Allen gerecht werden

Kate Raworth ist an den Universitäten in Oxford und Cambridge als Wirtschaftswissenschaftlerin tätig
Kate Raworth ist an den Universitäten in Oxford und Cambridge als Wirtschaftswissenschaftlerin tätig (Foto: PT)

Kate Raworth fordert ein fixes Umdenken der Wirtschaft und plädiert für ein Gleichgewicht zwischen Kapitalismus, sozialer Gerechtigkeit und Ökologie.

In Ihrem Wirtschaftsmodell „Donut-Ökonomie“ nehmen Sie an, dass wir im 21. Jahrhundert Kapitalismus, Ökologie und soziale Grundrechte miteinander verbinden sollten. Wie kann eine solche Kombination gelingen?

Die Wirtschaft im 21. Jahrhundert hat meiner Ansicht nach die Aufgabe, die Bedürfnisse aller Bewohner der Erde mit den Ressourcen dieses Planeten zu befriedigen. Kapitalismus habe ich nie erwähnt, ich finde diesen Begriff wenig hilfreich, weil er die unterschiedlichsten Dinge bezeichnet. Würde ich Kapitalismus erwähnen, würde jemand anderes den Sozialismus in die Debatte einbringen, wieder ein anderer den Kommunismus und in kürzester Zeit hätten wir uns in den Ismen des 20. Jahrhunderts verstrickt. Ich glaube es wird Zeit, dass wir diesen geschichtlichen Ballast beiseitelegen und neu über Dynamik und Funktionsweise von Wirtschaftssystemen nachdenken. Unsere größte Chance, die Grundbedürfnisse aller Menschen mit den Ressourcen des lebenden Planeten zu befriedigen, ist, distributive und regenerative Wirtschaftssysteme zu schaffen. Wirtschaftssysteme, in denen Wertschöpfung in wesentlich größerem Ausmaß unter allen daran Beteiligten geteilt wird. Wirtschaftssysteme, die mit und in den Kreisläufen unseres lebendigen Planeten funktionieren. Ich bezweifle stark, dass solche Wirtschaftssysteme unter die Begriffe Kapitalismus oder Sozialismus gefasst werden können.

Adam Smith, John Maynard Keynes, Milton Friedman oder Thomas Piketty – sie alle haben in ihren Arbeiten dargelegt, wie Wirtschaft und Kapital in einer funktionierenden Gesellschaft gestaltet sein sollten. Warum lagen Sie mit ihren Einschätzungen falsch, insbesondere in Bezug auf ökologische Ziele?

Ich würde gerne mit jedem dieser äußerst einflussreichen Männer zusammensitzen und ihnen das Donut-Diagramm zeigen, damit sie berücksichtigten könnten, was wir heute über die fundamentale Abhängigkeit des Menschen von den Ökosystemen dieser Erde wissen. Etwa von einem stabilen Klima, gesunden Meeren und Böden oder einer großen Artenvielfalt. Ich wette, mit diesem neuen Ansatzpunkt würde jeder von ihnen seine Analyse überarbeiten. Smith könnte sagen, er habe das schon immer gewusst: In seinem berühmten Werk „Der Wohlstand der Nationen“ schrieb er, dass das Wirtschaftswachstum einer Nation durch Klima und Boden begrenzt wird. Keynes würde sich glaube ich über die Herausforderung freuen und argumentieren, dass seine Vision einer 15-Stunden-Woche von 1930 ein guter Ansatzpunkt wäre, um sich dem Donut-Modell anzunähern. Friedman, befürchte ich, würde versucht sein, sich mit den heutigen Leugnern des Klimawandels zu verbünden. Das ist der einfachste Weg, weiterhin an die Kraft unregulierter Märkte und die Abwesenheit des Staates zu glauben. Piketty ist ein extrem schlauer Mensch, ich glaube, er würde sich dazu entscheiden, ein weiteres Kapitel seines Buches „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zu schreiben. Ein Kapitel das vom Naturkapital als wichtigster Kapitalform ausgehen würde. Dann würde er versuchen herauszufinden, wie man soziale Ungleichheit und die Ausbeutung der Umwelt zusammen adressiert.

Soziale Politik hat derzeit einen schweren Stand. Die Wahlergebnisse in den USA, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Deutschland machen dies deutlich. Stattdessen scheinen in manchen Ländern neoliberale Positionen Zuspruch zu finden. Ihre Recherchen zeigen einen Widerspruch zwischen sozialer und neoliberaler Politik. Welchen Kompromiss schlagen Sie vor?

Ich glaube, wir sind derzeit Zeuge einer der letzten großen Hochphasen des neoliberalen Narrativs. Trump hat gerade erst die Unternehmenssteuer in den USA zerschlagen. Mays Regierung in Großbritannien scheint einen Post-Brexit-Traum des Vereinigten Königreichs als freie Steueroase zu verfolgen. Hinter dieser öffentlichen Fassade aber liegt eine andere Realität, in der die Wohlfahrt für Unternehmen immer noch in Mode ist. Das hat die massive Bankenrettung durch die öffentliche Hand in der letzten Finanzkrise 2008 gezeigt – eine Krise die bis heute nicht grundlegend bewältigt wurde. Obwohl viele immer noch mit dem neoliberalen Narrativ liebäugeln, suchen andere bereits nach einer neuen Vision von dem, was Wirtschaft ist und wozu sie dienen soll. Eine solche Vision erkennt die globale Abhängigkeit der Menschen untereinander an. Sie realisiert, dass wir die spaltenden und degenerierten Ökonomien unserer heutigen Zeit verändern müssen, damit Wirtschaftssysteme gerechter werden und sie gleichzeitig mit und innerhalb den Kreisläufen unserer Ökosysteme funktionieren.


Teil 1: Allen gerecht werden

Teil 2: Quellen der Wertschöpfung anders verteilen 

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