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Neues Hochgefühl

Ein Schweizer Bergdorf erfindet sich neu. Andermatt soll zu einer führenden Adresse in der High-End-Alpintouristik werden. Dafür investiert ein ägyptischer Hotelier 1,8 Milliarden Franken – und lockt mit entspanntem Luxus.

Anderthalb Stunden – länger dauert die Autofahrt nicht. Doch zwischen der Schweizer Metropole Zürich und dem abgelegenen Bergdörfchen Andermatt liegen Welten. Auf der mit helvetischer Präzision schneegeräumten Autostraße verschwindet die Großstadt im Rückspiegel. Die Abgeschiedenheit des alpinen Zielortes deutet sich schnell an.

Es geht nach Süden in das Herz der Schweizer Alpen. Genauer: in den Kanton Uri. Die Strecke führt entlang des Zuger Sees. Kurz darauf zieht auch der Vierwaldstätter See mit der berühmten Tellskapelle vorbei. Die Orte werden kleiner, die schneebedeckten Bergspitzen höher, das Gotthardmassiv rückt näher. Das Bergdorf Andermatt liegt im malerischen Urserental. Einem der weniger dicht besiedelten Täler der helvetischen Alpen. Drei Pässe und eine Schlucht umgeben den traditionsreichen Kurort.

Kaum hat man das Ortsschild passiert, liegt rechter Hand der kleine Dorfbahnhof. Hier hält der berühmte Glacier Express. Ein nobler Schnellzug, der seit 1930 die Luxusdestinationen Zermatt und St. Moritz miteinander verbindet. Erste Eindrücke, die Hinweise geben auf die zentrale Lage des Wintersportorts auf rund 1.400 Meter Höhe.

Einfach zu erreichen und doch fernab des Trubels. Womöglich war es diese Kombination, die den ägyptischen Hotelier Samih Sawiris überzeugte, in Andermatt zu investieren. Und das Dorf neu zu erfinden. 2009 fand der erste Spatenstich seines groß angelegten Tourismusprojekts Andermatt Swiss Alps statt. Die Vision: den historischen Ortskern um ein Resort zu erweitern und das Bergdorf zur Ganzjahresdestination zu entwickeln.

Das High-End-Projekt richtet sich an eine finanzstarke Klientel, die die Entkopplung des Schweizer Franken vom Euro kaum spürt. Und die abseits des aufgeregten Jetsets anderer Schweizer Nobelskiorte Erholung und höchsten Komfort genießen will. Im Endausbau soll das Resort sechs Hotels auf Vier- bis Fünf-Sterne-Niveau, rund 500 Ferienwohnungen in 42 Apartmenthäusern, 25 Chalets, ein öffentliches Schwimmbad und einen 18-Loch-Golfplatz umfassen. „Ein Enddatum für die Realisierung haben wir uns nicht gesetzt. Es geht um eine nachhaltige Entwicklung der Destination“, sagt Christof Birkhofer, Head Real Estate der ausführenden Andermatt Swiss Alps AG.

Entspannter Luxus im „Chedi“

Vor gut einem Jahr eröffnete mit dem Fünf-Sterne-Haus „The Chedi“, das erste Hotel des Resorts. Eine Luxusadresse, an der gestresste Manager und viel beschäftigte Unternehmer ungestört zur Ruhe kommen und neue Energie tanken können. „Das ,Chedi‘ ist der Leuchtturm des Resorts“, sagt York Brandes, Vice President Business Development der betreibenden Luxushotelkette General Hotel Management. „Unser Anspruch ist es, unseren Gästen das Gefühl zu vermitteln, sie wären zu Hause. Nur dass sie parallel die Vorzüge eines De-luxe-Hotels genießen.“

Im ersten Jahr lag die Auslastung bei 60 Prozent. Vor allem als Destination für Wochenendtrips hat sich das Hotel etabliert. Das liegt nicht zuletzt an der günstigen Verkehrsanbindung: Von München sind es mit dem Auto vier Stunden, von Mailand zwei, Luzern liegt nur 45 Minuten entfernt. Über die Zuganbindung ist man in zwei Stunden in Zürich.

Das Einrichtungskonzept, regionale Elemente mit dem asiatischen Stil der „The Chedi“-Hotelkette zu kombinieren, ist elegant und unaufdringlich umgesetzt. Die großzügig geschnittenen Räume verfügen über hohe Decken und Fensterfronten, die das eindrucksvolle Bergpanorama in das Hotel zu holen scheinen. Holz, Stein und andere Naturmaterialien sowie 196 Kamine verleihen dem „Chedi“ einen alpinen Touch. „Unser Ziel war es, dass sich das Hotel möglichst unauffällig in den Ort einfügt“, erklärt Brandes.

