Hamburg, 21.02.2017

Liebesgrüße vom Tejo

Lissabon ist unwiderstehlich. Die seelenvolle Schöne durchweht der Charme vergangener Zeiten und der Flair einer pulsierenden Metropole. Perfekt nicht nur für ein langes Wochenende.

Der erste Blick geht in die Ferne. Lissabon ist berühmt für seine Miradouros, spektakuläre Aussichtspunkte, die einem das bunte Treiben der Stadt zu Füßen legen. Über 30 dieser von den Einheimischen heiß geliebten Plätze gibt es, verteilt über die ganze Stadt. Sie sind die wahren Treffpunkte, hier lassen die Lisboetas die Seele baumeln. Schon nachmittags kommt man hier zusammen, aber erst am Abend entfaltet sich der ganze Zauber. Gemeinsam trinken, lachen, durchatmen und dem Sound dieser faszinierenden Stadt lauschen, die einst die Hauptstadt der halben Welt war. An den Quiosques, den kleinen im Artnouveau-Stil erbauten Buden, gibt es Drinks, Erdnüsse, Sandwiches und frittierten Bacalhau.

Zum Auftakt unseres Lissabon-Wochenendes sind wir auf den Miradouro Sophia de Mello Breyner Andresen gelaufen (kurz: Miradouro da Graça). Mit einem Cocktail in der Hand genießen wir den Blick über das Castelo de São Jorge und die roten Dächer des Baixa-Viertels bis hinüber zur Ponte 25 de Abril, dem stählernen Wahrzeichen der Stadt. Wie schön, dass noch zwei wundervolle Tage vor uns liegen.

Coolste Straße Europas

Winzigkeit und Weite, Nostalgie und Moderne, Lebensfreude und Melancholie – Lissabon liebt und lebt den Kontrast. Eine halbe Million Menschen leben heute im Stadtzentrum, rund 300.000 weniger als noch vor 30 Jahren. Die Wirtschaftskrise hat ihre Spuren hinterlassen, doch nun geht es wieder spürbar aufwärts. Wer die Metropole kennenlernen möchte, schafft dies in drei bis vier Tagen. Uns zieht es weiter, und neugierig stürzen wir uns ins Gewirr der Gassen. Unser Abendspaziergang führt uns in die Oberstadt. Hier erwacht das Leben, wenn die anderen Viertel sich zur Ruhe begeben. Das Barrio Alto verwandelt sich nachts in eine Ausgehzone, die meisten Cafés und Bars sind bis früh in den Morgen geöffnet. Die Rua Cor de Rosa am Cais do Sodré wurde von der „New York Times“ zu einer der coolsten Straßen Europas gekürt, doch die Läden füllen sich erst ab zwei Uhr nachts. Zeit genug, sich in einem der Restaurants zu stärken, bevor es in den Clube da Esquina in die Rua da Barroca geht. Ein einziger Raum, tiefe Fenster, super DJs. Wer früh genug da ist, kann sitzen, der Rest steht oder tanzt – oft auch auf der Straße.

Natürlich wird es spät. Trotzdem lohnt das Aufstehen am nächsten Morgen. Entlang der Prachtstraße Avenida da Liberdade, über den Praça dos Restauradores, den Rossio-Platz und die Rua Augusta laufen wir zum Praça do Comércio, dem prächtigen Platz am Tejo. Ein erster Kaffee vertreibt die Müdigkeit. Die Lissabonner sind Meister darin, den Tag im Café zu verbringen, und die vielen Pastelarias und Bars locken mit unzähligen Kaffeespezialitäten und süßen Köstlichkeiten. Ein Espresso heißt hier Bica und wird stilecht direkt am Tresen getrunken.

Weiter geht’s am Ufer des Tejo Richtung Meer zum Time Out Mercado da Ribeira. Die großen Markthallen sind frisch renoviert und bieten alles, was das Herz begehrt. Wer vormittags kommt, kann noch das Feilschen der Marktleute im Erdgeschoss erleben, später gibt es die Gelegenheit zum Naschen und Probieren. Jung, lebendig, freundlich und lecker!

Auf dem Rückweg machen wir auf den Treppenstufen am Tejo-Ufer halt und genießen die Sonne und die salzige Brise. Der Fluss schillert in betörendem Blau und erreicht hier, kurz vor seiner Mündung in den Atlantik, eine stattliche Breite von zehn Kilometern. Möwengeschrei und heitere Gelassenheit liegen in der Luft, eine Yoga-Klasse versinkt in Asanas, Lounge-Liegestühle laden zum Verweilen ein.

Doch uns treibt es zurück ins Baixa-Viertel. Weil das Erdbeben von 1755 die engen Gassen komplett zerstört hatte, ließ die Regierung die Unterstadt wie ein Schachbrett wiederaufbauen: acht mal acht Straßen, in denen sich edle Cafés und Geschäfte ansiedelten. Manche der Traditionsläden existieren noch heute, und so stöbern wir lange in den Krämerläden.

Entdecker und Bekehrer

Am Abend natürlich Fado. Manche bezeichnen ihn als den europäischen Blues. Er besingt das Leben, glücklich wie traurig, und lässt unsere Herzen schaukeln. Fotos der größten Fado-Sänger zieren die Wände des Mouraria-Viertels am Castelo. Die allergrößte unter ihnen war Amália Rodrigues, die den Fado in die Welt trug. Als sie 1999 in Lissabon starb, wurde sie im Panteão Nacional beigesetzt – neben dem Präsidenten.

Den Sonntagvormittag verbringen wir im Kloster von Belém. Im Jahr 1501 legte König Manuel den Grundstein für das exzentrische Bauwerk mit seinen überreichen Verzierungen und kühnen Bögen. Das Hieronymitenkloster erzählt vom Goldenen Zeitalter, als Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckte und Portugal die weltgrößte Handelsnation war. Ein Ort für Entdecker und Bekehrer, der seit 1983 als Weltkulturerbe geschützt ist.

Am Nachmittag müssen wir uns entscheiden: ein Ausflug nach Sintra, der Sommerfrische der Könige, oder doch lieber ans Meer? Wir wollen Wind und Wellen, also einmal zum Atlantik und zurück. 30 Minuten dauert die Zugfahrt vom Cais do Sodré zum Badeort Cascais. Von hier aus ziehen sich Buchten und Strände wie eine Perlenkette die Küste entlang. Wir bleiben in Cascais und schlendern vom Bahnhof zur Praia da Rainha, dem schönsten Strand des ehemaligen Fischerdorfes. Heller, weicher Sand, kühles Wasser und ein spektakulärer Sonnenuntergang am Abend erwarten uns. Ach, Lissabon, du Schöne, gut, dass wir erst morgen Abschied nehmen müssen.

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