Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 
Mitbestimmung

Zum Team fähig

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen agil sein. Ein Rezept: Mitarbeiter bringen sich selbst mehr ein. Eine solche Struktur umzusetzen schafft oft aber auch Konflikte.
Demokratie im Betrieb: Vorgesetzte, die durch eine Wahl bestätigt werden, genießen ein gutes Standing

Mittelständler, die lange mit nur einem Produkt großen Erfolg haben, sind besonders stillstandsgefährdet“, sagt Mittelstandsberater Manfred Peters. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Um schnell reagieren und wettbewerbsfähig bleiben zu können, sind Kreativität und dezentrale Entscheidungen gefragt. Unternehmen, die auf Hierarchie und Kontrolle bauen, fahren dabei oft schlechter, so Peters. Sind die Mitarbeiter zudem unmotiviert, steht es nicht gut um die Zukunft der Firma. Was ist also zu tun?

Immer mehr Unternehmen setzen auf Mitbestimmung. So etwa der Online-Schuhhändler Zappos, dessen 1.500 Mitarbeiter 2015 das vom Amerikaner Brian Robertson entwickelte Selbstmanagementsystem Holokratie einführten. Mitarbeiter entscheiden über Abläufe, ihr Gehalt oder gar ihren Chef. Auch hierzulande gibt es dafür viele Beispiele. Doch was für Angestellte paradiesisch klingt, bedeutet harte Arbeit. Und es bleibt die Frage: Nützt es dem Unternehmen?

Zwei Jahre dauernder Prozess

Bei Ministry, einer Hamburger Agenturgruppe, nützte es. Das 1999 gegründete Unternehmen war schnell gewachsen, was bald Veränderungsdruck erzeugte. Marco Luschnat, einer von drei Geschäftsführern, erinnert sich: „Die interne Kommunikation verschlechterte sich – und gefährdete damit die Qualität unserer Produkte. Ein Kampf um Ressourcen entstand. Wir Geschäftsführer hatten den Überblick verloren, welche Aufgaben am wichtigsten waren, wer am meisten Unterstützung brauchte. Uns fehlten die Informationen.“

In dieser Situation entstand eine Idee: Um Abläufe zu verschlanken, sollte die Eigenverantwortung der Mitarbeiter wachsen. Man wollte Hierarchien abschaffen und Entscheidungen beschleunigen. Es wurden neue crossfunktionale Teams gebildet, die sich selbst organisieren sollten. Dieser Change-Prozess dauert bereits zwei Jahre, keine einfache Zeit für das Unternehmen. Luschnat: „Erst waren die Kollegen überfordert, dachten: Wenn alle entscheiden können, ist doch niemand zuständig.“ Viele Gespräche waren nötig, bis das Unternehmen wieder rundlief. Teamleader wurden bestimmt, denn: „Nicht jeder will auch bestimmen. Aber die meisten Leute können am besten arbeiten, wenn sie einen gewissen Entscheidungsspielraum haben.“ Heute ist klar geregelt, wer worüber entscheidet. So darf etwa jeder Kollege von zu Hause arbeiten und so viel Urlaub nehmen, wie er möchte, beides in Abstimmung mit seinem Team. Das Ergebnis: „Unsere Umsatzzahlen und die Zufriedenheit unserer Kunden haben sich zum Positiven gewandelt“, so Luschnat.

Führung als Moderation

Professor Dr. Martin Högl, der das Institut für Leadership und Organisation an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet, sagt: „Menschen sind hierarchiegeprägt. Wir haben weltweit mehr als 1.000 Teams untersucht – es gab kein einziges ohne Chef.“ Vielmehr gehe es darum, schlechte Führung durch gute zu ersetzen. „Führung ist nicht zwingend mit Direktive gleichzusetzen, sondern auch eine Art Moderation. In kleinen Unternehmen reden die Mitarbeiter oft gleichberechtigt miteinander. Das ändert sich, wenn die Firma wächst.“ Ursache sei oft, dass der Gründer seine Strategie nicht durch die Ideen von Mitarbeitern verwässert sehen will, weil ihm das Vertrauen fehlt. „Wenn er nur seine Strategie durchsetzt, geht die Kreativität der Mitarbeiter gegen null. Wenn er auf deren Kreativität baut, bleibt seine Strategie lebendig – weil sie sich verändert“, so der Führungsforscher.