Eher auffällig ist dagegen das gastronomische Konzept des Hauses. In vier Atelierküchen werden Schweizer und asiatische Spezialitäten zubereitet. Wer den Köchen ganz genau auf die Finger schauen will, reserviert am besten einen der Chef’s Tables. Leicht erhöht platziert, blickt man in das kulinarische Zentrum. Wer stattdessen unter sich sein will, kann Private Dining Rooms buchen. Über gesonderte Eingänge erreicht man die separaten Räume, die vor ungewollter Aufmerksamkeit schützen.

Die Gäste des „Chedi“ sollten sich in ungezwungen-luxuriöser Umgebung entspannen können, sagt Brandes. Dazu trägt auch der vom Condé Nast Verlag zum „Most indulgent Spa 2014“ gekürte Wellnessbereich bei. Dort befinden sich auf großzügigen 2.400 Quadratmetern zehn De-luxe-Spa-Suiten, Hydrothermalbäder, eine Saunalandschaft, ein 35 Meter langer Indoor-Pool und ein beheiztes Außenbecken vor Alpenpanorama.

Ruft doch einmal die Arbeit, bietet das Hotel einen Konferenzraum, in dem Board-Meetings stattfinden können. Auch dort habe man darauf geachtet, eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen. „In unseren Räumen soll sich für unsere Gäste nichts nach Arbeit anfühlen. Selbst dann nicht, wenn sie ihre Geschäfte im Urlaub weiterführen müssen“, so Brandes. Auch Gäste, die es im Winter zur aktiven Entspannung auf die Andermatter Skipisten am Nätschen und Gemstock zieht, können sich möglichst lange entspannt zurücklehnen: „Wir bieten einen Skibutler-Service“, so Brandes. „Fachleute kümmern sich um die Wartung und den Transport der Ski-Ausrüstung, beraten zu Pisten- und Wetterbedingungen.“ Ein Extraservice für Luxusurlauber.

Diskretion wird im „Chedi“ großgeschrieben. Neulich sei ein milliardenschwerer schwedischer Tycoon wochenlang zu Gast gewesen. Der feine Pulverschnee, die luxuriöse Wellnesslandschaft, der aufmerksame Service. Er habe sich sehr wohl gefühlt und wolle wiederkommen. Ein andermal habe eine Königsfamilie für mehrere Tage gleich das gesamte Hotel gebucht. 105 Zimmer und Suiten. Ob das wirklich stimmt? „Solche Gerüchte kommentieren wir nicht“, sagt Brandes. Ein Lächeln umspielt dabei seine Lippen. Er schweigt und weiß, wie sehr seine Klientel diese Verschwiegenheit schätzt.

Weniger Zurückhaltung erlebt man, kommt das Gespräch auf James Bond. 1964 drehte das Team um Sean Connery in dem Hochtal-Bergdorf eine Szene für den Film „Goldfinger“. Connery steuerte im Aston Martin DB5 die Andermatter Tankstelle Aurora an. Heute ist das Aurora ein Drei-Sterne-Hotel, die Zapfsäulen sind längst Vergangenheit.

Bewegte Geschichte vor Bergpanorama

Der historische Kern des Dorfs scheint die zurückliegenden Jahrzehnte im Dornröschenschlaf gelegen zu haben. Die eng stehenden Häuser mit ihren bunten, regionaltypischen Holzschindelfassaden beherbergen urige Gastwirtschaften, Zwei- bis Drei-Sterne-Unterkünfte, Fachgeschäfte mit Schweizer Spezialitäten.

Beliebt ist Andermatt bislang vor allem bei zumeist jungen und abenteuerlustigen Skitouristen. Auf den steilen Abfahrten und unberührten Tiefschneehängen des nahe gelegenen Gemstocks kommen die Freerider
und Freestlyer auf ihre Kosten. Ziel des Resorts ist es nun, das alte Andermatt mit seiner gewachsenen Tourimusstruktur um das Luxussegment zu erweitern.

Skisport wird in dem Feriendorf seit Beginn des 20. Jahrhunderts betrieben. Damals stand an der Stelle des „Chedi“-Hotels Andermatts erste große Luxusherberge,das Grand- und Kurhotel Bellevue. Eröffnet wurde es 1872. Ob zum Wintersport oder zur Sommerfrische – die internationale Prominenz ließ nicht lange auf sich warten. Während des Zweiten Weltkriegs schloss das Hotel. Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage diente Andermatt in der Folge vor allem als Alpenfestung. Das Militär wurde zum Hauptwirtschaftsfaktor. Bis die Kasernen und Festungen Anfang der 90er Jahre geschlossen wurden.

Andermatt hat sich bereits mehrfach neu erfunden. Derzeit befindet sich das Bergdorf in seiner wohl umfangreichsten Neugestaltung. Eine Reise wert ist das Örtchen allemal. Fand doch schon Johann Wolfgang von Goethe 1779: „Mir ist’s unter den Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste.“

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