Ideen innen und aussen

Innovationen sind im digitalen Zeitalter überlebenswichtig. Doch gute Ideen fallen leider nicht vom Himmel. Beim Innovationsforum 2015 in Frankfurt am Main sprachen vier Konzernlenker darüber, welche Quellen sie anzapfen, um neue Ideen zu generieren

Innovatoren: (im Uhrzeigersinn von links unten) Jens Baas (Techniker Krankenkas-se), Christoph Franz (Roche Holding), Rüdiger Grube (Deutsche Bahn), Gabor Steingart (Handelsblatt) und Gisbert Rühl (Klöckner & Co.)

Wer Top-Manager von heute nach dem gelobten Land befragt, erhält nicht mehr „Kanaan“ zur Antwort, sondern „Silicon Valley“. Immer mehr von ihnen unterbrechen regelmäßig ihr Alltagsgeschäft, um in das Tal der digitalen Könige zu pilgern. Neben der Start-up-Mentalität und dem Flair, den die Tech-Giganten vor Ort verbreiten, lockt sie vor allem der dortige Innovationsgeist – so auch Jens Baas, Vorstandsvorsitzender Techniker Krankenkasse (TK), Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bahn, Gisbert Rühl, CEO Klöckner & Co., und Christoph Franz, Verwaltungsratspräsident Roche Holding. Sie diskutierten, moderiert von „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart, auf dem Innovationsforum 2015 in Frankfurt am Main die Zukunftsstrategien ihrer Unternehmen.

Dabei treibt die Konzernlenker nicht ausschließlich Bewunderung nach Kalifornien. Es dürfte auch Sorge vor neuen Wettbewerbern sein. Denn der digitale Wandel bricht sich überall Bahn. Und mancherorts schneller als gedacht. Uber und Airbnb zeigen, wie ehemals kleine Wachstumsunternehmen es schaffen, mit groß gedachten Ideen ganze Branchen umzukrempeln. Entsprechenden Respekt hegt etwa Jens Baas. „Auch unser scheinbar sicheres Geschäftsmodell kann vom unsichtbaren sechsten Mann aus dem Silicon Valley angegriffen werden“, so der Manager. Momentan genieße die Krankenkasse noch den Schutz hiesiger Regularien und die Trägheit des Systems. „Darauf möchte ich mich aber ungern verlassen“, ergänzte Baas. Deshalb treibt er das Dienstleistungsprofil der TK kontinuierlich voran – und vollzieht eine Abkehr vom eher behäbigen Behördenimage, das zurzeit noch an den meisten Krankenkassen haft

Prozesse und Produkte digitalisieren

Die Möglichkeiten sind da. Die TK verfügt über Big Data. So wisse sie beispielsweise, welche Medikamente ihre Kunden regelmäßig zu sich nehmen müssen, und könne deshalb vor potenziell gefährlichen Wechselwirkungen warnen. Bislang verhinderten datenschutzrechtliche Bestimmungen jedoch, dass Krankenversicherungen aktiv auf Patienten zugehen und ihre Daten sinnvoll einsetzen können.

Auch die Deutsche Bahn hat das digitale Zeitalter längst eingeläutet. Rüdiger Grubes Vorzeigeprojekt ist der DB Navigator. Mit der App lassen sich unter anderem aktuelle Fahrpläne, Tickets und individuelle Reisepläne per Smartphone und Tablet abrufen. In Europa zählt die Anwendung zu den erfolgreichsten Reise-Apps überhaupt. Besonders stolz macht Grube, dass der DB Navigator zu den wenigen standardmäßig installierten Programmen auf der Apple Watch gehört.

Innovation von innen

Christoph Franz berichtete, wie er für die Arbeit bei Roche sogar sich selbst neu erfinden musste. Der frühere Chef der Deutschen Lufthansa kam in das Pharmaunternehmen, ohne über Medikamentenordnungen oder Molekülstrukturen wirklich Bescheid zu wissen. Dafür habe es laut Franz auch ein bisschen Mut gebraucht. In verschiedenen Fortbildungen sei er dann in die einschlägigen Themen eingeführt worden. Das nachträgliche Drücken der Schulbank hat sich gelohnt. Durch die hinzugewonnenen Erkenntnisse falle es ihm zum Beispiel leichter, die Erfolgschancen der anspruchsvollen Forschungsarbeit einzuordnen. Trial and Error gehört hier zum System. „In der Pharmabranche scheitern neun von zehn Molekülen“, so Franz. „Da wird man demütig.“ Die geringe Quote hindert Roche aber nicht daran, gewaltig zu investieren. Rund neun Milliarden Schweizer Franken (8,2 Milliarden Euro) gab der Schweizer Konzern 2014 allein für Forschung und Entwicklung aus.

Innovation durch Zukauf

Neben der internen Forschung sucht Franz auch außerhalb der bestehenden Unternehmensstruktur nach Innovationen. Durch den Einstieg in die US-amerikanische Biotechnologie-Firma Genentech sicherte sich Roche beispielsweise Know-how, das seine Krebsforschung entscheidend weiterbringt. „Es wird absehbar gelingen, bestimmte Formen von Krebs in eine chronische Krankheit zu verwandeln“, gibt Franz zu hoffen.

In einer Hinsicht waren sich die vier Entscheider einig: Je größer ein Unternehmen ist, desto schwieriger wird es für seine Mitarbeiter, Innovationen hervorzubringen.

Innovation durch Externalisierung

Gisbert Rühls Praxisbericht „Da hat einer eine Idee. Und der Zweite sagt, das geht ja gar nicht“ dürfte vielen Geschäftsführern bekannt vorkommen. Bahn-Chef Grube ergänzte, dass das betriebliche Vorschlagswesen daher überholt sei. Eigentlich hätte das Optimierungssystem dazu dienen sollen, das Ideenpotenzial der Mitarbeiter nutzbar zu machen. Trotzdem erlebe er immer wieder, dass Mitarbeiter Vorschläge machen und dann acht Wochen nichts mehr dazu hören. Dies gelte es zu ändern. Eine Innovationskultur sei schnell und offen – Trägheit und Arroganz zählen nicht dazu.

Einen weit größeren Effekt versprechen sich die Konzernlenker daher von Kreativschmieden, die außerhalb des Unternehmens angesiedelt werden. Faktisch ist das etwa das Kompetenzcenter Klöckner.i in Berlin, mit dem das eigene traditionelle Geschäftsmodell mittels digitaler Alternativen hinterfragt werden soll. Die Deutsche Bahn engagiert sich ebenfalls in der Hauptstadt: Im dortigen Betahaus entwickeln gleich mehrere Start-ups neue Infrastruktur-Ideen für das DB-Accelerator-Programm.

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