Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Hamburg, 28.03.2017

Der Amazon-Plan

Er legt sich offen mit Trump an, sägt eine Branche nach der nächsten ab und will den Weltraum erobern: Der Amazon-Chef gehört zu den schillerndsten – und umstrittensten – Köpfen der Gegenwart. So tickt der drittreichste Mensch der Welt.

Angreifer: Wenn sich Jeff Bezos eine Branche vornimmt haben die alten Platzhirsche meist nicht viel zu lachen.

Trump Tower, New York, Mitte Dezember. Der frisch gewählte US-Präsident Donald Trump hat die Crème de la Crème aus dem Silicon Valley in seinen Wolkenkratzer geladen: Ihm gegenüber haben Tesla-Lenker Elon Musk und Vertreter von IBM, Intel und Microsoft Platz genommen. Links neben ihm sitzen Star-Investor Peter Thiel und Apple-Chef Tim Cook. Zu seiner Rechten der designierte Vizepräsident Mike Pence, Facebook-COO Sheryl Sandberg, Google-Gründer Larry Page und Amazon-Chef Jeff Bezos. Das Bild des rotgesichtigen Mannes mit dem blonden Schopf inmitten der Tech-Granden geht um die Welt. Die Message: Der Krieg ist beendet. Denn im Wahlkampf nur wenige Wochen zuvor stand das Valley beinah geschlossen an der Seite der Demokraten. Mehrfach hatte Trump seine berüchtigten Verbal-Salven gegen die Manager gefeuert. „Wenn ich Präsident werde, oh, dann haben sie Probleme.“

Kometenhafter Aufstieg

Gemeint war vor allem: Jeff Bezos. Ihn hat der POTUS und Immobilien-Tycoon besonders im Visier. Wiederholt hatte Trump gedroht, die US-Steuerbehörden auf Amazon zu hetzen, wenn die „Washington Post“ – die ebenfalls zu Bezos‘ Imperium gehört – nicht aufhören würde, gegen ihn Stimmung zu machen. Doch damit hat er den falschen Mann zu seinem Gegner gemacht.

Für Trump wiederum repräsentiert der Amazon-Chef all das, was sein ungeheuer großes Ego direkt trifft. Der 53-Jährige ist laut „Forbes“-Liste aktuell der drittreichste Mann der Welt und damit 20-mal vermögender als Trump. Und noch viel wichtiger: Er hat seinen Reichtum nicht ererbt, sondern selbst erarbeitet. Bezos‘ Biografie liest sich wie ein Märchen. Es ist die klassische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte, und kein Drehbuchautor aus Hollywood hätte sie spektakulärer schreiben können.

Jeffrey Preston Bezos wird am 12. Januar 1964 in Albuquerque/New Mexico geboren. Seine Mutter, eine Bankangestellte, ist gerade einmal 17 Jahre alt. Sein Vater macht sich kurz nach seiner Geburt aus dem Staub. Der kleine Jeffrey wächst in Houston und Miami auf. Besonders geprägt wird er von seinem Großvater, einem raumfahrtbegeisterten Techniker mit einer Ranch in Texas, der ihm beibringt, aus dem Nichts etwas zu machen.

Seine Leidenschaft ist die Technik. Auf der High-School in Miami räumt er mehrere Förderpreise für junge Forscher ab. Schon als Kind nimmt Bezos nichts als gegeben hin. Alles will er optimieren. Bei seinem ersten Job bei McDonald’s reicht er Vorschläge ein, um die Abläufe zu verbessern. Er studiert Elektrotechnik und Informatik an der renommierten Princeton University in New Jersey und wird Jahrgangsbester. In seiner Rede zitiert er aus Star Trek: „Der Weltraum, unendliche Weiten ...“. Dann zieht es ihn an die Wall Street, wo er zum Vizepräsidenten einer Investmentbank aufsteigt. Doch 1994, im Alter von 30 Jahren, schmeißt Bezos seine Bilderbuchkarriere hin und macht sich selbstständig – mit einer Internetbuchhandlung, die er nach dem größten Fluss der Erde benennt: Amazon.com. Der Aufstieg aus dem Nichts zum Weltkonzern beginnt – wo auch sonst? – in einer Garage. Bezos fährt die bestellten Bücher anfangs mit seinem eigenen Auto aus. Nach wenigen Monaten schon braucht er einen Lastwagen. Und drei Jahre später, im Mai 1997, kehrt er an die Wall Street zurück und bringt Amazon an die Börse.

