestlohn beschlossen wurde, der unterschiedliche Lohnhöhen in Ost und West bis 2020 fortschreibt. Parteipolitisch bin ich ein kleines bisschen stolz, dass es gelungen ist, eine Partei links von der Sozialdemokratie fest in Deutschland zu etablieren und somit europäische Normalität herzustellen. Diese gewachsene Akzeptanz erlebe ich auch persönlich. Vor 20, ja noch vor zehn Jahren wäre es doch unvorstellbar, dass man mir den Orden wider den tierischen Ernst verliehen hätte.


Über den Zwiespalt zwischen politischer Aktivität und der Fähigkeit das Alter zu genießen: 
Politik taugt nur höchst selten zum Genuss, das ist wahr. Doch ich fühle mich in meinen vier Berufen Politiker, Anwalt, Moderator und Autor gerade deshalb wohl, weil sie so unterschiedlich sind und ich dadurch die weniger genussvollen Momente gut ausgleichen kann. Dass sich die Gewichtsanteile der Berufe an meinem Leben geändert haben und noch ändern, tut ein Übriges. Nur Zeit habe ich noch weniger als früher. Das muss ich ändern.ruktur eines Industrielandes. So wie früher Stromleitungen, Schienen. Das dürfen wir jetzt nicht verschlafen.


Teil 1: Keine Links-Digitalen

Teil 2: Autobiographisches: Gysi über Erfahrungsschatz und Erkenntnisse 

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