Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

DIGITALE FITNESS

Krankenkasse: Die Digitalisierung birgt viele Chancen, aber auch Stolpersteine. Andreas Bündert, Marketingleiter der Techniker Krankenkasse (TK), über Wege, den Strukturwandel zu meistern.


Kommunikation und Angebote zu digitalisieren lohnt sich für Unternehmen verschiedener Branchen – auch im Gesundheitswesen. Die gesetzliche Krankenversicherung Techniker Krankenkasse (TK) hat sich technologischen Innovationen verschrieben und bereits einige neue Apps und Angebote entwickelt. Und auch intern vollzieht sich ein Strukturwandel.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: An welchen digitalen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Andreas Bündert: Das komplexeste Projekt, das wir aktuell stemmen, ist der digitale Ausbau des Unternehmens. Industrie 4.0 macht eben auch vor einer Krankenkasse nicht halt. Wir sind intern schon sehr modern aufgestellt. So spielen wir etwa sämtliche Kundenpost taggleich in unser IT-System ein, und wir nutzen Dunkelverarbeitung, wickeln also viele Vorgänge automatisiert ab. Aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Wir bilden uns nicht ein, Google oder Amazon zu sein, aber diese Unternehmen sind Benchmarks in der digitalen Welt. Und der Kunde vergleicht uns nicht mit anderen Krankenkassen, sondern mit Unternehmen, die in seinem digitalen Leben Standards setzen.

Wie digital darf und muss eine Krankenkasse sein?
Bündert: Zwischen dem „dürfen“ und dem „eigentlich müssen“ liegt zu unserem Leidwesen noch eine ordentliche Wegstrecke. Die digitale Entwicklung ist von der rechtlichen längst entkoppelt. Es gibt eine Unzahl an Restriktionen, langwierigen Genehmigungsverfahren und Gesetzesgrundlagen, die aus dem vergangenen Jahrhundert stammen und einfach nicht mehr zur modernen Welt passen. Dieses Problem können aber nicht Parlamentarier allein lösen. Es braucht eine gesellschaftliche Debatte. Datenschutz spielt dabei eine wichtige Rolle: Aufgrund der verständlicherweise hohen gesetzlichen Anforderungen können wir die digitalen Erwartungen der Kunden nicht immer erfüllen. Die Herausforderung besteht darin, den wichtigen Schutz sensibler Daten sicherzustellen und gleichzeitig kundenfreundliche digitale Angebote machen zu können. Das muss kein Widerspruch sein. Krankenkassen brauchen aber mehr Möglichkeiten, die neuen Chancen für digitale Gesundheitsversorgung und Dienstleistung auch nutzen zu können.

Welche Möglichkeiten möchten Sie ausbauen?
Bündert: Ich nenne zwei Beispiele. Für viele Menschen, insbesondere die jüngeren, ist das Smartphone mittlerweile das alleinige Kommunikationsmittel. Krankenkassen können aber nicht einfach E-Mails, SMS oder WhatsApp als Alternativen anbieten, weil Gesundheitsdaten hohen Datenschutzanforderungen unterliegen. Digitale Services sind ein weiteres Thema. Da geht es zum Beispiel darum, Leistungsanträge einzureichen oder von uns Bescheinigungen zu erhalten. Die bei uns versicherten Studenten wünschen sich, dass sie ihre Mitgliedsbescheinigung einfach downloaden können und nicht erst Briefe schreiben müssen. Das versteht doch heute kein 20-Jähriger mehr. Hier müssen Lösungen her.

Wie verändert Big Data das Gesundheitssystem?
Bündert: Letztlich geht es dabei um die Verknüpfung bisher isolierter Daten und die Stärkung der Kundenrechte. Wir brauchen zeitgemäße Angebote im Gesundheitssystem, über die der Versicherte seine Daten sammeln und zugänglich machen kann, etwa mit einer elektronischen Patientenakte. In diese könnten wir Informationen einspeisen wie verordnete Arzneimittel oder Arztbesuche. Der Patient allein kann bestimmen, wer die Daten sehen darf und welche gespeichert werden – etwa aus einer Blutzucker-App oder dem Fitnessarmband.