Die Zukunft greift an

Bezos wird als Visionär gefeiert. 1999 ziert sein Kopf als „Man of the Year“ den Titel der „Time“. Der „Spiegel“ beschreibt ihn als Person, die „das introvertierte, träumerische Wesen des Computerfreaks mit dem hochrationalen Habitus eines Investmentbankers“ vereinige. Er genießt Kultstatus wie Steve Jobs.

Der Buchhandel ist nur die erste Branche, die der einzigartigen Bezos’schen Kombination aus Angriffslust, dem unbedingten Streben nach Effizienz und seiner Genialität als Programmierer zum Opfer fällt. Tech-Investor Peter Thiel, der im Trump Tower nicht weit von Bezos entfernt saß, beschreibt die Amazon-Strategie so: „Alles dreht sich darum, die Dinge billiger zu machen.“ Er vergleicht das Vorgehen mit einem Monopoly-Spiel. Erst pflanze er seine Fahne in feindlichem Gebiet. Dann würde er so lange ohne Rücksicht auf Verluste investieren, bis er die Produkte billiger anbieten und damit seine Konkurrenten aus dem Feld fegen kann. Die zwei größten Buchhandelsketten der USA, Barnes & Noble und Border, sind unter dem Preisdruck bereits zusammengebrochen. „Was den Buchhändlern passiert, ist nicht Amazon“, kontert Bezos. „Es ist die Zukunft.“

Unermüdlich knöpft sich Bezos einen Sektor nach dem anderen vor, fräst sich durch die Märkte und sägt seine Konkurrenten ab. Schon 1998 erweitert er das Amazon-Sortiment um CD und DVD und expandiert nach Deutschland, seinem heute größten Auslandsmarkt. Elektronik, Mode, Möbel: Bezos wird zum „Allesverkäufer“ und verkündet seine Vision, das „kundenorientierteste Unternehmen der Welt“ zu schaffen. So lässt er sich Funktionen patentieren, ohne die Online-Shopping heute kaum noch vorstellbar ist. Den „One Click“-Kauf beispielsweise oder das ausgefeilte Kundenrezensionssystem. Elektronikriesen wie Best Buy, das US-Pendant zu Media Markt/Saturn, fühlen sich zu Showrooms degradiert. Geguckt wird im Laden, gekauft bei Amazon.

Vom Händler zum Produzenten

Bezos setzt von Beginn an auf Algorithmen, die ihm eine systematische Auswertung der Kundendaten für Empfehlungen ermöglichen 2006 gründet er die Sparte Amazon Web Services und vermietet Server-Kapazitäten. Im Cloud-Computing steigt er schnell zu einem der führenden Anbieter auf. Selbst die CIA setzt zwischenzeitlich auf seine Rechen-Power. Mit dem E-Book-Lesegerät Kindle schlägt Bezos 2007 ein neues Kapitel auf. Denn Amazon produziert damit nicht nur selbst Elektronik. Zugleich soll es die Leser mit dem exklusiven Dateiformat binden. Dass Amazon den Kindle mit Verlust verkauft – egal.

Fast im Wochentakt geraten neue Branchen ins Visier. 2011 folgt das Tablet Kindle Fire und avanciert dank Kampfpreisen zum stärksten iPad-Konkurrenten. Zeitgleich hebt Amazon einen Streaming-Service für Musik aus der Taufe und steigt selbst in die Filmproduktion ein. Nicht nur die direkte Konkurrenz wie Netflix und HBO zittert, sondern auch die alteingesessenen TV-Sender bangen um ihr Geschäftsmodell.

Doch die Schattenseiten des Wachstums sind groß: 2014 wählt ihn der internationale Gewerkschaftsbund zum „schlimmsten Chef des Planeten“, der seine Mitarbeiter als „humane Roboter“ behandle. Im gleichen Jahr enthüllt die „New York Times“ unmenschliche Arbeitsbedingungen: 80-Stunden-Wochen, nächtlicher E-Mail-Terror, weinende Mitarbeiter. „Das ist nicht das Amazon, das ich kenne“, schreibt Bezos in einer Mail an seine Mitarbeiter.

