Hamburg, 17.05.2017

Teil 3: Die größte Wertschöpfung

Dr. Cornelius Boersch: Der Experte sagt, Start-up-Risiken sind via System kontrollierbar. Außerdem ermögliche die Digitalisierung die Internationalisierung (Foto: PR)

Sind die von vielen Unternehmen zuletzt aufgebauten Innovations-Labs ein sinnvolles Instrument, um Start-up-Denken zu integrieren oder eher ein Feigenblatt?
Boersch: Diese eigens aufgebauten Start-up-Inkubatoren oder Labs wurden doch teils schon wieder geschlossen. Auch Ideen mit Venture-Capital-Töchtern haben rückblickend nicht funktioniert. Ich sehe darin den Konflikt mit einer zu kurzfristigen Denke. Wie begegnet man ersten Widerständen, wie geht man mit Misserfolgen um? Wie schafft man es, sich von der Idee, dass beim ersten Mal zwanghaft alles funktionieren muss, tatsächlich zu verabschieden? Sich von Misserfolgen abschrecken zu lassen ist allerdings der völlig falsche Weg. Denn es braucht sie, damit sich etwas weiterentwickelt. Daher brauchen Start-ups auch Investoren, die einen langen Atem oder die Mittel dazu haben. 1997 habe ich in die Scout-Gruppe investiert. Der Börsengang erfolgte 2015. Großunternehmen haben oft eine zu kurzfristige Sichtweise – ein Verantwortlicher sagt, in Inkubatoren und Innovationen liegt unser Heil, der andere sagt, das ist nix für uns. 

Sie sagen, Venture Capital im klassischen Sinne funktioniert nicht – warum?
Boersch: Es ist zu viel Kapital für zu viel Risiko im Markt. Die größte Wertschöpfung erzielt ein Start-up in der Frühphase, wenn die Bewertung sich in einem Jahr ver-x-facht. In den Folgejahren, wenn üblicherweise die Venture Capital-Geber einsteigen, ist weniger zu verdienen. Es ist doch einfach viel besser, in einer Branche tätig zu sein, die an jeder Ecke wächst. Dieser Philosophie folgend, war ich auch einer der ersten, der im Silicon Valley etwas gemacht hat. Auf der anderen Seite ist und bleibt es einfach extrem schwer, das Erfolgspotenzial von Ideen früh zu erkennen. Von der Uber-Idee erzählte mir ein Geschäftsfreund vor Jahren, bevor der Hype startete. Ich war nicht überzeugt. Gleiches galt für Spotify oder Evernote. Aus Investmentsicht keine richtigen Entscheidungen, wie die heutigen Bewertungen der Unternehmen zeigen. Wer investiert heute in aussichtsreiche Start-ups ? Es sind wieder nicht die Europäer, sondern die Chinesen und Amerikaner. Unser Vorteil : Start-ups aus China oder den USA haben wenig Ambitionen, international zu wachsen. Hier sehe ich unsere Chance. Wir können auf der einen Seite helfen, auf der anderen Seite aber mit unserem international agierenden Mittelstand in diese Lücke stoßen. 

Gründer, Unternehmer, Investor – Sie hatten alle Rollen inne. Welcher Typus ist Ihnen der nächste?
Boersch: Ich bin der „wenn ich um 6.00 Uhr aufwache, freue ich mich auf die Arbeit“-Typus. Ich würde mich als Unternehmer durch und durch bezeichnen. Es macht mir Spaß, mich mit Start-ups und neuen Technologien zu beschäftigen. Zudem empfinde ich es als ein Privileg, viel zu reisen, mein Netzwerk zu erweitern, jeden Tag spannende Menschen kennenzulernen und ihnen zu helfen, die nächsten Entwicklungsschritte zu machen. Natürlich habe ich auch Freude am Investieren, Verhandeln auf höchstem Niveau und guten Exits. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dies auch die nächsten zehn bis 15 Jahre noch so zu machen. Im Übrigen kann ich aber auch mit Pasta, einem Glas Rotwein, Familie und Freunden um mich herum schon glücklich sein.

Verraten Sie uns bitte Ihre Lebens- und ihre Business-Maxime. Und erläutern Sie uns – wenn diese sich unterscheiden – warum dies so ist.
Boersch: Einer einzigen Maxime folge ich nicht, eher einer Kombination mehrerer Dinge. Wenn Sie nach einem Motto fragen, wäre es vielleicht, dass ich „nicht der reichste Mann auf dem Friedhof sein“ muss. Ich habe hohen Respekt vor Idealismus und gesellschaftlichem Engagement. Diese Triebfedern bringen Menschen – auch solche die andernorts deutlich besser verdienen könnten – beispielsweise in die Politik. Mit dieser Motivation habe ich für die FDP erfolgreicher als jemals danach Fundraising betrieben und den vom Wähler belohnten 2009er Wahlkampf mit gemanagt. Berufspolitiker brauchen Unternehmer an ihrer Seite, mit denen sie sich austauschen. Das findet in Deutschland noch viel zu wenig statt. Welche der erfolgreichsten Familiendynastien hierzulande ist politisch aktiv? Keine. Das sollte sich ändern, davon können wir nur profitieren. Zusammengefasst: Als erfolgreicher Unternehmer kümmere ich mich um meine Familie, mein soziales Umfeld und zeige politisches Engagement. Das ist eine gute Mischung, die Respekt verdient und so versuche auch ich zu leben. 

Teil 1: Der Start-up-Fabrikant
Teil 2: Globale Kapazitäten
Teil 3: Die größte Wertschöpfung

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