Sie sprechen Fitnessarmbänder an. Wohin wird der Trend des mobilen Monitorings führen?
Bündert: Wir stehen erst am Anfang. Vielen kommt das im Moment noch wie Spielerei vor. Tatsächlich wird es bald integraler Bestandteil unseres Lebens sein, davon bin ich überzeugt. Über diese Devices lassen sich viele Daten sammeln – ich mache das auch, wie Sie sehen (zeigt den Fitnesstracker an seinem Handgelenk, Anm. der Red.) Allerdings wird der individuelle Nutzen noch nicht wirklich deutlich. Wie auch? Mit den gewonnenen Daten passiert ja nichts weiter. Gut, ich kann sie mit meinen Freunden teilen. Aber was genau sagt es mir denn, wenn ich während meines Laufs bei Kilometer 3,5 plötzlich einen Puls von 180 hatte und sich meine Pace auf 7,3 Minuten verschlechtert hat? Sinnvoll wird das Ganze erst, wenn eine Analyse über einen längeren Zeitraum oder im Kontext mit weiteren Daten erfolgt und Experten diese Daten individuell auswerten. Da kann Big Data eine Menge Nutzen stiften für die Gesundheit.

Machen wir einen Schwenk zur Kommunikation: Ihre Social-Media-Kampagne „Wireinander“ war augenscheinlich recht erfolgreich. Was waren aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren?
Bündert: Von der Resonanz waren wir selbst überrascht, weil wir nicht erwartet hatten, dass wir als Low-Interest-Produkt Krankenkasse so viele junge Menschen erreichen können. Außerdem hat uns wirklich erstaunt, dass sich junge Leute – zum Teil erst 13 Jahre alt – sehr wohl mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzen. Man glaubt gar nicht, welche Probleme es schon in dem Alter gibt: Pubertät, Verhütung, Mobbing in der Schule. Die jungen Menschen haben sich geöffnet, mit „Wireinander“ haben wir wohl eine Art Ventil für sie geschaffen. Die authentischen Protagonisten und emotionalen Storys haben Aufmerksamkeit erzeugt und Vertrauen geschaffen. Und Youtube war wie gemacht dafür, diese Emotionen zu transportieren, um die vielen persönlichen Geschichten auch miteinander teilen zu können. Das war klasse!

Viele Unternehmen hoffen, Blogger und Youtuber für sich zu gewinnen, was nicht immer leicht ist. Welche Schritte helfen auf dem Weg zur erfolgreichen Kooperation?
Bündert: Zunächst mal brauchen Sie einen starken Partner, der Ihnen Zugang zu den Netzwerken verschafft. Als Krankenkasse haben Sie den idealtypisch ja nicht. Wir haben mit Endemol zusammengearbeitet, deren Experten verfügen über viel Erfahrungen in dem Bereich. Außerdem muss die Mechanik aus Sicht der Youtuber in den einzelnen Storys stimmen, damit sie ihre Geschichte authentisch und überzeugend transportieren können. Mit Endemol ist das gelungen, sodass die Youtuber Lust hatten, ihre Geschichten zu erzählen und mit anderen zu teilen. Und schließlich müssen Sie bereit sein, nahezu alle Regeln, die Sie aus Ihrem Marketinghandbuch kennen, über Bord zu werfen. Denn in den sozialen Netzwerken gelten eigene Regeln. Als seriöse Krankenkasse war das für uns ganz bestimmt keine Selbstverständlichkeit. Aber wir wollten uns dem stellen und sind für den mutigen Schritt letztlich mit dem Erfolg belohnt worden.

Das klingt, als würden Sie eine solche Onlinekampagne auch wiederholen?
Bündert: Ja, absolut. Aber Inflencer-Kampagnen sind nur ein Baustein im Digital-Baukasten. Das digitale Zeitalter hat ja gerade erst begonnen und fängt jetzt an, richtig spannend zu werden. Die bisherigen Inseln wie zum Beispiel der stationäre Webauftritt, die mobile Version, Apps oder die verschiedenen Social-Media-Kanäle wachsen zusammen zum Ökosystem der Zukunft. Bei der Entwicklung von Kampagnen kommt es darauf an, aus der Marke heraus glaubhaft eine Idee zu entwickeln, welche die Bedürfnisse der potenziellen Kunden trifft. Diese Idee muss dann vollständig vernetzt in den einzelnen Kanälen umgesetzt werden. Die Kunst besteht in einer von Anfang an voll integrierten Sicht. Nur so entstehen 360-Grad-Kampagnen, die auch digital funktionieren.

DAS WICHTIGSTE IM ÜBERBLICK

  1. Die Digitalisierung der Gesellschaft verändert die Arbeit von Krankenversicherern.
  2. Die Herausforderung ist, neue Möglichkeiten und Datenschutz in Einklang zu bringen.
  3. Patientenakten, Fitnesstracker und digitale Kommunikation bergen Chancen.

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Chinas Konzerne kaufen am liebsten in Deutschland ein

    Chinas Hunger auf deutsche Unternehmen

    Chinesische Investmentbanker suchen in Deutschland nach Fusions- und Kaufkandidaten. Dabei hat es ihnen eine Branche besonders angetan

  • Bei Übernahmen schwinden die Kräfte

    Bei Übernahmen schwinden die Kräfte

    Verpatzter Auftakt: Das neue Jahr beginnt mit einem Fehlstart bei Fusionen und Übernahmen. Im Januar schreckten die Unternehmen angesichts der Unsicherheiten an den Märkten und eines schwierigen ...

  • Starthilfe für Start-ups

    Bund und Länder fördern Start-ups durch eine Vielzahl von Wettbewerben und Preisgeldern. Eine Untersuchung der knauserigsten und spendierfreudigsten Regionen.

  • Am Ziel vorbei

    Am Tag nach dem Klettergarten

    Teamveranstaltungen sollen Spaß machen und die Mitarbeiter motivieren. Doch der Effekt ist selten auf Dauer. Über gelingende soziale Systeme am Arbeitsplatz.

  • Objekte der Begierde

    Immobilien zählen zu den beliebtesten Investments. Statt direkt zu investieren können Anleger über Fonds, Aktien und Zertifikate mit geringerem Kapitaleinsatz Risiken streuen.

  • Schlaue Schokolade

    Schlaue Schokolade

    MARS-Schokoriegel schmecken nicht nur gut – Unternehmer können von dem Familienunternehmen viel lernen. Einblick in eine außergewöhnliche Firmenkultur.

  • Systemische Betrachtungen bei der Nachfolge in familiengeführten Unternehmungen

    Manchmal gelingt eine Nachfolge nicht, weil systemische Wirkungsgesetze nicht beachtet werden. Acht Grundregeln, die es zu beachten gilt.

  • Wenn die E-Mail vom Chef gefälscht ist

    Wenn die E-Mail vom Chef gefälscht ist

    Organisierte Banden versuchen mit neuen Maschen, Mittelständler um viel Geld zu bringen.

  • Gefährliches Expertenwissen

    Wenn der Chef plötzlich ausfällt, kann das fatale Folgen für das Unternehmen haben. So sorgen Sie vor.

  • Was Verkäufer von Amazon lernen

    Was Verkäufer von Amazon lernen

    Macht das Online-Shopping Verkäufer überflüssig? Das DUB UNTERNEHMER-Magazin hat mit drei Experten diskutiert.

  • Getrieben von Finanzinvestoren muss sich der schwäbische Mittelständler Schleich zu einer globalen Marke entwickeln

    Der Schleich-Report

    Der schwäbische Mittelständler Schleich ist eine Erfolgsgeschichte. Jetzt wollen Finanzinvestoren den Spielwarenhersteller zu einer globalen Marke formen.

  • Karrierestau? Mit Franchise und Lizenzen sofort von ausgeklügelten Systemen profitieren.

    Der Weg in die Selbstständigkeit ist oft steinig. Mit Franchise- und Lizenz-Modellen erhalten die Startups einen schnellen Marktzugang und das notwendige Know-how.

  • Immer mehr Menschen legen Wert auf gesunde Kost.

    Gesund genießen

    Ob Gourmetessen oder Fast Food, immer mehr Menschen legen Wert auf gesunde Kost. Zu den Wunschzutaten zählen unter anderem Umweltschutz und artgerechte Tierhaltung

  • Mit Markenkraft des starken Partners gelingt Einstieg in die Selbstständigkeit

    Wer den Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen möchte, braucht einen starken Franchisepartner. Wie aber lässt sich dieser finden?

  • Uber fürs Übersetzen

    Der Sprachdienstleister lingoking mit 4.800 Dolmetschern und Übersetzern in mehr als 835 Städten agiert seit Oktober als interaktiver Online-Marktplatz. 3 Fragen an Gründer Nils Mahler.

  • Chefs müssen umdenken

    Chefs müssen umdenken

    Nur Anweisungen zu verteilen reicht nicht mehr. In der Dienstleistungsgesellschaft muss die Selbstorganisation der Mitarbeiter gefördert werden.

  • Käufer gesucht

    Ihr Porträt

    Wenn attraktive Unternehmen bei DUB.de verkauft werden, stehen die Käufer Schlange. So erhöhen Sie Ihre Kaufchance.

  • Unternehmensnachfolge als MBI

    Starke Marke

    US-Franchises nehmen den europäischen Markt verstärkt ins Visier. Zwei Fachanwälte geben Tipps, worauf Interessenten bei den internationalen Verträgen achten sollten.

  • Goldene Gründerzeit

    Der erste deutsche Beitrag zum „Juncker Plan“ steht. Bis zu 20.000 Gründer und junge Unternehmen können hierzulande Unterstützung aus EU-Mitteln erhalten. So geht’s.

  • Versicherungen als Qualitätsmerkmal

    Viele kleine und mittlere Unternehmen handhaben den Versicherungsschutz lax, wie eine Studie zeigt. Zudem fehlen oft Maßnahmen wie Feuer- oder Einbruchschutz. Gute Vorsorge steht für Professionalität.

  • Konstruktiv unzufrieden

    UPS-Deutschland-Chef Frank Sportolari über den Wandel des Paketdienstes zu einem „Technologiekonzern mit ein paar Trucks“ – und warum er nie zufrieden ist.

  • Modernes Bauen – so ist’s recht

    Neue Vorschriften

    Das Klimaschutzabkommen von Paris im Dezember gilt als Durchbruch bei der Bekämpfung der Erderwärmung. Das sind die Folgen für Bauherren.

  • Wo der Kunde König ist

    Wo der Kunde König ist

    Diese 15 Unternehmen haben den Kunden-Innovationspreis abgeräumt.

  • Ideenschmieden der Topmanager

    Ideenschmieden der Topmanager

    Eine Reise ins Silicon Valley ist nicht alles: Vier Konzernlenker verraten, woher sie neue Ideen nehmen.

  • Wer sie verpasst, verliert

    Der deutsche Mittelstand muss die Chancen der Digitalisierung nutzen. Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom Deutschland, im Interview.

  • Günther Oettinger im Interview

    Die Schweinsteigers der Industrie

    Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, bezieht Stellung zur Digitalisierung und sagt, was Bastian Schweinsteiger damit zu tun hat.

  • Immer mehr Firmen leasen Software, anstatt sie zu kaufen.

    Pro und contra Software-Leasing

    Mehr IT-Sicherheit, weniger Personalaufwand, aber höhere Kosten – lohnt sich Software-Leasing für mein Unternehmen?

  • Jobgarantie Olympiasieg?

    Top-Athleten haben finanziell ausgesorgt? Von wegen. Im Schnitt müssen sie hierzulande mit 630 Euro im Monat auskommen.

  • Minderheitsinvestoren: Inhaber behalten das letzte Wort

    Geld und Macht

    Frisches Kapital für das eigene Unternehmen zu bekommen ohne an Einfluss zu verlieren – das klingt nach der Quadratur des Kreises. Minderheitsbeteiligungen versprechen genau das.

  • Futterhaus-Franchise

    Nachfolge per Franchise

    Franchise macht das Gründen leichter. So viel ist klar. Dass die Systeme auch helfen können, das eigene Unternehmen und die Nachfolge zu sichern, dürfte weniger bekannt sein.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen

Jetzt Newsletter bestellen

DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick