Teil 2: „Digitales Denken ist Basiskompetenz“

Abwägen: Ein bedächtiger Führungsstil ist für Merkel auch in dynamischen Zeiten eine Maßgabe. (Foto: dpa/ Kay Nietfeld)

Erst in den USA, jetzt in Frankreich: Auch mit Emmanuel Macron ist jemand ins höchste Amt gewählt worden, der beruflich Manager-Erfahrungen mit sich bringt. Der neue Präsident gehört keiner etablierten Partei an. In der Wirtschaft würde man von disruptiven Angreifern auf die Berufspolitik sprechen. Warum ist die Sehnsucht der Menschen nach Persönlichkeiten außerhalb des Politikbetriebes so groß?
Merkel: Ich teile Ihre These so nicht. Präsident Macron ist nicht das richtige Beispiel dafür, denn er ist bereits seit mehreren Jahren Politiker, und zwar ein sehr erfolgreicher.

Digitalisierung, Robotertechnik, Künstliche Intelligenz: Die nächsten zehn Jahre werden nach Einschätzung von US-Experten mehr Veränderungen mit sich bringen als die vergangenen 30 Jahre zusammen. Viele Jobs dürften im Zuge der Transformation verschwinden, neu entstehende Tätigkeitsprofile hingegen benötigen andere Ausbildungshintergründe. Brauchen wir beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen, um soziale Unruhen zu vermeiden und Populismus den Nährboden entziehen zu können?
Merkel: Die Digitalisierung eröffnet viele neue Chancen. Dazu gehören zukunftsfähige, gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Digitalisierung bedeutet aber auch, dass wir viel Mühe in die Ausbildung und lebenslange Weiterbildung der Bürger stecken müssen. Das System eines bedingungslosen Grundeinkommens halte ich für keine gute Idee, weil es eine Abkehr vom bisherigen Bedarfsprinzip eines solidarischen Sozialstaates bedeutete, der dann hilft, wenn Not besteht. Es wäre zudem eine Abkehr vom bewährten Prinzip der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung.

Wird in dynamischen Zeiten des globalen Wandels mit einem extrem hohen Digitalisierungstempo ein eher bedächtiger Führungsstil wie der Ihre der Entwicklung gerecht?
Merkel: Solche Bewertungen überlasse ich Ihnen und anderen. Ich versuche, meine Arbeit ganz einfach so gut wie irgend möglich zu machen. Es geht in meinem Verständnis für uns Politiker dabei darum, die Probleme zu lösen und verlässlich zu sein. Das erwarten die Menschen zu Recht.

Wie bewerten Sie als Physikerin die Einschätzung vieler Experten, dass die Künstliche Intelligenz (KI) das Zeug dazu hat, die nächste technische Revolution auszulösen? KI stünde demnach in einer Reihe mit dem Buchdruck, der Dampfmaschine oder der Elektrifizierung. Welches Potenzial hat KI Ihrer Meinung nach? Wird sie die Menschheit verändern?
Merkel: Das Phänomen der Künstlichen Intelligenz ist hochspannend. Nicht nur, dass schon vor 20 Jahren ein Computer gegen Garri Kasparow im Schachspiel gewann. Wir sehen auch heute bei den Robotern oder bei den „cobots“, also bei den mit den Menschen arbeitenden Robotern, eine beachtliche Präzision und Ausdauer. Insofern ist ihr Einsatz natürlich Erleichterung und Fortschritt zugleich. Nichts Technisches aber kann auch in Zukunft so gut sein wie die menschliche Kommunikation, Kreativität und Emotionalität.

Wie halten Sie sich selbst digital auf dem Laufendem? Über Devices, die Sie selbst ausprobieren?
Merkel:
Ich bin sehr gern bereit, von Jüngeren zu lernen, Dinge aufzunehmen und mich beraten zu lassen. Denn souverän und selbstbestimmt mit digitalen Medien und neuen Technologien umgehen zu können – das gehört heute einfach dazu. Das ist eine Basiskompetenz wie Lesen, Rechnen oder Schreiben.

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