Fördern und vorleben

Wie Veränderung gelingt - Drei Unternehmenslenker verraten im DUB-Talk, wie sie mit ihren Firmen den Schritt in die Digitalisierung unternommen haben und was sie dabei über die Organisation des eigenen Hauses gelernt haben. Ein Erfahrungsbericht hoch drei.

Der digitale Wandel in Unternehmen entpuppt sich häufig weniger als technische Herausforderung denn vielmehr als eine kulturelle. Darüber waren sich die Teilnehmer des DUB-Talks einig, die im Rahmen der dmexco, Messe für digitales Marketing, über Chancen und Risiken des digitalen Wandels für den Mittelstand diskutierten. Vor Ort sprach Thomas Eilrich, Chefredakteur des DUB UNTERNEHMER-Magazins, mit den drei Unternehmensverantwortlichen Tobias Kaulfuß von asknet, Martin Köpke von Materna und Jan Möllendorf von defacto x. Die Überschrift des Talks: „Mittelstand 4.0 – Wege für den Mittelstand zur erfolgreichen Digitalisierung“. Alle drei Unternehmen sind seit 20 Jahren oder länger am Markt. Die Digitalisierung ist nicht der erste Veränderungsprozess, den sie durchlaufen haben, allerdings der wesentlichste, so die Manager unisonso.

Alles neu

Martin Köpke räumt gleich zu Beginn mit dem Vorurteil auf, dass neue Technologien wie Cloud-Computing oder Big-Data-Analytics lediglich Arbeitsprozesse beschleunigen. Sie lassen im Gegenteil komplett neue Geschäftsmodelle entstehen. Sein Unternehmen Materna, das etwa das Privatkundenportal des Versanddienstleisters DHL, Check-in-Automaten an Flughäfen oder Portale für Bundesbehörden realisiert, hat neue Möglichkeiten für Mitarbeitergewinnung oder Machine-to-Machine-Kommunikation entwickelt. Köpke: „Nicht nur die Produktion, auch Marketing und Vertrieb oder die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander haben sich verändert, die gesamte Arbeitswelt.“ Das sei ein kulturelles Phänomen, es entstünden Freiräume – Lernen und Arbeiten können jetzt gleichzeitig stattfinden. Köpke: „Die Ansprechpartner unserer Kunden kommen nicht mehr nur aus dem IT-, sondern auch aus dem HR-Bereich.“ Nicht überall finde die Digitalisierung schlagartig statt. Im eigenen Unternehmen seien es vielmehr schleichende Prozesse gewesen, wie Möllendorf es für den Anbieter von Dialogmarketing defacto x schildert: „Bei uns war es mehr eine Evolution als eine Revolution – wir haben ständig an den Herausforderungen für unser Geschäft gearbeitet und uns dabei weiterentwickelt.“

Abkapseln oder vernetzen

Innovationen müssen ausgearbeitet werden – ob sie von Kundenseite gefordert oder als disruptive Geschäftsmodelle von Unternehmensseite initiativ entwickelt werden. „Das kann aber nicht nebenher geschehen“, sagt asknet-Chef Kaulfuß. Die Möglichkeiten: Innovationen entstehen in kleineren Labs, die sich vom täglichen Geschäft abkapseln, oder durch ein Netzwerk für Ideenmanagement, das Vorschläge der Mitarbeiter aufnimmt, prüft und weiterentwickelt. „Der Vorteil einer abgekapselten Entwicklungsabteilung: Tägliche Prozesse werden nicht gestört. Beim Netzwerk dagegen werden alle Ideen aus der Mitarbeiterschaft mitgenommen“, unterscheidet Kaulfuß. Bedeutet Letzteres nicht großen organisatorischen Aufwand? „Nein. Die Mitarbeiter entwickeln aus ihrem täglichen Geschäft ohnehin zahlreiche Ideen: Sie speisen sich daraus, was sie ärgert oder was Kunden bemängeln. Diese Ideen brauchen nur ein Ventil.“ Köpke ergänzt: „Ob Innovationsgeist oder Digitalisierungsstrategie – wichtig ist, dass die Vision vom Chef da ist. Ohne Aufbruchstimmung im Unternehmen geht die Digitalisierung nicht.“ Wichtige Impulse können allerdings auch von außen kommen: „Es hilft, wie wir ein oder zwei innovativ denkende Kunden zu haben, die bei der Entwicklung neuer Lösungen Schrittmacher sind.“ Bei Materna werden Innovationen oft durch Ideen von Kunden angeschoben. Köpke und sein Team verfolgen diese dann weiter.

Um der Digitialisierung mit den Unternehmensstrukturen zu begegnen, hat Materna Anfang des Jahres alle Abteilungen, die mit dem Thema konfrontiert werden, zu einer einzigen Einheit zusammengefasst. „In dieser Einheit steckt echte Kraft“, sagt der Materna-Digitalisierungschef. Das Tempo, mit dem immer neue Technologien die Welt verändern, bleibt hoch, da sind sich alle drei einig. Eine von Start-ups inspirierte „Beta-Denke“, also das Ausprobieren von auf die wesentlichen Funktionen beschränkten Lösungen im laufenden Geschäftsprozess, wird sich weiter etablieren. Die Möglichkeit des schnellen Scheiterns ist bewusst einkalkuliert. Ebenso die, daraus zu lernen. „Fail forward“ heißt das Stichwort. Wie diese Denke implementiert werden kann, verrät defacto x-Chef Möllendorf: „Das ist eine Frage der Kultur, die von der Unternehmensführung vorgelebt wird.“