Mutmacher, Mahner und das Morgen

Data Analytics und Robotik revolutionieren Gesundheitsversorgung

David Stachon: der studierte Biochemiker arbeitet seit Mitte 2016 als CEO des Direktversicherers CosmosDirekt und Vorstandsmitglied bei Generali Deutschland. Zuvor war er unter anderem Marketingdirektor der ERGO Gruppe
David Stachon:
der studierte Biochemiker arbeitet seit Mitte 2016 als CEO des Direktversicherers CosmosDirekt und Vorstandsmitglied bei Generali Deutschland. Zuvor war er unter anderem Marketingdirektor der ERGO Gruppe (Foto: Jann Klee)

Ist der Vorstoß der TK der richtige Weg? Oder gibt es zu viele Eitelkeiten im Markt, um diesem zu folgen?

Stachon: Ich sehe keine Eitelkeiten. Ich glaube, wir brauchen eine Austauschbarkeit dieser Daten – sie müssen zwischen einzelnen Playern wie Krankenhäusern, privaten und gesetzlichen Versicherern und auch systemübergreifend austauschbar sein. Falls nicht, bräuchten wir das, was ich die IT-Versatzmuffe nenne – nämlich eine Schnittstelle, um verschieden gepflegte Daten von A nach B zu übertragen. Das geschieht leider noch viel zu häufig. Jede Standardisierung hilft.

Aber ist eine Einigung auf Standards denn realistisch?

Stachon: Die deutsche Industrie hat sicher keinen guten „Track Record“ darin, sich auf einheitliche Standards zu einigen. Und doch sollten zumindest die Grunddatensätze kongruent und transferierbar sein.

Baas: Ich halte es für realistisch – eindeutig. Wir reden derzeit mit den anderen großen Krankenkassen, die auch am Thema arbeiten. Es ist eine einmalige Chance, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Baas: Darin steckt das Effizienzpotenzial unseres Systems. Es ist effektiv, wenn wir Doppelbehandlungen und -diagnostik vermeiden und Daten zu dem Zeitpunkt, an dem eine Therapieempfehlung erfolgt, greifbar sind. Auf je mehr Daten behandelnde Personen und Systeme Zugriff haben, desto besser. Eine systemübergreifende Kooperation könnte eine Diskussion um Grundstandards anstoßen. Viele Herausforderungen des Gesundheitssystems würden wir dann angehen können. Schlussendlich wird es bei der TK aber immer noch ein anderes System geben als in einer CosmosDirekt- oder Generali-Welt. Dennoch müssen Datensätze austauschbar sein. Und ich bin optimistisch, denn die technischen Möglichkeiten sind besser geworden. Wir müssen nur grunddefinieren, welche Datensätze wir brauchen.

Welche Technologien werden Ihr Geschäft verändern?

Stachon: Wir haben uns als Gruppe dazu entschieden, das Thema Versicherungen neu zu erfinden – und zwar aus der technologischen Entwicklung heraus. Für mich sind die treibenden Themen der Zukunft Data Analytics, Robotik und Sensorik. Natürlich sind Daten und Datenauswertung wichtig, aber Robotik ist bei uns im Versicherungswesen insgesamt ein extrem wichtiger Faktor für Sicherheit und Risiko. Ein simples Beispiel ist autonomes Fahren. Das hat revolutionären Einfluss auf die Kfz-Versicherung. Im Gesundheitswesen werden wir Operationsroboter-Techniken sehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Denn: So werden viele Fehlerquellen eliminiert. So kommt heutzutage auch niemand mehr auf die Idee, ein großes Flugzeug rein manuell zu fliegen. In vielen anderen Bereichen verlassen wir uns – obwohl es um Leben und Tod geht – noch auf das handwerkliche, individuell unterschiedliche Geschick des Einzelnen. Das ist zwar nicht falsch, aber es gibt künftig auch ganz andere Lösungen. In Sachen Sensorik erleben wir derzeit einen dramatischen Preisverfall, was zu ihrem verstärkten Einsatz führen wird. Und: Was immer wir künftig messen wollen – wir werden es bald in Echtzeit tun. Das wiederum verknüpfen wir mit der uns zur Verfügung stehenden Datenmenge. Wir stellen uns in allen Versicherungsbereichen auf diese neuen Technologien ein. Im Gesundheitswesen sind wir – auch mit unserem Vitality-Konzept – der Treiber.

Baas: Der OP-Arzt wird bleiben – aber er wird einen Roboter an seiner Seite haben, der ihn unterstützt. Es geht nicht um ein Ersetzen, sondern ein Zusammenwirken.

Unter welcher Prämisse setzen Sie Technologie ein?

Baas: Für uns ist die Herausforderung, zu beurteilen, was Technologien wie Künstliche Intelligenz für uns als Krankenkasse bedeuten. Dabei müssen wir schon jetzt den Blick in die Zukunft werfen und einschätzen, wie unser Auftrag in fünf Jahren aussieht und wie wir unsere Versicherten bestmöglich unterstützen können. Wir halten den Nutzen hoch und die Risiken niedrig.

Teil 1: Nicht Datenschutz sondern Interessenschutz bremst Digitalisierung

Teil 2: Sensible Gesundheitsdaten nicht Google oder Apple überlassen

Teil 3: Data Analytics und Robotik revolutionieren Gesundheitsversorgung

Teil 4: Droht uns eine digitale Zweiklassengesellschaft?

Teil 5: „Doktor Google“ macht Patienten nicht mündiger

Teil 6: Elektronische Gesundheitskarte als Disruption der Gesundheitsbranche

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