Gefühlte Ungerechtigkeit lähmt

Bedeutet Mitbestimmung aber nicht auch Selbstbedienung der Mitarbeiter, die kein unternehmerisches Risiko tragen? Julian Vester, Geschäftsführer der Agentur Elbdudler, hat sich mit seinen Mitarbeitern vor zwei Jahren darauf geeinigt, dass diese ihr Gehalt selbst festlegen. Das Ziel war, gefühlte oder auch tatsächliche Ungerechtigkeiten zu minimieren. Vester: „Das hat auch funktioniert. Ein wichtiger Begleiteffekt ist, dass sich die Mitarbeiter jetzt automatisch intensiver mit der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens auseinandersetzen.“ Das System: Jeder Mitarbeiter überlegt sich, was er braucht und ob sich die Firma das leisten kann. Das führte zu Konflikten, das System wurde geändert: Jetzt braucht jeder fünf Kollegen, die ihm sein Wunschgehalt absegnen müssen. Obwohl der Gehaltsprozess anstrengend war und bestehenden Frust an die Oberfläche brachte, hält Vester daran fest. Sein Credo: „Eine ernsthafte Mitbestimmung kann nur ganzheitlich funktionieren und hat unweigerlich Auswirkungen auf das gesamte Handeln.“

Wertvolle Rückenstärkung

Beim Software-Entwickler Haufe-umantis ist die Mitarbeiterdemokratie seit Jahren gängige Praxis. Schon der Verkauf des Start-ups umantis an die Haufe Gruppe 2012 wurde von der Belegschaft beschlossen. Als der CEO Hermann Arnold 2013 abtrat, um das Ruder an seinen Nachfolger Marc Stoffel zu übergeben, stimmten die Kollegen genauso darüber ab. Dies stärkte Stoffel in seiner neuen Position. Der heute dreimal wiedergewählte Chef sagt: „Ich kann auf die Kollegen bauen. Wer das Recht hat, seinen Chef zu wählen, hat auch die Pflicht, ihn zu unterstützen.“ Infolgedessen ließen sich die Führungskräfte allesamt ebenfalls wählen, wie Arnold berichtet. Der zurückgetretene Chef arbeitete ein Jahr unter seinem Nachfolger und wirkt heute im Unternehmen als „Ermutiger“, wie er sich selbst bezeichnet. Nicht alle Führungskräfte wurden in ihrer Position bestätigt, einige wurden abgewählt – sind aber bis heute im Unternehmen. „Eine gute Führungskraft braucht hohe Sozialkompetenz. Bei uns gibt es die spiralförmige Karriere: Jeder kann von seiner Führungsposition zurücktreten, um dort Verantwortung zu übernehmen, wo er besser hinpasst“, sagt Arnold, der die Erfahrungen des Unternehmens im kürzlich erschienenen Ratgeber „Wir sind Chef“ für andere nachvollziehbar gemacht hat.

Konflikte als Herausforderung

Arnolds und Stoffels Fazit: „Für Mitarbeiter ist eine Unternehmensstruktur, die auf Mitbestimmung baut, keinesfalls das Paradies auf Erden, wie neue Kollegen mitunter glauben. Zusätzliche Verantwortung ist immer mit Konflikten verbunden, die geklärt werden müssen. Dennoch: Das Ziel ist die Zukunftsfähigkeit der Firma, die beweglich bleibt und vom Engagement und von den Ideen der Mitarbeiter lebt.“

Mehr unter holacracy.org

Das interessiert andere Leser

  • Nachfolgetypen

    Wer ein Unternehmen aufbaut, wünscht sich meistens, dass das Lebenswerk von einem Familienmitglied weiterentwickelt wird. Lesen Sie, welche Faktoren die Nachfolge begünstigen.

  • Self-Storage Startups mit neuen Lagerraum-Lösungen

    Der Arbeitsplatz von heute gewährt freie Platzwahl in Coworking-Spaces. Doch die neue Flexibilität hat Ihren Preis: mangelnder Stauraum für Papiere und Akten. Die Shareing Economy bietet Lösungen.

  • Franchise Expo18 Logo
    Save the date - Franchise Expo18 im September in Frankfurt

    Die Franchise Expo18 bringt vom 27. bis zum 29.09.2018 über 100 internationale Aussteller auf das Messegelände in Frankfurt und bietet Informationsmöglichkeiten und spannende Workshops rund um Franchising.

  • Israels Innovationen

    Israel ist eine der größten Innovationsschmieden der Welt. Der Erfolg der Startup-Nation hat System, der Staat investiert massiv in Forschung und Entwicklung.

  • Allen gerecht werden

    Die Ökonomin Kate Raworth fordert ein fixes Umdenken der Wirtschaft und plädiert für ein Gleichgewicht zwischen Kapitalismus, sozialer Gerechtigkeit und Ökologie.

  • Meer und mehr Gründergeist

    Die Suche nach Erfolg im digitalen Zeitalter führt nach Israel ins Silicon Wadi – wo die Menschen mit Begabung, Bildung und Begeisterung kritische Umstände in Stärken verwandeln.

  • Du kommst hier nicht rein!

    Kryptotrojaner, DDos-Attacken, Phishing – Cyberkriminelle verfügen über ein großes Waffenarsenal. Höchste Zeit für entsprechende Abwehrstrategien.

  • Nachfolge im Franchise

    Eine Unternehmensnachfolge im Franchising weist generell deutlich weniger Minenfelder auf als die Gründung eines neuen Unternehmens. Wie es geht und worauf zu achten ist erfahren Sie hier.

  • Bio-Unternehmen suchen Nachfolger

    Biobetriebe tun sich besonder schwer einen Nachfolger zu finden. Neben Unternehmergeist muss er auch eine ökologische Einstellung mitbringen. Was bei der Suche hilft erfahren Sie hier.

  • Was einen »Leitwolf« und einen kleinen und mittelständischen Unternehmer verbindet

    Die Unternehmergeneration, die heute mit dem Problem einer Unternehmensnachfolge konfrontiert wird, ist ein Produkt ihrer Zeit und der Gesellschaft.

  • Bürgschaftsbanken fördern massiv Nachfolge im Mittelstand

    Deutschland hat ein Nachfolgeproblem. Im Mittelstand fehlen bis Ende 2019 rund 240.000 neue Inhaber für kleine und mittlere Unternehmen.

  • Franchise oder Startup?

    Die Vor- und Nachteile beider Modelle im Check. Ein Leitfaden für alle, die sich selbstständig machen wollen.

  • Israels Gründergeist

    Shai Agassi ist so etwas wie der Bill Gates des Silicon Wadis. Mit seiner ersten Gründung fuhr Agassi erstmal gegen die Wand. In Israel aber gehören Rückschläge zum Geschäft.

  • Darf's etwas teurer sein?

    Professionelles Pricing, Omnichannel im Vertrieb, Customization: Dr. Georg Tacke, CEO der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners über Vertriebs- und Marketingtrends 2018.

  • NEU auf DUB.de: Top-Platzierung in den Suchergebnissen

    Steigern Sie die Aufmerksamkeit für Ihre Anzeige. Positionieren Sie sich vor den Basis-Inseraten und erhöhen Sie durch die besondere Darstellung Ihre Inseratsaufrufe.

  • Einfach loslassen

    Ein Praxisbeispiel zeigt, wie die verspätete Unternehmensnachfolge gelingt.

  • Das Lebenswerk sichern

    Welche Rolle die Emotionen bei der Unternehmensübergabe spielen.

  • Die Meister des Franchise

    Die Vor- und Nachteile von Master-Franchise-Lizenzen.

  • DUB setzt Oettingers digitalen Bildungsgutschein um

    Der Politik einen Schritt voraus: Hamburger Verleger Jens de Buhr füllt die Forderung des EU-Kommissars Günther Oettinger nach Gutscheinen zur digitalen Weiterbildung mit Leben.

  • Franchisegründungen und Beteiligungskapital

    Worin unterscheiden sich Business Angels und Venture Capital? In welcher Phase ist welche Art von Beteiligungskapital die richtige? Und was passiert beim Exit? Ein Experte klärt auf.

  • Gemeinsam wachsen

    Nicht nur in der Gastronomie expandieren Unternehmen mithilfe von Franchisenehmern. Auch im Handel, im Handwerk und im Dienstleistungsbereich ist diese Vertriebsform weit verbreitet.

  • Ziele und Sorgen der nächsten Unternehmergeneration

    Gestalten statt verwalten: Die nächste Generation der Unternehmer will nicht nur das Erbe fortführen, sondern die Digitalisierung vorantreiben, zeigt eine aktuelle Umfrage.

  • Mama startet durch

    Als Mutter erfolgreich im Job zu sein, ist in Deutschland oft nicht leicht. Die Erfolgsgeschichten zweier Start-up-Gründerinnen zeigen, wie es dennoch geht.

  • Folge-Wirkung

    Wer übernimmt das Unternehmen? Ein Familienmitglied oder doch jemand Externes? Rechtsanwalt Dr. Daniel Mundhenke über eine der entscheidenden Fragen bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger.

  • Familienunternehmen erwärmen sich für einen Einstieg von Private-Equity

    Beteiligungsgesellschaften waren lange ein rotes Tuch für deutsche Familienunternehmen. Nun findet ein Umdenken statt – auch getrieben durch fehlende Optionen.

  • So läuft eine Due Diligence ab

    Steuernachforderungen, hohe Abfindungssumme, verzwickte Kundenbeziehungen: Risiken bei einem Unternehmenskauf gibt es viele. Eine Due Diligence ist deshalb zwingend erforderlich.

  • Beiräte in Franchisesystemen

    Wie wird ein Beirat organisiert? Was sind die Aufgaben und die Arbeitsweise? Und welche positiven und negativen Aspekte gibt es? Erfahren Sie mehr über Beiräte in Franchisesystemen.

  • Starke Motivation

    Das Nahziel von Bobfahrer Thorsten Margis und Rennrodler Julian von Schleinitz (Foto) ist die erfolgreiche Teilnahme bei Olympia 2018. Ihre Fernziele: Mastertitel und Promotion an der Hochschule.

  • Smarter leben

    Neue Technologien machen die eigenen vier Wände intelligent. Arne Sextro, Smart-Home-Experte bei EWE, über Chancen und Möglichkeiten ferngesteuerter Haustechnik.

  • Falsche Vorstellung

    Die Berater von Project Partners sind Spezialisten für die Umsetzung der Blockchain. Wie sich ein Unternehmen der Technologie öffnen kann, erfahren Sie im Interview.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick