Teil 2: Quellen der Wertschöpfung anders verteilen

Einer der zentralen Fragen der Donut-Ökonomie scheint zu lauten: Was, wenn Wirtschaft nicht vom Geld her gedacht würde, sondern vom menschlichen Wohlbefinden?

Seit über 70 Jahren ist das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts das erklärte Ziel der Politik, bestärkt von einem Finanzsystem, das unendliches Wachstum erwartet, fordert und benötigt. Dieser Fokus aber hat zu extremer Ungleichheit und einem ernsthaften Verfall unseres Planeten geführt. Kein Wunder, dass so viel Interesse an einem Ansatzpunkt für ein neues Wirtschaftssystem besteht, einer Denkweise, die mehr Sinn ergibt, weil sie bei unserer Menschlichkeit ansetzt. Seit ich 2012 das Donut-Diagramm veröffentlicht habe, bin ich immer wieder überrascht von den Reaktionen: es hat zu Gesprächen geführt, die ich für unmöglich hielt und Interesse bei den unterschiedlichsten Parteien geweckt – von der UN-Generalversammlung über die Occupy-Bewegung bis hin zu Unternehmenslenkern und Politikern. Wie die innovative Systemdenkerin Donella Meadows bereits wusste: Einer der besten Ansatzpunkte, um ein System zu ändern, ist dessen Zielsetzung oder Zweck zu ändern. Genau das versucht das Donut-Modell. Auch wenn die heutige, finanzgetriebene Wirtschaft einen solch dramatischen Wandel der Zielsetzung nicht erlaubt, verlangen die Menschen danach. Sie rufen nach einer Wirtschaft, die nicht mehr länger von den Bedürfnissen und Interessen des Finanzsystems getrieben wird, sondern stattdessen fragt, wie ein Finanzsektor im Dienste der Realwirtschaft aussehen könnte – im Dienste der Menschen. Das wäre natürlich ein ganz anderes System als das heutige.

In einer aktuellen Studie haben Wissenschaftler wie Thomas Piketty aufgedeckt, dass die oberen Einkommen in Deutschland 40 Prozent der Gesamteinkommen erhalten. Laut der Erhebung hat das reichste Prozent der Weltbevölkerung seine Einnahmen seit 1980 verdoppelt, während die Mittelschicht nicht an der Wohlstandsmehrung teilhaben konnte. Im Nahen Osten und Asien sind die Verhältnisse noch schlimmer. Wie können wir dieser Herausforderung begegnen und Wohlstand für breite Gesellschaftsschichten ermöglichen?

Die Antwort auf die wachsende Ungleichheit im 20. Jahrhunderts war die Umverteilung von Vermögen über Steuern, Transferleistungen und der Mindestlohn. Diese Instrumente sind wichtig, aber ständig in Gefahr, wieder abgeschafft zu werden, wie Trump gerade erst mit der massiven Beschneidung der Unternehmenssteuer in den USA gezeigt hat. Hinzu kommt, dass die Umverteilung von Vermögen nichts an den zugrundeliegenden wirtschaftlichen Prozessen ändert. Im 21. Jahrhundert ist es an der Zeit, tiefer zu schürfen, neue Wege zu finden, wie man die Quellen der Wertschöpfung verteilt. Das ist eine faszinierende Gestaltungsaufgabe.

Für zwei Hauptquellen der Wertschöpfung bietet sich uns heute eine nie dagewesene Chance: der Zugang zu Energie und Ideen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind die Technologien zur Produktion und Übermittlung von Ideen und Energie Systeme distributiver Natur – erneuerbare Energienetzwerke und das Internet. Das ist eine Chance, Wirtschaftssysteme zu kreieren, die eine distributive Struktur nutzen. Etwa die lokale Eigenproduktion erneuerbarer Energie oder der universelle Zugang zum Internet mit Open-Source-Software und freien Inhalten.

Gleichzeitig wächst das Interesse an distributiveren Systemen von Wohnungseigentum. Etwa in Form von Baugruppen oder anderen gemeinschaftlichen Besitzmodellen. Ebenso gibt es einen Trend zu Unternehmen in Mitarbeiterbesitz oder Kooperativen, die erzeugte Werte unter den Mitarbeitern aufteilen, anstatt sie an weit entfernte Shareholder abfließen zu lassen. Außerdem wird zunehmend darüber diskutiert, bei wem die Macht zur Geldproduktion liegen  sollte: Bei privatwirtschaftlichen Banken, wie größtenteils heute der Fall, dem Staat oder gar bei Gemeinschaften in Form von Komplementärwährungen.


Teil 1: Allen gerecht werden

Teil 2: Quellen der Wertschöpfung anders verteilen

Kate Raworth, Die Donut-Ökonomie - Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Übersetzt aus dem Englischen von Hans Freundl, Sigrid Schmid

416 Seiten
ISBN : 978-3-446-25845-7
€ 24,00 (D)

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