Dass Amazon durch die gnadenlose Expansion zwar mit exponentiell wachsenden Umsätzen glänzen kann, aber nur geringe Gewinne ausweist, ficht Bezos nicht an. Auch 2016 blieb das Gewinnwachstum mau, die Aktie verliert zwischenzeitlich vier Prozent. Bezos dürfte es verkraften: Seit dem Börsengang ist sie um 50.000 Prozent gestiegen. Seine Botschaft an die Aktionäre: weiter, immer weiter. Vom Flughafen in Cincinnati sollen bald 200 Amazon-Maschinen pro Tag starten und die Welt mit Paketen versorgen. Die Logistikbranche kann sich warm anziehen. Die Minidrohnen, mit denen Waren binnen 30 Minuten zum Käufer gelangen sollen und die von Luftschiffen aus starten, hielten viele für einen Werbegag. DHL und UPS dürfte das Lachen längst vergangen sein. 2015 eröffnet Bezos den ersten Amazon-Buchladen in Seattle – und erntet zynische Kommentare. Auch der digitale Sprachassistent Alexa, ein direkter Konkurrent zu Apples Siri, wird zunächst belächelt. Bezos kümmert das wenig. 100.000 neue Vollzeitstellen will er schaffen und damit die Zahl der Mitarbeiter auf 280.000 erhöhen. Die Welt ist Bezos nicht genug: Abseits von Amazon gründet der Raumfahrt-Enthusiast die Firma Blue Origin, die sich auf wiederverwendbare Raketen spezialisiert. Nebenbei kauft er sich 2013 die altehrwürdige Tageszeitung „Washington Post“.

Und auch Trump kriegt sein Fett weg. Das Einreiseverbot von Muslimen kontert Bezos im Januar mit der Ankündigung, rechtlich und auf Ebene der Lobbyarbeit gegen die Maßnahme vorgehen zu wollen. Die Attacke zeigt: Bezos geht nie einem Konflikt aus dem Weg. Egal wo, egal wann, egal mit wem. Nicht einmal mit dem mächtigsten Mann der Welt.

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Champions der Dualen Karriere: Jetzt wählen!

    Wer meistert Leistungssport und Studium am besten? Fünf Top-Athleten konkurrieren um den Titel Sport-Stipendiat des Jahres 2017 der Deutschen Bank und der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

  • Franchisegründungen haben Vorteile bei der Finanzierung

    Eine Gemeinsamkeit haben Franchise- und Individualgründungen auf jeden Fall – das Vorhaben muss solide und langfristig finanziert sein. Welche Vorteile Franchisegründungen haben, lesen Sie hier.

  • Digitalisierung der Integration von neuen Franchise-Partnern in das Franchise-System

    Erfolgreiches Franchising braucht einen Mix aus Online- und Offline-Medien. Lesen Sie hier, wie sich solch ein Mix zusammensetzen könnte.

  • Exklusivinterview: Grundeinkommen? Nein.

    Die Bundeskanzlerin stand der Redaktion Rede und Antwort zu Fragen der Zukunft.

  • Smarter Partner

    Autonome Autos, digitale Assistenten, Roboterchirurgen - Künstliche Intelligenz (KI) wird im Geschäfts- und Berufsleben immer spürbarer. Was KI heute schon kann und zukünftig verändert.

  • Prinzip einfach

    Um zu unternehmerischem Wachstum zu gelangen, müssen Unternehmer eine passende Vorgehensweise entwickeln. Überzeugend sind Strategien, die sich in wenigen Worten zusammenfassen lassen.

  • Exklusivinterviews: Künstliche Intelligenz

    Die Künstliche Intelligenz (KI) wirkt tief in nahezu alle Branchen hinein. 13 Top-Manager gewähren exklusive Einblicke, wie KI-Anwendungen ihre Unternehmen und Sparten umwälzen.

  • Lädt noch

    Zukunftstechnologien wie das Internet der Dinge oder künstliche Intelligenz verändern die Welt, sagen Experten. Wie und wo sie bereits erfolgreich eingesetzt werden...

  • Franchisegebühren – was ist üblich?

    Was „üblich“ und „angemessen“ ist, lässt sich nicht so ganz einfach beantworten. Allerdings gibt es Kriterien, aus denen sich die Angemessenheit der Franchisegebühren ableiten lässt.

  • Die Familienstiftung bei Unternehmensnachfolgen

    Ein Instrument für die Sicherung der Nachfolge kann die Implementierung einer Familienstiftung sein.

  • Die ganze Wahrheit über ältere Gründer

    Hartnäckig hält sich der Mythos des jungen Gründers. Tatsächlich steigt das Alter der Entrepreneure in Deutschland. Wo werden ältere Gründer aktiv, was müssen sie beachten?

