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Kommt das ewige Leben?

Die Lebenserwartung steigt, der medizinische Fortschritt verschlingt Unsummen, Gesundheits-Apps überschwemmen den Markt. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, über die gesellschaftliche und medizinische Entwicklung.

Demografischer Wandel, Überalterung der Gesellschaft, Big Data im Gesundheitswesen – zahlreiche gesellschaftliche, medizinische und technische Aspekte verändern die Rahmenbedingungen des deutschen Gesundheitswesens. Was bringt die Zukunft? Wo fehlt das Geld? Droht ein Pflegenotstand? Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender von Deutschlands größter Krankenkasse, der Techniker Krankenkasse (TK), im Gespräch.

Wie sieht die Krankenkasse der Zukunft aus?

Jens Baas: Eine zukunftsfähige Krankenkasse muss Interessenvertreter ihrer Versicherten sein. Sie darf Beitragsgelder nicht nur umverteilen, sondern muss diese auch optimal für ihre Kunden einsetzen. Ihre Rolle als Vermittler zwischen Leistungserbringern und Patienten wird dabei weiter wachsen.

Das sollte auch heute schon der Fall sein.

Baas: Das sollte es, ja. In vielen Fällen ist es das aber noch nicht. In der Zukunft wird dieses Selbstverständnis als Interessenvertreter immer wichtiger werden. Ich gehe davon aus, dass die Erwartungen der Versicherten an ihre Kassen zunehmen werden. Man darf nicht vergessen: Bei der Wahl der Krankenkasse herrscht eine große Freiheit. Ist ein Mitglied unzufrieden, kann es recht problemlos wechseln.

Welchen Einfluss sehen Sie seitens der technischen Entwicklung?

Baas: Einen sehr großen. Der technische Fortschritt fordert das Gesundheitswesen heraus – und das auf fast allen Ebenen. Eines der großen Schlagwörter hierbei ist Big Data. In naher Zukunft werden deutlich mehr Gesundheitsdaten gesammelt. Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir diese Informationen nutzen, und wo sollen die Daten gesammelt werden? Irgendeinem Start-up oder USamerikanischen Konzernen sollten wir sie nicht überlassen. Denn dort liegen sie außerhalb unserer Kontrolle. Aber gesetzliche Krankenkassen könnten die Daten zum Beispiel mittels einer elektronischen Gesundheitsakte, in der die Informationen gemäß deutschen Datenschutzrichtlinien gebündelt werden, aufbewahren und zum Nutzen ihrer Versicherten verwenden.

Warum sollten ausgerechnet Krankenkassen zur Big-Data-Schnittstelle werden?

Baas: Wichtige Argumente sind, dass wir kein wirtschaftliches Eigeninteresse haben und schon heute strengsten gesetzlichen Vorgaben bei der Datenhaltung und -nutzung unterliegen. Wir dürfen keinerlei Risikoselektion durchführen und auch nicht mit Daten handeln. Das unterscheidet uns von privaten Wirtschaftsunternehmen. Unser Interesse deckt sich mit dem der Versicherten: Wir wollen Informationen nutzen und unseren Versicherten auch zur Verfügung stellen, damit sie gesund bleiben oder werden – eine Win-win-Situation. Außerdem haben wir jahrzehntelange administrative und wissenschaftliche Erfahrung im Umgang mit Gesundheitsdaten. Das macht gesetzliche Krankenkassen zum idealen Partner – als Interessenvertreter und Experte.

Sie tragen eine Apple Watch und ein Fitnessband. Ist mobiles Monitoring ein nachhaltiger Trend?

Baas: Absolut. Elektronische Gesundheitsassistenten werden aus unserem Alltag bald nicht mehr wegzudenken sein. Schon heute zählen Wearables oder Smartphones unsere Schritte und sammeln weitere Gesundheitsdaten. Ich bin fest davon überzeugt, dass in einigen Jahren auch das bewusste Tragen mobiler Geräte, die ein Basis-Set an Gesundheitsparametern wie Pulsfrequenz, Aktivität und Stimmung messen, Alltag sein wird.

