Bransons Gebote

Richard Branson gilt als Exzentriker und Egomane, aber der Erfolg gibt ihm recht: Kaum jemand hat in so vielen Märkten unternehmerisch Fuß gefasst wie er. 

New York City, Times Square, 1998. Unzählige Leuchtreklametafeln baden die bekannteste Kreuzung der Welt in ein hektisches Lichtermeer. Plötzlich verdunkelt ein stahlgrauer Panzer die Szenerie. Aus seiner Luke taucht der blonde Wuschelkopf von Richard Branson auf. Der Entrepreneur grinst und hält eine Dose Virgin Cola in der Hand. Auf der Straße haben seine Mitarbeiter Kisten mit Dosen der Marke Coca-Cola positioniert. Branson zermalmt sie unter seinen Ketten, die Zuschauer johlen. Der Auftritt im Tank war Teil einer Marketingkampagne, die Coca-Cola auch auf dem US-amerikanischen Heimatmarkt vom Thron stoßen sollte. Kurz zuvor hatte Branson mit seiner Softdrink-Offensive bereits die Konkurrenz in England überrollt.

Grundstein eines Imperiums

Doch hier wie dort scheiterte sein Plan. Bransons Cola verlor kontinuierlich Marktanteile, 2009 verschwand das Erfrischungsgetränk endgültig aus den Regalen. „Wir hatten das schlechtere Produkt“, gestand er später.

Es war eine der wenigen Niederlagen des Gründers des Virgin-Imperiums, der seine erste Million mit Musik verdiente. Das Premieren-Album, das er unter dem Label Virgin Records verkaufte, war „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Teile davon wurden im Kino-Hit „Der Exorzist“ verwendet und machten die Scheibe zum Kassenschlager. Die Plattenfirma wuchs zu einer der größten der Welt an. 1992 verkaufte Branson das Unternehmen an Thorn EMI für rund eine Milliarde US-Dollar. Mit ihr erweiterte er sein Business um viele weitere Geschäftsbereiche.

Inzwischen wird Bransons Vermögen auf rund fünf Milliarden US-Dollar geschätzt.

Mitunter wirkt der gebürtige Londoner wie der sagenhafte König mit dem güldenen Händchen. Modern Midas nennen ihn seine Bewunderer. Was er anfasst, verwandelt sich zu Gold – oder zumindest in Dollarnoten. Doch Branson ist kein Magier, sondern Geschäftsmann mit Leib, Seele und einem Talent für die Selbstinszenierung. Passend dazu hat er zuletzt Stück für Stück sein Geheimnis gelüftet: In „Like A Virgin: Erfolgsgeheimnisse eines  Multimilliardärs“ oder „The Virgin Way: Everything I Know About Leadership“, das im Mai auf Deutsch erscheint, stellt er seine Regeln für Erfolg und Führung vor. Zusammengenommen geben sie Auskunft darüber, wie Branson zu dem werden konnte, der er heute ist. Die wichtigsten Erfolgskonzepte werden Ihnen nun im Folgenden kurz vorgestellt.

Arbeite leidenschaftlich

Branson hegt wenig Sympathie für die „TGIF“-Brigade, also all jene, die befreit aufatmen, wenn das Wochenende bevorsteht („Thank God It’s Friday“). Er bemitleidet sie sogar. Sie verdienten lediglich ihren Lebensunterhalt, statt jeden Moment ihres (Arbeits-)Lebens wertvoll zu machen. Der Schlüssel dazu sei Leidenschaft. Wie viel Herzblut Branson in die Verwirklichung seiner Visionen steckt, hat er im zarten Alter von 16 Jahren bewiesen, als er das Schülermagazin „Student“ gründete. Es war ihm so wichtig, dass er dafür sogar die Schule schmiss. Eine besonnene Entscheidung? Nein. Aber dafür leidenschaftlich und mit jeder Faser überzeugt.

Mach gute Geschäfte

Unternehmer wollen erfolgreich sein – um langfristig am Markt zu bestehen, sind sie zu Erfolg verpflichtet. Doch Branson erweitert das gute Geschäft um einen ethischen Anspruch. Große wie kleine Unternehmen, die Gelegenheit dazu haben, in ihren Gemeinden Gutes zu tun, müssten diese Aufgabe wahrnehmen. Entrepreneure, die dieser Verantwortung nicht gerecht würden, sondern immer nur den eigenen Nutzen und das Wohl ihrer Firma im Blick hätten, verübten aus Bransons Sicht Raubbau an Mensch und Natur. Das schade langfristig dem Geschäft, denn es entziehe dem produzierenden Gewerbe die Grundlage und Kunden die Mittel zum Konsum.

