Freund oder Feind?

Seit 129 Jahren steht Daimler für Mobilität. Geht es nach Apple und Google, hat die Ära der Automobilbauer nun ein Ende. Im Exklusiv-Gespräch schildert Vorstandschef Dieter Zetsche seine Zukunftsvision für die Industrie.

Die Automobilbranche ist im Umbruch. Elektroautos rollen auf den Straßen, Car-Sharing-Dienste erobern die Metropolen und Großkonzerne – nicht nur aus der Automobilindustrie – basteln am selbstfahrenden Auto. Die drei großen Autobauer Daimler, BMW und Audi gaben jüngst bekannt, den Kartendienst HERE vom finnischen Konzern Nokia kaufen zu wollen – autonomes Fahren braucht präzise Straßenkarten. Auch die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley arbeiten an der Digitalisierung der Mobilität. Die schon im vergangenen Jahr vorgestellte Auto-Studie von Google fährt ohne Pedale und Lenkrad.

Daimler-Chef Dieter Zetsche spricht im exklusiven DUB-UNTERNEHMER-Interview über Visionen, Herausforderungen und denkbare Kooperationen.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Herr Dr. Zetsche, aus dem Telefon ist ein Smartphone geworden, das unsere Welt revolutioniert hat. Sie sagen, aus dem Auto sollen moderne Heime werden – was heißt das?

Dieter Zetsche: Die Branche für Consumer Electronics und die Automobilindustrie konvergieren, und das eröffnet unglaublich viele Chancen. Aus der Idee des autonomen Fahrens wird eine realistische Perspektive. Das Schlagwort heißt „the third place“: Neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz wird mit dem Auto ein dritter Raum geschaffen, in dem nicht nur am Steuer gesessen wird, sondern in dem auch gearbeitet, kommuniziert und entspannt werden kann.

Sie sagen auch, das Auto werde Verantwortungübernehmen.

Zetsche: Das autonome Fahren ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine rechtliche Herausforderung. Es muss erst einmal schrittweise erlaubt werden. Zudem wirft es ethische Fragen auf. Wir werden die Zahl der Verkehrsunfälle dramatisch reduzieren können, da ein Großteil auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

Denken wir an einen Wildwechsel: Das Auto muss ausweichen, es droht ein Crash – die Alternativen sind Reh, Gegenfahrbahn oder Baum.

Zetsche: Wer zu Schaden kommt, wird dann durch Algorithmen vorbestimmt. Soll man hier nach Prioritäten agieren? Das ist ganz schwer vorstellbar. Der Mensch trifft solche Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden, vielleicht sogar unbewusst. Die Übertragung dieser Entscheidung auf Computer wirft viele Fragen auf, die man im gesellschaftlichen Diskurs behandeln muss.

Deutschland gilt als autoverrücktes Land. Glauben Sie, dass die Deutschen das Steuer aus der Hand geben?

Zetsche: Das glaube ich nicht, aber das ist auch nicht das Ziel. Wir wollen den Fahrzeugen eine zusätzliche Fähigkeit geben und den Fahrern eine zusätzliche Möglichkeit. Wenn ich gerade beschäftigt bin oder die Verkehrslage ungünstig ist – zum Beispiel im Stau –, kann ich sagen: Mach du mal. Man kann die Option wahrnehmen, muss es aber nicht. Das autonome Fahren wird kommen, und es wird begeistern.

Wird immer ein Steuer im Fahrzeug bleiben, damit der Fahrer selbst entscheiden kann?

Zetsche: Auf jeden Fall. Und nach „Car2go“ kommt möglicherweise „Car2come“: Ich sage meinem Smartphone, dass ich jetzt aufbreche, trete vor die Tür, und das Auto kommt angefahren. Ich setze mich rein und entscheide dann, ob ich selbst fahre oder nicht. Das ist eine weitere Komponente, an die man denken muss. In solchen Transportsystemen ist es gegebenenfalls denkbar, auf ein Steuer zu verzichten, aber nicht unsere Strategie.

Werden die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley bald größere Wettbewerber für Sie sein als Audi und BMW?

