Eine Reise zum Mars

Fortsetzung

Auch in Deutschland ist der Konzern stark vertreten. Seit 50 Jahren ist er hierzulande aktiv, besitzt mehrere Fabriken und erwirtschaftet 1,8 Milliarden Euro. In München sitzt die Europazentrale für Wrigley, im niedersächsischen Verden das wichtige globale Forschungszentrum für Nasstierfutter. "Wir wachsen in Deutschland in allen Bereichen", sagt Tom Albold, Deutschland-Chef von Mars Petcare. Eine Personalie unterstreicht die Bedeutung von Deutschland: Der frühere Goldman-Sachs-Sprecher Deutschland, David Kamenetzky, ist im Vorstand für die Unternehmensstrategie verantwortlich.

Doch trotz der Größe fühlt sich Mars wie ein kleines Unternehmen an. Büros? Gibt es keine. Ob Geschäftsführer, Abteilungsleiter oder Assistenten, jeder bei Mars sitzt am gleich großen Schreibtisch. Und auf dem Präsentierteller, es gibt keine Trennwände, jeder in dem Großraumbüro kann dem anderen auf die Tastatur schauen. "Mein Schreibtisch mag zwar nicht größer sein", sagt Larry Allgaier, US-Chef der Tierfuttersparte, "aber dafür kann ich meinen großen Hund mit zur Arbeit bringen."

Bürokratie oder Statusdenken soll gar nicht aufkommen. Es gibt keine eigene Kantine für Topmanager, keine reservierten Parkplätze. Kopien muss jeder selbst machen: "Eine Kultur ohne Hierarchien". Früher waren Dienstwagen und First-Class-Flüge verpönt, jetzt gibt es sie anscheinend: "Wir versuchen, den Komfort und das Wohlbefinden unserer Associates mit der fiskalischen Verantwortung in Ausgleich zu bringen", heißt es auf Anfrage.

Für Spitzenkräfte ebenfalls ungewohnt: Alle haben elektronische Stempelkarten. Wer zu spät kommt, dem zieht ein Softwareprogramm entsprechend Geld vom Lohn ab. Die Karten sind noch ein Relikt von Forrest Mars senior, dem Sohn des Gründungsvaters. Ihm war Bodenständigkeit wichtig. Das spiegelt auch der Standort wider: Die Büros sind neben Fabriken angesiedelt; die Führungsmannschaft soll nicht den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren. "Bei uns muss nicht jemand an drei Vorzimmerdamen vorbei, um mit dem Geschäftsführer zu sprechen", sagt Albold.

Es geht bei Mars nicht um Rangfolgen oder Titel, sondern um Ergebnisse. Der Konzern hegt ein Ideal der Meritokratie: Das Können bestimmt über die Karriere. Viele Unternehmen reden davon, aber Mars setzt es um. Beispiel Eiden, die als Frau die Fabrik in Hackettstown führt. Laut Wirtschaftsmagazin "Fortune" sind 38 Prozent der Manager bei Mars weiblich. Als die Chemieingenieurin Eiden vor 13 Jahren mehrere Jobs zur Auswahl hatte, entschied sie sich für Mars: "Die Philosophie eines Familienunternehmens gefiel mir instinktiv". Diese Aussage ist öfter zu hören.

Trotz fehlender Statussymbole schwören Spitzenleute auf das Unternehmen. Der Vorstand besteht zu großen Teilen wie Vorstandschef Grant Reid aus Eigengewächsen. Die Mitarbeiterfluktuation von fünf Prozent - ohne Vertriebspersonal - ist gering. Auch die Arbeiter bleiben Mars treu - im Land der Tellerwäscher keine selbstverständliche Sache: "Ich will meinen Sohn auch ins Unternehmen holen", sagt Lou Navarra, Teamleiter in der Produktion in Hackettstown und seit 16 Jahren dabei. Die Bezahlung ist gut, statt Aktienoptionen erhalten die Manager erfolgsabhängige Bonuszahlungen. Ein weiterer Anreiz: Mitarbeiter können leicht in die verschiedenen Geschäftsbereiche des Konzerns wechseln.

Den Geist des Unternehmens prägte Forrest Mars senior. Als der nach einem langen Streit mit seinem Vater die Führung 1964 übernahm, ließ er zum Entsetzen der Manager die Eichenvertäfelung aus der Vorstandsetage rausreißen, schaffte den Firmenhubschrauber ab und feuerte den französischen Meisterkoch. Stattdessen führte er Großraumbüros und Stempelkarten ein.

Das Sagen hat im Konzern bis heute die Gründerfamilie. Die legt nicht wie die von Wal-Mart oder anderen Unternehmen die Hände in den Schoß. So sitzt Frank Mars, Sohn von John Mars, im Vorstand. Er ist der Chef von Symbioscience, dem 2005 gegründeten "technologiebasierten Gesundheits- und Forschungssegment". "Wir reden nicht viel über die Mars-Familie", sagt Deutschland-Tierfutterchef Albold. "Aber sie ist präsent im Unternehmen und hat einen Blick auf das Geschäft."

Am sichtbarsten ist Victoria Mars, die seit 2014 den Verwaltungsrat führt. Sie tritt auf Fachkonferenzen auf und hielt im Vorjahr eine Rede in New Orleans über die Unternehmensphilosophie von Mars. Wie viele Familienmitglieder musste sie sich beweisen. Ihr erster Job war in einer Fabrik, "wo ich Kisten mit 36 M & M's-Packungen drin stapelte".

Die Zukunft sieht nicht schlecht aus für Mars. Das vom Umsatz wichtigste Geschäft mit Tierfutter wächst, nicht zuletzt wegen der "Humanisierung von Haustieren", wie es Allgaier ausdrückt: "Die Menschen behandeln ihre Tiere mehr und mehr wie Menschen."

Da ergeben sich überraschende Synergien bei Mars. Bei der neuen Schokoladenfabrik in Topeka in den USA halfen die Tierfutterkollegen mit. "Die Herstellung von Schokolade und Tierfutter ist in mancher Beziehung sehr ähnlich", sagt Allgaier. Ein anderes Beispiel: Die Kooperation von Wrigley bei der Entwicklung von Hundemitteln für bessere Zähne. "Wir arbeiten intensiv zusammen", bilanziert Allgaier.

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