Das birgt große Chancen ... aber auch große Risiken.

Baas: Ja, sicher. Die Herausforderung, Risiken wie Datenmissbrauch in den Griff zu bekommen, ist genauso groß wie die Chance, durch die Zusammenführung von Daten neue Erkenntnisse zu erlangen, Menschen für ihre Gesundheit zu sensibilisieren und sie beim Erhalt oder der Wiedererlangung ihrer Gesundheit zu unterstützen. Grundsätzlich ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten. Menschen nutzen digitale Helfer, wenn sie sich etwas davon versprechen. Wir müssen daher dafür sorgen, dass dies unter sicheren und transparenten Rahmenbedingungen geschieht.

Auch der demografische Wandel ist in vollem Gang. Wie schätzen Sie die finanziellen Auswirkungen für die Krankenkassen ein?

Baas: Es mag verrückt klingen, aber aus Sicht der Krankenkassen ist das finanzielle Problem kleiner, als man denken könnte. Eine viel größere Herausforderung ist die Finanzierbarkeit des medizinischen Fortschritts – immer kombiniert mit der Frage, welche der neuartigen und meist sehr teuren Therapieansätze einen echten Patientennutzen bringen. In der Pflegeversicherung ist das natürlich anders. Dort stellt sich mit Nachdruck die Frage: Wie soll die Versorgung der Pflegebedürftigen in einer überalternden Gesellschaft gesichert werden? Die milliardenschwere Finanzspritze, die das Pflegestärkungsgesetz der Bundesregierung vorsieht, kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Die Zeichen sind deutlich: Wir steuern auf einen Pflegenotstand zu. Daran ändert auch eine neue Klassifizierung der Pflegestufen nichts. Das Kernproblem bleibt. Die Gesellschaft altert, und die Pflege wird zum Problemfall.

Welches Szenario erwartet uns?

Baas: Sicher ist, dass die Kosten für die Pflegeversicherung steigen werden. Es wäre klug, die Beiträge schon jetzt graduell anzuheben. Eine umfassende Lösung sehe ich bislang allerdings nicht. Fest steht, dass die Pflege nicht komplett automatisiert werden kann. Denn Pflege ist ein zutiefst menschliches Thema. Dass künftig Roboter die Pflege übernehmen, halte ich daher für sehr unwahrscheinlich. Stattdessen sollten wir den Pflegeberuf aufwerten – gesellschaftlich und finanziell.

Werden denn die Krankenkassen zukünftig im selben Umfang wie heute Leistungen erbringen?

Baas: Ja, ich bin davon überzeugt, dass wir auf längere Zeit, etwa in den kommenden drei, vier Jahrzehnten, kein Rationierungsproblem bekommen werden. Dafür gibt es noch genügend Stellschrauben, an denen wir drehen können, um Potenziale im Gesundheitswesen freizusetzen und Ineffizienzen zu beseitigen. Qualität ist hier das Schlüsselwort.

Das ist ein positiver Ausblick. Sind Sie auch zuversichtlich, was die Heilung von Krebserkrankungen, Herzkrankheiten und Demenz anbelangt?

Baas: Ich befürchte, dass diese Krankheiten in der nahen Zukunft noch nicht heilbar sein werden. Dazu muss man sich nur einmal die Fortschritte in der Krebsbehandlung ansehen: In einzelnen Bereichen gibt es beeindruckende Ergebnisse, in weiten Teilen allerdings nicht. Auch die Forschungserfolge bei chronischen Erkrankungen stimmen zuversichtlich. Aber wir sind weit davon entfernt, sie vollständig kurieren zu können – zumal es bei Herz- Kreislauf-Erkrankungen mindestens genauso wichtig ist, sie im Vorfeld zu verhindern. Gezielte Prävention kann hier eine Menge leisten. Nichtsdestotrotz: Ich bin als ausgebildeter Arzt Optimist genug, um zu sagen, dass es Heilungen geben wird – nur nicht innerhalb der kommenden 20 oder 30 Jahre. Das ewige Leben wird allerdings ein Traum bleiben.

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