Zetsche: Die Rollen „Konkurrent“ oder „Partner“ sind noch nicht klar vergeben. Auf der einen Seite gibt es Felder der Zusammenarbeit mit diesen Firmen. Google und Apple wollen Betriebssysteme im Wagen zur Verfügung stellen und das ganze Biotop um Apple und Google herum im Wagen ermöglichen. Das kann in beiderseitigem Interesse sein. Auf der anderen Seite kann es sein, dass wir um den gleichen Kunden mit unterschiedlichen Produkten buhlen.

Es soll Pläne geben, dass jeweils Apple und Google ein Auto bauen oder dieses in Auftrag geben wollen.

Zetsche: Google kann bereits Fortschritte in der Entwicklung der autonomen Fahrtechnologie aufweisen. „Bild“-Chef Kai Diekmann hat neulich dieses Verhältnis als „Frenemies“ bezeichnet – friends and enemies. Eine ganz spannende Entwicklung. Wir sind in Gesprächen. Global betrachtet ist der Wettbewerb zunächst einmal förderlich. Wir sehen die beeindruckenden Leistungen dieser Firmen auf ihren Gebieten und die finanzielle Macht. Insofern ist da sicherlich Respekt angesagt, aber keine Angststarre. Wir wissen auch, was wir können. Selbst harter Wettbewerb wird uns nur weiter fordern und stärker machen. Als deutsche Automobilindustrie sind wir so stark geworden, weil wir jeden Tag im intensiven Wettbewerb stehen.

Wäre es denkbar, dass Sie im Auftrag von Google oder Apple ein Auto produzieren?

Zetsche: Wir wollen keine Lieferanten werden, die keinen direkten Kundenkontakt mehr haben und Hardware an Dritte liefern. In einzelnen Projekten ist das nicht auszuschließen, aber in Summe ist das nicht mit unserer Zukunftsvision vereinbar. Für den Kunden sehe ich nur Positives, wenn sich mehr Spieler mit andersgelagerten Fähigkeiten in den automobilen Prozess mit einbringen. Es ist unsere Aufgabe und Rolle, die Zukunft auch zu gestalten. Wir hören immer mehr von disruptiven Technologien, die neue Spieler ins Feld bringen. Wir wollen Disruptor und Innovator sein. Das heißt, wenn sich neue Geschäftsfelder wie etwa „Car2go“ auftun, dann wollen wir diejenigen sein, die diese Attacke reiten. Mit dieser Strategie vermeiden wir es, auf der  Verliererseite zu stehen.

Können Sie sich ein Joint Venture mit Apple oder Google vorstellen?

Zetsche: Vieles ist denkbar. Es kann zu unterschiedlichen Formen der Zusammenarbeit kommen. In so einem Szenario bringen wir uns eher mit unseren traditionellen Hardware-Fähigkeiten ein und der Partner mit seinem digitalen Know-how. Eine Option könnte sein, dass die Autos in einem Joint Venture entstehen und wir diese dann bauen. Aber ich spreche hier rein fiktiv. Wir werden sehen, wie sich die Welt entwickelt. Wir wollen jedenfalls gestaltend daran teilnehmen.

Werden wir künftig alle mit dem Elektroauto fahren? Experten behaupten, der Hype sei vorbei.

Zetsche: Wir sehen in diesem Feld sowohl in den Medien als auch bei den Sachverständigen eine Wellenbewegung. So bricht zu einem bestimmten Zeitpunkt Begeisterung aus, und einige Zeit später ist das Thema tot. Wir sind da viel kontinuierlicher unterwegs. Unsere Vision vom emissionsfreien Fahren wird Realität und sich über den Elektromotor realisieren. Um dahin zu kommen, müssen wir heute schon daran arbeiten. Zurzeit ist das Elektrofahrzeug noch nicht im vollen Umfang wettbewerbsfähig. Daher wundert es auch nicht, dass uns diese Fahrzeuge noch nicht aus den Händen gerissen werden. Aber wir müssen diese Schritte gehen. Nur dann können wir den Fortschritt technisch und wirtschaftlich bewerkstelligen. Keine Frage, diese Antriebsart wird schon bald wettbewerbsfähig sein und sich somit aus der Nische katapultieren. Eine Übergangsform ist die Hybridisierung.

Welche Chancen hat die Brennstoffzelle?

Zetsche: Die Brennstoffzelle ist im Prinzip Teil eines elektrischen Antriebs. Die Speicherung der Energie findet in einem Fall in der Batterie und im anderen Fall im Wasserstoff statt. Über die Zelle wird die elektrische Energie umgeformt beziehungsweise im Auto mitgeführt. In der Stadt ist der batterieelektrische Antrieb der überlegene. Für längere Strecken hat der Wasserstoff-Brennstoffzellenantrieb den Vorteil einer längeren Reichweite und kürzerer Betankzeiten. Allerdings sehen wir, dass die Batterie schneller leistungsfähiger wird als erwartet. Der Vorteil der Brennstoffzelle ist deshalb heute geringer einzuschätzen als noch vor fünf Jahren.

Welche Ziele haben Sie sich persönlich für die nächsten Jahre gesetzt?

Zetsche: Ende 2015 bin ich seit zehn Jahren hier. Im Team haben wir eine ganze Menge Themen nach vorne bringen können und obendrein wertvolle Basisarbeit geleistet. Die Qualität ist top, die Fahrzeuge vom Design her außerordentlich nachgefragt. Wir sind im Verbrauch überall führend. Vor zehn Jahren war das anders. Insofern haben wir eine sehr solide Basis gelegt, die uns heute großen Erfolg ermöglicht. Jetzt geht es um die nächste Stufe, nämlich das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft – für die nächsten 129 Jahre Unternehmensgeschichte.

Was sind die größten Herausforderungen?

Zetsche: Wir stehen vor der Neuerfindung des Automobils. Diese Entwicklung wollen wir mitgestalten und vorgeben. Das muss unser Anspruch sein. Dafür die Grundlage zu legen ist eine tolle Aufgabe, der ich mich sehr gerne widme.

Sie sind auch als Team in der Formel 1 engagiert, wo die Quoten nachlassen. Bei der Frauenfußball-WM in Kanada haben zur gleichen Zeit mehr Zuschauer eingeschaltet als beim Großen Preis von Kanada. Muss die Formel 1 auch reformiert werden?

Zetsche: Fußball ist die attraktivste Sportart überhaupt, und das gilt erfreulicherweise natürlich auch für den Frauenfußball. Fast alle anderen Sportarten haben insbesondere im Fernsehen rückläufige Zuschauerzahlen. Das Fernsehen kämpft um seine Attraktivität als Medium. Im Bezug auf die Formel 1 müssen wir uns natürlich fragen, wie diese Plattform weiterentwickelt werden kann. Der Inhalt, sprich die Rennen, sind klasse, wir haben in der Vergangenheit selten so viele Überholvorgänge und Kämpfe auf der Strecke gesehen wie heute.

Was schlagen Sie vor?

Zetsche: Künftig geht es mehr um die Kanäle, in denen wir uns an Zuschauer wenden, die dann eben nicht mehr nur Zuschauer sind. Wir müssen die Formel 1 stärker digital und interaktiv vermarkten, das Fernsehen kann nicht die einzige oder primäre Plattform sein. Da gibt es noch einiges zu tun.

Wäre eine digitale Daimler-Plattform eine Lösung?

Zetsche: Ja, das ist eine Möglichkeit. Wir sind als Mercedes-Team sehr erfolgreich und mit riesigen Wachstumsraten im Internet unterwegs. Für die Formel 1 brauchen wir interaktive Formen. Wenn ich heute in Aachen auf ein Reitturnier gehe, dann kann ich bei der Dressur als Zuschauer eine Bewertung auf meinem Smartphone oder Tablet abgeben. Das macht Spaß, man ist dabei und nicht nur passiver Zuschauer. So etwas kann ich mir auch bei der Formel 1 vorstellen.

Zuschauer fordern also bald einen Boxenstopp?

Zetsche (schmunzelnd): Zum Beispiel. Bei diesen digitalen Plattformen müssen neue Interaktionen entwickelt werden. Da haben wir gewaltigen Rückstand.

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