Hamburg, 27.03.2017

Design 4.0

Die Verschmelzung von Produkt, Software und Services

Nico Michler, Mitinhaber und Geschäftsführer designaffairs GmbH (Foto: designaffairs GmbH)

Wenn Design auf Disruption trifft, heißt das: Loslassen können von tradierten Prozessen und lieb gewonnenen Methoden, wie beispielsweise die Reduktion von Design als Kostenoptimierer („Design to Cost“). Dazu braucht es gerade auf Unternehmensseite vor allem zwei Dinge: Mut und Weitsicht. Denn die Designer der Zukunft gestalten für die Nutzer ein holistisch-digitales Gesamterlebnis und nicht nur ein analoges Produkt, das für sich alleine steht.

The „New Holistic Experience“: Mensch und Maschine als symbiotische Wissensgemeinschaft

Während heutzutage die Bereiche Produkte, Services und Software noch überwiegend separat betrachtet werden, werden diese in Zukunft zu einem ganzheitlichen Erfahrungsraum für den Nutzer verbunden sein. Der serviceorientierte Nutzer sowie das intelligente Produkt lernen voneinander – ein Beispiel: Der Bäcker der Zukunft hat einen Kochroboter, welcher auf das Backen von Kuchen spezialisiert ist. Durch dessen digitale Verknüpfung mit dem Internet und den dort zur Verfügung stehenden Rezept-Datenbanken sowie der User-Bewertungen „weiß“ der Kochroboter, inwiefern er durch eine Änderung der Zutaten die Kuchen im Geschmack verbessern kann. Der Kochroboter fragt seinen Nutzer, ob der Backprozess verändert werden soll. In der Konsequenz führt dies zu einem geänderten Produkt und einer neuen User Experience: Aus dem Wissen der digitalen Datenpools des Internets werden die persönlichen Kuchenrezepte noch besser. Eine neue, ganzheitliche Experience, die es so noch nicht gibt.

Das Produkt der Zukunft kennt unsere Bedürfnisse

Eine Voraussetzung der neuen User Experience: Die Produkte der Zukunft werden Agenten ihrer Unternehmen sein, denn sie sind miteinander vernetzt und sammeln Daten über das Verhalten ihrer Nutzer. Ein Beispiel ist das Produkt Auto, das in Zukunft eine Mobilitätslösung sein wird: Welchen Weg bin ich heute zur Arbeit auf Basis welcher Präferenzen (kein Stau, kurzer Stopp beim Bäcker) gefahren? Oder der schon oben skizzierte Kochroboter: Welche Zutaten habe ich in welcher Menge verwendet, um dieses und jenes Gericht zuzubereiten? Habe ich noch ausreichend Zutaten im Kühlschrank? Aus den daraus gewonnenen Daten lassen sich sehr leicht über Algorithmen und Analytik-Methoden unsere Wünsche und Bedürfnisse zur Produktoptimierung ableiten. Das Unternehmen kann diese stetige Optimierung – Big Data sei Dank – selbst durchführen und ist somit immer ganz nah dran an den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen. Die formalästhetischen Aspekte werden dadurch in der heutigen komplexen Welt in den Hintergrund rücken. Der Trend ist bereits überall zu spüren. Die Produktsprache wird simpler und optisch wird vieles schlichter.

Digitalisierung über alles?

Werden nun in Zukunft alle Produkte digitalisiert sein? Natürlich nicht, denn analoge Technik wird weiterhin ihre Berechtigung haben. Wenn Design aber wirklich disruptiv sein will, muss der Designer der Zukunft den Gesamtzusammenhang eines Produktsystems verstehen: Produkte, Services und Software werden vor dem Hintergrund der totalen Vernetzung über Internet of Things (IoT) und der analytischen Bewertung durch Artificial Intelligence (AI) eigene Öko-Systeme bilden. Die tatsächliche Herausforderung ist es dann nicht mehr, die richtige Form oder Verpackung zu finden, sondern die Bedürfnisse der Nutzer richtig zu interpretieren. Erst dann gilt es zu überlegen, ob eine analoge, digitale oder virtuelle Lösung die richtige ist. Doch auch wenn die Produkttrends in Zeiten der Disruption klar in Richtung Verschlankung und Simplifizierung gehen, müssen Designer komplexer denken. Es gilt, Produkte einfach und abstrakt, aber ihre Semantik und Anzeichenfunktionen zugleich verständlich zu halten.

Wenn nun Disruption auf Design trifft, braucht es dafür aber auch die richtigen Menschen: Designer, die Kreativität und Business miteinander verknüpfen und nicht nur Gestalter sind. Designer, die fiktive Ideen plastisch transportieren und greifbar machen können. Designer, die das Co-Creative und agile Denken leben, denn Lösungen zu finden ist kein linearer Prozess, sondern basiert auf der Fähigkeit, sich nicht nur auf das Problem zu konzentrieren, sondern neue Lösungswege zu beschreiten. Aber es braucht auch Designer, die den Menschen auf den Weg in die digitale und vernetzte „New Holistic Experience“ mitnehmen. Sie müssen den Konsumenten die disruptiven Änderungen erklären, diese intuitiv nutzbar machen und dabei auch mögliche Skepsis auf Seiten der Anwender abbauen. Erst dann werden auch die Unternehmen für ihren Mut und ihre Weitsicht zu einem kreativen Zusammenspiel von Disruption und Design belohnt.

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Gastbeitrag

Nico Michler
Mitinhaber und Geschäftsführer designaffairs GmbH

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