Mutmacher, Mahner und das Morgen

Sensible Gesundheitsdaten nicht Google oder Apple überlassen

Jens Baas ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse TK. Zuvor war der studierte Mediziner Berater bei der Boston Consulting Group und praktizierte an verschiedenen Universitäts­kliniken
Jens Baas
ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse TK. Zuvor war der studierte Mediziner Berater bei der Boston Consulting Group und praktizierte an verschiedenen Universitäts­kliniken (Foto: Jann Klee)

Wie löst man dieses Problem?

Baas: Wir brauchen klare Regeln dafür, welche Daten zu welchem Zweck genutzt werden dürfen und wie die Vernetzung aussieht. Es muss klar geregelt sein, welche Gesundheitsdaten an welcher Stelle von wem vorzuhalten sind – und zwar mit welchen Rechten oder Einschränkungen. Entscheidend ist aber auch die Vernetzung derjenigen, die nah am Patienten sind: Ärzte untereinander, Leistungserbringer, Pflegedienste und Versicherer. Das braucht ein Regelwerk. Und in diesem muss der Versicherte Herr seiner Daten sein. Nur er darf über deren Verwendung entscheiden. Bis diese Rahmenbedingungen stehen, ist allerdings alles noch Stückwerk. Unterschiedlichste Player arbeiten an Lösungen, an die sich andere wiederum versuchen anzudocken. Solche Vorarbeiten können aus der Wirtschaft oder von uns Krankenkassen kommen. Aber das Setzen des Regelwerks ist eine politische Aufgabe.

Und wer übernimmt den Job? Minister Jens Spahn?

Stachon: Zumindest ist spürbar Bewegung in das Thema digitalisiertes Gesundheitswesen gekommen.

Baas: Die Politik hat das Problem erkannt, aber die Mühlen mahlen nur so schnell, wie das in einer Demokratie nun mal der Fall ist. Was herauskommt, wird man sich in einiger Zeit anschauen müssen. Zentral ist eine Erkenntnis: Die Ausbildung und Erziehung rund um das Thema Datenlogik, Datenumgang sowie das Wissen darum, welche Spuren ich hinterlasse, wenn ich mich im Netz bewege, gehört in die Breite.

Jüngst haben Sie die digitale Patientenakte an den Markt gebracht. Um einen ersten Standard zu setzen?

Baas: Ganz deutlich: Wir haben das nicht aus Wettbewerbsgründen getan, sondern um Geschwindigkeit in die Debatte und Umsetzung hineinzubekommen. Höchstwahrscheinlich wird sich irgendwann eine Lösung durchsetzen. Bis dahin brauchen wir einheitliche Standards, um Insellösungen zu vermeiden. Mein persönliches Horrorszenario ist, dass sich andernfalls eine Aktenfunktionalität entwickelt und die Menschen ihre Gesundheitsdaten, Auswertungen und Termine einfach irgendwo speichern. Wenn sie dies bei einem rein kommerziell agierenden Unternehmen wie Google oder Apple tun, haben diese Player im deutschen Gesundheitswesen künftig auch das Sagen. Da gibt es bereits viele entsprechende Beispiele aus anderen Industrien. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel. Die Erfahrung allerdings lehrt, dass vielen Menschen im Zweifelsfall Bequemlichkeit und vordergründiger Nutzen wichtiger sind als der Schutz sensibler Daten.

Stachon: In Deutschland haben wir zwei Systeme der Krankenversicherung – gesetzlich und privat –, die im Umgang mit Gesundheitsdaten 100 Jahre Erfahrung und mehr haben. Und zwar dies, ohne dass wir damit je Probleme erzeugt hätten. Ich würde das Thema daher nicht dem freien Spiel der Kräfte des Marktes überlassen. Denn hier gibt es einen Wettstreit um die Daten, das ist das, was jeder Einzelne momentan erlebt. Ich möchte das in den Händen derjenigen sehen, die bewiesenermaßen über Dekaden hinweg verantwortungsvoll mit Daten umgehen können.

Baas: Und die auch entsprechend reguliert sind.

Teil 1: Nicht Datenschutz sondern Interessenschutz bremst Digitalisierung

Teil 2: Sensible Gesundheitsdaten nicht Google oder Apple überlassen

Teil 3: Data Analytics und Robotik revolutionieren Gesundheitsversorgung

Teil 4: Droht uns eine digitale Zweiklassengesellschaft?

Teil 5: „Doktor Google“ macht Patienten nicht mündiger

Teil 6: Elektronische Gesundheitskarte als Disruption der Gesundheitsbranche

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