  • Drama Neugründungen: Deutschland rutscht im Vergleich ab

    Deutschland, Gründerland? Das war einmal! Das belegt auch eine Statistik der Industrie- und Handelskammern, die nun öffentlich wurde.

  • So unterschiedlich treu sind Gesellschafter von Familienfirmen

    82 Prozent der Familienunternehmer schätzen den Zusammenhalt untereinander als hoch ein. Unterschiede gibt es zwischen Großfamilien und in verschiedenen Stämmen organisierten Gesellschaftern.

  • Auf den Punkt flüssig - Teil 2

    Factoring stellt eine Alternative zur kurzfristigen Liquiditätsbeschaffung für Lieferanten dar. Doch was können Abnehmer tun, um ihr Working Capital zu optimieren?

  • Kommunikation in Franchisesystemen

    Ein Experte erläutert, worauf Franchisegeber und -nehmer dabei achten sollten.

  • Neuerungen in der DUB-Unternehmensbörse

    Übersichtlicher, einfacher und erfolgversprechender. Das sollen die neuen DUB-Unternehmensbörsen und DUB-Käuferbörsen jetzt bieten. Wir haben einige Felder ergänzt und besonders das DUB-Matching eingeführt.

  • Neue Wege gehen

    Die Welt dreht sich digital – auch in der bAV-Verwaltung sind zunehmend smarte IT-Lösungen gefragt. Sie sind der Schlüssel, um betriebliche Altersversorgung künftig attraktiver zu machen.

  • Ist Ihr Unternehmen ausreichend gegen Cyber Angriffe geschützt?

    Machen Sie jetzt den kostenlosen Schnelltest!

  • America First

    Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt stammen aus den USA – Alphabet, Apple, Amazon, Microsoft und Facebook. Sieben namhafte Unternehmensberatungen haben das Potenzial der Tech-Riesen exklusiv bewertet.

  • Der Chef von Morgen

    Im Sport war er ein Spätzünder, dafür startet Johannes Lochner jetzt doppelt durch: Leitung eines Bobteams, Masterstudium – ein besseres Training für Führungskräfte gibt’s kaum.

  • Die Digitalisierung der Rekrutierung von Franchise-Partnern

    Lesen Sie hier, welche Rolle die Digitalisierung bei der Rekrutierung von Franchise-Partnern einnimmt.

  • Franchise-Umfrage: Wo, bitte, geht’s hier zum neuen Personal?

    Zum zweiten Jahr in Folge hat die Deutsche Unternehmerbörse Franchise-Systeme nach ihren größten Herausforderungen im Markt gefragt. Ganz oben: Die Suche nach Personal.

  • Späte Führungsnachfolge

    Der Brillenkönig Günther Fielmann behält noch weitere drei Jahre das Zepter in der Hand. Erst 2020 will er das Unternehmen in die Hände seines Sohnes legen.

  • Sachsen-Anhalt legt Fonds für die Unternehmensnachfolge auf

    Immer wieder scheitern Firmennachfolgen an der Finanzierung. Sachsen-Anhalt will dem nun vorbeugen – mit einem Fonds, ausgestattet mit 265 Millionen Euro.

  • „Psst, haben Sie schon gehört … ?“

    Wenn die Gerüchteküche brodelt, hat das selten Gutes zu bedeuten. Erst recht, wenn es um den Verkauf eines Unternehmens geht.

  • Zu schön, um wahr zu sein

    Was Franchisegeber Geschäftspartnern in spe über ihr System verraten müssen und woran man schwarze Schafe erkennt.

  • Geld vom Staat

    Auch Franchisenehmer kommen in den Genuss von staatlichen Fördertöpfen. Es müssen nur drei Kriterien erfüllt werden.

  • Deutschland paradox

    Die Bundesrepublik spielt wirtschaftlich in der ersten Liga – außer beim Gründungsgeschehen. Wie kann das sein?

  • Alles VUKA, oder was?

    Volatil, unsicher, komplex, ambivalent, kurz: VUKA. So beurteilen viele Chefs die Digitalisierung. Was tun?

  • Optimistische Chefs

    Deutschlands Unternehmer strotzen vor Optimismus. Dabei müssen sie in einem Punkt noch mächtig aufholen.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen

Jetzt Newsletter bestellen

DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick