COMEBACK VERSUS RUHESTAND

Dem Anlageerfolg auf der Spur: Sie waren Stars, wurden gefeiert. Dann stürzten sie, und es wurde still um die umjubelten Fondsmanager wie Bill Miller oder Murdo Murchison. Kann ein Comeback wirklich gelingen?

Unruhe im eng bestuhlten Seminarraum eines Londoner Edelhotels. Einige Hundert Anzugträger warten ungeduldig. Die Präsentation über US-Anleihen, die Podiumsdiskussion über Europas Aktien, das sind für sie nur eine Ouvertüre. Dann ein Aufatmen, Beifall prasselt auf – er tritt auf die Bühne. Bill Miller wirkt unprätentiös, fast ein wenig onkelhaft, und setzt sich. Lange Jahre war er wegen herausragender Ergebnisse so etwas wie ein Superstar unter den Fondsmanagern. Doch sein Fonds fiel zurück, es wurde still um den Amerikaner. Inzwischen arbeitet er an seinem Comeback. Miller ist kein Einzelfall. Und bei jedem stellt sich die Frage – kommen sie wirklich wieder?
COMEBACK VERSUS RUHESTAND
Kapitulation: Erfolgsstorys im Investmentbereich enden oft mit dem Abschied des Stars

Fondsmanager verwalten Geld für ihre Anleger. Unterstützt von einem Team versuchen sie, dieses bestmöglich anzulegen – immer entlang der gesetzlichen und vertraglichen Vorgaben. Bei einigen Fonds geht es um den Kapitalerhalt, das Vermeiden von Verlusten um jeden Preis. Bei vielen jedoch geht es darum, besser zu sein: besser als die Konkurrenz, aber vor allem besser als der Markt. Dieser Markt ist in aller Regel ein Börsenindex, der deutsche Dax etwa oder der Weltindex MSCI World. Und tatsächlich gibt es einige Fondsmanager, denen es gelingt, höhere Ergebnisse abzuliefern als der Index. Nicht nur in einem Jahr, sondern immer wieder. Diese Manager werden oft zu Stars gemacht, auch wenn ihnen das selbst vermutlich eher peinlich ist.

FALSCHE ENTSCHEIDUNGEN

Bill Miller zum Beispiel gelang es mit seinem Legg Mason Value Fund gut 15 Jahre in Folge den S&P 500 zu schlagen. So viel Erfolg setzt eine Kettenreaktion in Gang: Immer mehr Profiinvestoren vertrauen dem Gefeierten Geld an. Es folgen die Gelder der Privatinvestoren, die Medien befeuern die Entwicklung. An deren Ende steht der Starmanager auf einem Podest, und seinen Händen werden magische Fähigkeiten nachgesagt – auch wenn es in aller Regel eine bestimmte individuelle Anlagestrategie ist, die den längerfristigen Erfolg ermöglicht. Bei Miller zum Beispiel die Kaufmannsüberzeugung, der Gewinn liege an der Börse im Einkauf: Aktien müssen billig eingesammelt werden. Doch irgendwann tritt das Unvermeidliche ein, bei ihm wie bei seinen Konkurrenten.

Der Manager macht Fehler. Schätzt einen Markt falsch ein, steigt zu früh ein, zu spät aus. Und ein glänzender Trackrecord ist Geschichte. So ging es Miller. So ging es Murdo Murchison, der am Steuer des Templeton Growth Fund über einen der bekanntesten Fonds der Welt gebot. So ging es Klaus Kaldemorgen, der mit seinem DWS Vermögensbildungsfonds I durch gute Arbeit so etwas wie Deutschlands Vorzeige-Fondsmann wurde, doch Ende der 2000er die Fortune verlor. Warum, erklärt etwa die Statistik.

Jedes Jahr schafft es nur ein überschaubarer Anteil der Fondsmanager, den Markt zu schlagen. Dehnt man den Betrachtungszeitraum aus, sinkt ihr Prozentsatz mit der Länge des Zeitraums. Die Experten von S&P Dow Jones Indices rechnen jedes Jahr nach, so auch 2015. Ihr Ergebnis: Schafften es zunächst 678 US-Aktienfonds in das beste Viertel, taut diese erfolgreiche Gruppe im Zeitverlauf massiv ab. Nach zwei Jahren blieben im September 2015 bloß 4,28 Prozent im Top-Quartil übrig. Der Rest? Rangierte unter „ferner liefen“.

Zu gleichen Ergebnissen wie die Regeln der Statistik kommen die Praktiker. Clemens Schuerhoff zum Beispiel ist solch ein Praktiker, er berät mit seinem Unternehmen Kommalpha unter anderem Versicherungen oder Pensionsfonds, die Geld in Fonds investieren wollen. Seine Beobachtung: „Kein Fondsmanager kann langfristig deutlich über dem Markt liegen. Große Erfolge von Fondsmanagern basieren entweder auf speziellen Marktsituationen oder -strukturen, in denen der Manager unterwegs ist – etwa Ineffizienzen, Informationsvorsprung, innovative Themen –, oder auf hohen Risiken oder Wetten, die der Manager eingeht. Das kann eine gewisse Zeit gut gehen, aber langfristig eben nicht.“

FONDSMANAGER UNTER DRUCK

Tatsächlich ist der Druck auf die aktiven Fondsmanager im vergangenen Jahrzehnt gewaltig gestiegen. Zum einen wegen der Konkurrenz selbst, der anderen Fondsmanager, die ebenfalls den Markt schlagen wollen. Vor allem aber wegen des zunehmenden Erfolgs der Exchange Traded Funds (ETFs), die einen Index nachbauen und damit dessen Wertentwicklung im Guten wie im Schlechten nachzeichnen. Immer mehr Anleger nutzen dieses Anlagekonzept – ohne Chance, den Index zu schlagen, dafür mit deutlich niedrigeren Kosten als klassische Fonds.

Kein Wunder also, wenn Fondsmanager Risiken eingehen, um bei den Anlegern zu punkten. Und kein under auch, dass ein Comeback keine leichte Aufgabe ist. Gelingen kann es dennoch. Consultant Schuerhoff: „Alle Fondsmanager sind hochintelligente Menschen, sodass ein Comeback auf Basis der genannten Faktoren jederzeit möglich ist, sofern das Vertrauen der Anleger in diese Menschen noch da ist.“

Auch die Disziplin muss aufrechterhalten bleiben: Der Manager sollte seiner Anlage vision treu bleiben. Warren Buffett ist seit Jahrzehnten als Investor erfolgreich, weil er seiner Kernidee folgt – Aktien günstig zu erwerben und lange zu halten. Für einen selbstständigen Buffett einfach, für einen angestellten Fondsmanager nicht ohne. Ihm sitzt der Vertrieb im Nacken, den Fonds schnell zum Glänzen zu bringen. Denn je mehr Anleger ein Fonds anlockt, umso mehr Geld verdient die Fondsgesellschaft damit. Und damit geht oft das „Sterben am eigenen Erfolg“ einher, wie Christoph Vogt es nennt. Vogt ist Portfoliomanager bei Format Asset Management.

Je erfolgreicher und größer ein Fonds wird, umso schwieriger kann dessen Verwaltung werden. „Ein Aktienfonds, der etwa in deutsche Nebenwerte investiert, sollte meines Erachtens maximal ein Volumen von 500 Millionen Euro aufweisen“, sagt Vogt. „Bei deutlich höheren Volumina werden die einzelnen Positionen im Fonds zu groß. Der Fondsmanager wird unbeweglich und kann nicht mehr so schnell agieren, wie es zum Beispiel ein volatiler Markt erfordert.“ Und Diana Lange von Lange Assets & Consulting ergänzt: „Einen Small-Mid-Cap-Fund mit 100 Millionen Euro in die Top-Performance-Listen zu managen ist einfacher als einen Small-Mid-Cap-Fund mit einer Milliarde Euro.“

DIE ZWEITE CHANCE GENUTZT

Eine andere Voraussetzung für ein Comeback liegt ebenfalls in der Hand der Fondsgesellschaft: der Umgang mit einem Manager, dessen Fonds nicht mehr so glänzt wie einst. Gibt sie ihm eine Chance? Kaldemorgen war so ein Fall. Die DWS akzeptierte seinen Rücktritt von Funktionen wie der als Sprecher der Geschäftsführung und gab ihm 2011 mit dem Concept Kal demorgen ein Fondsvehikel mit allen Freiheiten. Dessen Volatilität lag über ein halbes Jahr gerechnet unter zehn Prozent – beim Aktienindex MSCI World liegt das Risikomaß bei 20 Prozent. Comeback geglückt

Auch die Selbstständigkeit kann diese Freiheit liefern. Murdo Murchison etwa verwaltete mit dem Templeton Growth Fund den Bestseller der Gesellschaft. Heute arbeitet er in Edinburgh mit Kiltearn Partners als selbstständiger Fondsmanager und ist nur für Institutionelle da. Eine Stellungnahme lehnte er ab. Ein Comeback auf breiter Publikumsfront klappt so eher nicht, wohl aber eines im elitären Rahmen

Was bleibt also? Die Erkenntnis, dass ein Comeback möglich, aber an Bedingungen geknüpft ist. Vogt sagt: „Ein Fondsmanager kann meines Erachtens nur in einem völlig unveränderten Ökosystem – das heißt auch mit identischer Marktentwicklung – wieder zu alter Stärke auflaufen.“ Fondsmanager Miller zumindest wirkt seit seinem Rücktritt vom Steuer des Value Fund 2012 wie befreit und nutzte die Freiheiten des Legg Mason Opportunity so, dass er damit zwischen Anfang 2012 und Anfang 2016 wieder deutlich vor dem Markt lag. Und seine Auftritte auf Konferenzen? Sind gut besucht

DAS WICHTIGSTE IM ÜBERBLICK

  • Ein gescheiterter Fondsmanager hat die Chance auf ein Comeback – wenn ihm Fondsgesellschaft und Anleger weiter vertrauen

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