Glaube an Dich und Dein Business

Ohne Vertrauen in die Geschäftsidee, das Team und die eigene  Leistungsfähigkeit sei Branson zufolge jedes Unternehmen zum Scheitern verurteilt. „Optimismus, Aufgeschlossenheit und Selbstvertrauen sind alles Qualitäten eines guten Managers“, schreibt er. Zu den eigenen Fehlern zu stehen sei dabei mindestens so wichtig, wie der Stoßrichtung richtiger
Entscheidungen weiter zu folgen. Markus H. Kepka, Geschäftsführer des Kochgeschirrherstellers Fissler, warnt aber davor, sich auf alten Erfolgen auszuruhen: „Nichts ist gefährlicher als das Vertrauen auf alte Erfolge.“

Den Spass an der Sache behalten

„Vor allem die Freude und der Spaß am Job sollten Auslöser für das Tun sein.“ Dieser Satz stammt nicht von Branson, sondern von Michael Scheffler, Partner und Managing Director der Softwareschmiede projekt0708. Wahrscheinlich gäbe ihm der britische Unternehmer-Star recht. Er formuliert die Spaßmaxime noch drastischer: „Die Arbeit mit Ihrem Team, Ihren Lieferanten und den Firmen, mit denen Sie arbeiten, sollte Ihnen Vergnügen bereiten“, „Nehmen Sie nicht alles so persönlich“ und „Lassen Sie ab und zu die Sau raus“.

Gib nicht auf

Einen Tiefpunkt erlebte Branson Ende 2014, als das „SpaceShipTwo“ seines Raumfahrtunternehmens Virgin Galactic offenbar aufgrund von Antriebsproblemen abstürzte. Bei dem Unfall kam der Co-Pilot ums Leben,
der Pilot konnte sich mit dem Rettungsfallschirm nur knapp retten und erlitt schwere Verletzungen. Branson versprach auf einer Pressekonferenz die lückenlose Aufklärung des Vorfalls – und stellte sich hinter das Projekt, das er und sein Team trotz des Rückschlags weiter vorantreiben wollten.

Fang an, zuzuhören

Einer von Bransons größten Filmhelden ist John Wayne, der Mann mit dem Halstuch und dem rauchenden Colt. Den Satz „You’re short on ears and long on mouth“ aus dem Western „Big Jake“ habe er nie vergessen. Er gebe wieder, wovon Branson fest überzeugt sei: Wer seinen Mitarbeitern zuhört und ihre Ratschläge ernst nimmt, lernt effektiver und kommt schneller ans Ziel, als wenn er selbst nur Befehle bellt. Der Praxistipp von Steffen Zoller, Geschäftsführer des Pflegemarktplatzes Care.com, stößt in dasselbe Horn: „Erfolgsfaktor Nummer eins sind ganz klar die Mitarbeiter. Es gilt, auf ihre Bedürfnisse einzugehen und gemeinsam neue Horizonte zu erschließen. Nur so kann sich ein Unternehmen erfolgreich weiterentwickeln.“

Gib Arbeit ab

Ein Geschäftsführer kann unmöglich alles selbst erledigen. Zusätzlich zum Kapazitätsproblem fehlt es an universeller Kompetenz – viele Aufgaben erledigen andere schlichtweg besser. Dennoch tun sich immer wieder Spitzenkräfte schwer damit, Arbeit abzugeben. Branson mahnt dazu, Arbeit zu delegieren. Das erhöhe nicht nur die Ergebnisqualität, sondern schaffe zudem Raum, um sich auf strategische Entscheidungen konzentrieren zu können. Marc Schmidt, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Strukturgeber, berichtet: „Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich das Vertrauen hatte, nicht nur Aufgaben, sondern Verantwortungsbereiche zu delegieren – aber dann lief’s!“

Netzwerke

Kontakt zu anderen Menschen ist aus Bransons Sicht unerlässlich für Unterhaltung, Spaß, neue Ideen und letztlich Produktivität. Er ist ein Verfechter des Großraumbüros und überzeugt: „Ein guter Chef verbarrikadiert sich nicht hinterm Schreibtisch.“ Er selbst habe nie in einem Büro gearbeitet, sondern sei ständig unterwegs und treffe sich mit Leuten. Dabei trage er immer ein Notizbuch bei sich, in dem er Sorgen, Fragen und Impulse aus den Gesprächen festhalte.

Fang an, zu reden

Branson erhebt den Bürospaziergang zum Managementprinzip. „Going walkabout“ nennt er es und meint damit, den Gang durch die Abteilungen zu einem Bestandteil der täglichen Büroroutine zu machen. Das fördere den Austausch und ersetze so Hunderte ineffektiver E-Mails. Gerade Führungspersonen profitierten davon, Mitarbeiter aller Ebenen kennenzulernen. Indem sie Interesse an ihnen zeigen, helfen sie, einen echten Gemeinschaftssinn im Unternehmen zu entwickeln.

Sei innovativ

Am Beispiel der Hummel beschreibt Branson ein Problem, dem viele Innovatoren begegnen. Den Berechnungen einiger Wissenschaftler zufolge dürfte das Insekt aufgrund seines hohen Gewichtes, der schlechten Aerodynamik und der geringen Flügelspannweite unmöglich fliegen. Die Praxis beweist jedoch Sommer für Sommer das brummende Gegenteil.

Ähnliches widerfahre Menschen mit Ideen. „Theoretisch mag das gut klingen“, bekämen sie oft zu hören, „aber praktisch funktioniert das nie.“ Branson sieht darin den zentralen Unterschied zwischen Innovatoren und Bremsklötzen: Die Bremser verwenden ihre Energie darauf, zu überlegen, warum eine Sache nicht funktioniert. Menschen hingegen, die an Neuerungen interessiert sind, suchen nach Wegen, ihre Ideen umzusetzen.

Erfolg – eine Frage der Perspektive

Der Vergleich der Branson’schen Regeln mit denen der DUB-Panel-Mitglieder zeigt, wie unterschiedlich die Ansätze bisweilen sind. Neben dem Einfluss verschiedener Persönlichkeiten liegt das sicherlich auch an der Offenheit des Begriffs. Für viele Unternehmer steht Erfolg synonym für Umsatz und Gewinn.

Karlheinz Ruckriegel, VWL-Professor an der TH Nürnberg, ist Ökonom und zugleich einer der führenden Glücksforscher in Deutschland. Er verlangt von erfolgreichen Unternehmen allerdings mehr als reine Zahlenhörigkeit: „Natürlich müssen Unternehmen auch Gewinne erzielen. Es kann aber nicht um Gewinnmaximierung gehen. Auch in der Managementlehre ist man von einem solchen Shareholder-Value-Ansatz, der in der Praxis letztlich auf eine kurzfristige Gewinnmaximierung hinausgelaufen ist, abgekommen“, sagt Ruckriegel. Er verweist auf einen Ansatz des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Michael Porter, der vielmehr von Shared Value spreche: „Dieser berücksichtigt die Interessen aller Stakeholder am Unternehmen in angemessener Weise. Ein anderes Wort für Shared Value ist Corporate Social Responsibility.“

Top-Manager wie Branson zeigen, dass Erfolg-Definitionen mit unterschiedlichen Stoßrichtungen nur ein theoretisches Problem sind. Bransons Maxime „Den Spaß an der Sache behalten“ ist beispielsweise für das persönliche Glück ebenso notwendig wie für eine mitreißende Präsentation vor Kunden. Dennoch handelt es sich bei seinen unternehmerischen Praxistipps nicht um Banalitäten. Im Gegenteil. Pointierung ist ein wesentliches Merkmal effektiver Kommunikation. Das belegt der Praxistipp von Marco Vietor und Paul Crusius, den Geschäftsführern und Gründern des Hörgeräte-Spezialisten audibene: „Als Unternehmer sind wir immer auch Erklärer – gegenüber
Investoren, Partnern, Kunden, Journalisten oder Stakeholdern. Dabei gilt: Keep it short and simple!“ Bransons Erfolgsrezepte sprechen die gleiche Sprache.

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