Auf und davon

Digitale Nomaden: neue Generation von Selbstständigen erobert die digitale Geschäftswelt

Sie sind gut ausgebildet, kreativ – und reisen um die Welt. Warum immer mehr Marketing-Profis, Gründer und IT-Spezialisten ortsunabhängig arbeiten und wie Unternehmer davon profitieren.

Smartphone und Laptop: Digitale Nomaden brauchen kein Büro zum Arbeiten - solange es schnelles W-Lan gibt. (Foto: Getty Images/littlehenrabi)

„Angefangen hat alles im Jahr 2011. Christine Hasebrink machte Urlaub in Afrika. Sie war begeistert von dem Kontinent. „Drei Jahre später kündigte ich meinen Job im Marketing einer internationalen Unternehmensberatung, löste meine Wohnung in Essen auf und ließ mich im südafrikanischen Busch zum Safari-Guide ausbilden“, sagt Hasebrink. Heute reist sie durch die Welt und verweilt überall dort, wo es ihr gefällt. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als freiberufliche Marketingmanagerin für kleine und mittelständische Unternehmen aus Europa und Afrika.

Hasebrink gehört einer Bewegung von jungen Selbstständigen an, die bewusst auf einen festen Wohnsitz verzichten – weil sie es können. Denn um zu arbeiten, brauchen sie lediglich einen Laptop und schnelles Internet. Digitale Nomaden heißen die Marketingprofis, Gründer und IT-Spezialisten der Szene, die seit einigen Jahren das E-Business aufmischen. Wie viele es von ihnen weltweit gibt, lässt sich kaum schätzen. Von Tausenden ist vielfach die Rede.

„Flexpats“ sind die neuen Nomaden

Geschichten wie die von Hasebrink kratzen am Klischee vom jungen Absolventen, der auf Bali in einer Hängematte liegt, Kokosnussmilch schlürft und sich mit Affiliate Marketing über Wasser hält. Die 39-Jährige blickt auf mehr als zehn Jahre Berufserfahrung zurück, entwickelt für ihre Kunden Marketingstrategien, organisiert Events oder springt als Interims­managerin ein. Wer lebt wie die Nordrhein-Westfälin, muss äußerst strukturiert, zielstrebig und motiviert sein – Skills, von denen auch ihre Arbeitgeber profitieren. Kurzum: Die Freiberuflerin hat bereits den nächsten Level des ortsunabhängigen Arbeitens erreicht. Den Begriff Nomadin findet sie daher unpassend und will lieber „Flexpat“ genannt werden – eine Kombination aus „flexibel“ und „Expat“.

Auch die Story von Michael Przyswa passt nicht so recht ins gängige Nomaden-Korsett. Aus Liebe ging der Franzose mit Ende zwanzig nach Hongkong, arbeitete dort zunächst in der luxemburgischen Botschaft. 2008 wollte er in China ein Handelsunternehmen gründen – und scheiterte. Umsonst war seine Erfahrung aber nicht, vielmehr bildete sie die Basis für eine neue Geschäftsidee: Przyswa nutzte seine Kontakte vor Ort, um ausländischen Unternehmern Orientierung im chinesischen Markt zu bieten – und auf einmal brummte sein Business. Da sich sein Tagesgeschäft vorwiegend online abspielte, begann er vor einigen Jahren zu reisen – und ließ dabei kaum einen Nomaden-Hotspot aus.

Nach Stationen in Chiang Mai in Thailand, ­Kuala Lumpur, Taiwan, Berlin und Barcelona kam Przyswa schließlich nach Lissabon – und beschloss, sich niederzulassen. „Irgendwann sehnt man sich nach Beständigkeit“, sagt er. So ganz umstellen wollte er seinen Lebensstil aber doch nicht, er hat sich einen Arbeitsplatz im „Second Home“ gemietet – einem der hippen Coworking-Spaces, die in der portugiesischen Metropole wie Pilze aus dem Boden schießen. Dort teilt er sich weiße, organisch geformte Schreibtischinseln mit Freiberuflern und Gründern aus Skandinavien, England oder den USA. 250 Menschen können in dem 12.000 Quadratmeter großen Büro mit Blick auf den Tejo arbeiten – umgeben von mehr als 1.000 Topfpflanzen. Mitglieder dürfen dort 24 Stunden am Tag verbringen, Breitbandinternet, Yoga-Unterricht und Kaffee inklusive.

 


 

Ortsunabhängig arbeiten – Tipps für Aussteiger

Abenteuer Selbstständigkeit im Ausland: Insiderwissen und praktische Tools für angehende digitale Nomaden.

Nomaden-Blog
Felicia Hargarten und Marcus Meurer aus Berlin leben seit 2013 als digitale Nomaden. Auf ihrem Blog digitalenomaden.net geben sie Einsteigern und Fortgeschrittenen Tipps rund ums Reisen und Arbeiten. 

Nomaden-Schwarm
Der beste Weg, um sich vor Ort mit digita­len Nomaden zu vernetzen und Tipps aus erster Hand zu bekommen, führt über die sozialen Netzwerke. Auf Facebook und Meetup gibt es Gruppen für alle Hotspots.

Nomaden-App
Ordnung ins virtuelle Büro bringen die Apps Asana und Trello, mit denen sich Aufgaben planen und Projekte managen lassen – allein oder im Team.


 

Teil 1: Digitale Nomaden: neue Generation von Selbständigen erobert die digitale Geschäftswelt

Teil 2: Estland wirbt aktiv um Digitalnomaden

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