Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Persönlichkeit entwickeln

Unternehmer gleichen mit interner Nachhilfe Schwächen ihrer Azubis aus.

Werner Ihl ist frustriert. Er ist Ausbilder bei Westfalia Separator, einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen im rheinland-pfälzischen Niederahr. Seit sechs Jahren macht Ihl den Job. Doch heute, so seine vernichtende Einschätzung zum Start des neuen Ausbildungsjahrgangs, seien die Mathe- und Deutschkenntnisse der Azubis nur noch halb so gut wie zu Beginn seiner Ausbilderzeit. "Sie befinden sich zum Teil auf dem Stand eines Fünftklässlers", urteilt Ihl. "Die Hälfte unserer Bewerber ist nicht ausbildungsreif."

Die Hauptdefizite, die es auszumerzen gilt, benennt der Ausbildungspakt, den die Bundesregierung mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft geschlossen hat, so: zu geringe schulische Basiskenntnisse, mangelhaftes Arbeits- und Sozialverhalten und fehlende Lernmotivation sowie fehlende Reife, um sich überhaupt für einen passenden Beruf entscheiden zu können. Für 75 Prozent der Unternehmen sind diese Mängel der Grund, einen Bewerber abzulehnen. Das ergab die Ausbildungsumfrage 2013 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Und doch müssen Mittelständler mangels Alternativen solche Jugendlichen einstellen - und ihnen dann selbst auf die Sprünge helfen. Laut DIHK geben 58 Prozent der ausbildenden Firmen innerbetriebliche Nachhilfe für Azubis. Dafür engagieren sie pensionierte Lehrer oder Meister.

Bei Ausbilder Werner Ihl bekommen die Azubis einmal wöchentlich Werksunterricht. Dieses Modell gebe es schon seit Jahrzehnten, sagt Ihl: "Ich habe vor 38 Jahren hier meine Lehre gemacht, und da hatte ich auch schon Werksunterricht." Doch der Unterricht müsse heute komplett anders aufgezogen werden als damals. Während die Azubis früher auf die spezifischen Inhalte der Berufsschule vorbereitet wurden, müssten ihnen heute erst einmal Grundlagen wie Dreisatz und Flächenberechnung beigebracht werden. "Mit den praktischen Teilen der Ausbildung haben die Jugendlichen kaum Schwierigkeiten", berichtet Ihl. Die Schwächen lägen in der Theorie: "Wir holen hier Stoff aus der Schulzeit nach." Auch in puncto Rechtschreibung müsse kräftig nachgebessert werden. Ihl erzählt: "In den Arbeitsberichten der Jugendlichen finden sich auf einer DIN-A4-Seite rund 70 Rechtschreibfehler. Die korrigieren wir, dann muss der Auszubildende das noch einmal schreiben." Ihls Fazit: "Wir müssen sehr viel Aufwand betreiben, um die Schüler auf ein Level zu bringen."

Lamilux aus dem fränkischen Rehau setzt bereits seit fünf Jahren auf ein Begleitprogramm mit alternativen Inhalten. Das mittelständische Familienunternehmen produziert faserverstärkte Kunststoffe etwa für Lichtkuppeln. Dorothee Strunz, die das Unternehmen zusammen mit ihrem Mann führt, erklärt ihr Modell: "Die Auszubildenden unseres zweiten Lehrjahrs werden einmal wöchentlich von der Arbeit freigestellt und leisten in dieser Zeit dann soziale Arbeit." Konkret heißt das: Sie betreuen alte und demenzkranke Menschen oder arbeiten in einem Kinderhort. Zusätzlich treffen die Jugendlichen sich regelmäßig mit einem Sozialpädagogen, mit dessen Hilfe sie ihre neuen Erfahrungen reflektieren.

Daneben gibt es Selbstverteidigungskurse, Sprechtrainings und Kurse, die den Azubis den Umgang mit Geld oder ihrer Gesundheit beibringen. "Wir wollen eigenständig denkende und handelnde Mitarbeiter haben", begründet Dorothee Strunz die ungewöhnliche Azubi-Agenda. "Wir glauben, dass Menschen motivierter sind, wenn sie selbstbewusst sind." Auch sie beobachtet, dass eine wachsende Zahl der Auszubildenden Probleme hat, alleine klarzukommen. Doch nicht für alle Schüler sind die Ausgangsbedingen gleich schlecht. Ausbilder Werner Ihl, sieht vor allem bei den Hauptschülern die größten Defizite und glaubt, dass Abschlüsse und Noten nur noch wenig Aussagekraft haben: "Gefühlt ist heute der Realschulabschluss so viel wert wie früher der Hauptschulabschluss." Auf Zeugnisse achtet man bei Westfalia nur am Rande, Azubis in spe werden über Praktika herausgefiltert. Hauptschüler seien in der Regel nicht darunter, sagt Ihl.

Das bestätigt auch Bildungsforscherin Bettina Kohlrausch. Das liege aber nicht unbedingt nur an den Hauptschülern selbst, sondern auch an den gestiegenen Ansprüchen in der Berufswelt. Die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule setze bei vielen Berufen höher an, als das früher der Fall war. Hinzu kämen stärker werdende Vorurteile gegen Hauptschüler und Reformen im Schulsystem, die vielen anderen Schülern einen Bildungsaufstieg ermöglicht hätten. Die Kehrseite, so beobachtet Bildungsforscherin Kohlrausch: "Die Hauptschüler haben den Anschluss verloren." Dabei wollten sie eigentlich dasselbe wie alle anderen auch: in der Gesellschaft ankommen.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Auf die Marke kommt es an

    Noch immer zögern viele Mittelständler, ihre erfolgreichen Geschäftsmodelle konsequent zu vermarkten. Dabei lohnt sich die Investition in die Markenführung.

  • Mission Schaltzentrale

    In Oliver Franke reifte schon sehr früh der Wunsch, Unternehmer zu sein. Der Weg zu seiner heutigen Tätigkeit als Chef des vom Vater mitbegründeten technischen Industriedienstleisters Franke + Pahl war ...

  • Wettlauf gegen die Zeit

    Ob Berater, Ingenieur oder Manager: Vor manchen Geschäftsreisen ins Ausland sind ärztliche Untersuchungen Pflicht - doch nicht alle Firmen wissen davon.

  • Das Ende der großen Vorsicht

    Seit der Krise horten Firmen Eigenkapital. Nun stehen bei Mittelständlern wieder Investitionen auf dem Plan. Siewollen mutig sein.

  • Attraktives Geschäftsfeld für Freiberufler

    Onlineplattformen helfen bei der Suche nach Cloud-Experten.

  • Sind Sie sicher?

    Nahezu alle Betriebe werden mittels elektronischer Datenverarbeitung verwaltet, teils mit Tausenden Kundendaten täglich. Doch wiesteht es um den Schutz der Informationen und die Sicherheit der Abläufe? Zehn ...

  • Erfolg ist Verhandlungssache

    Zehnmal täglich verhandeln Führungskräfte im Schnitt. Wie gut sie sich in den Gesprächen durchsetzen, wird auch durch ihre Taktik bestimmt. Der Erfolg beginnt schon mit der Vorbereitung.

  • Geld auf breiter Basis

    Crowdfinanzierungen machen als alternative Kapitalquelle von sich reden. Der Markt ist zwar klein, doch mehr als eine Schwärmerei.

  • Kühler Kopf beim Turnaround

    Wenn die Kosten steigen, der Absatz stockt und der Umsatz sinkt, darf das Management keine Zeit verlieren. Wie mittelständische Unternehmen Restrukturierungen am besten angehen.

  • Auf der sicheren Seite

    Die 17 deutschen Bürgschaftsbanken sind private Förderinstitute, die mittelständischen Unternehmen den Weg zu mehr Kapital ebnen.

  • Erfolg beginnt im Kopf

    Was verbindet Mark Zuckerberg und Wickie den Wikinger? Ihr Erfolg beginnt im Kopf. Der eine erdachte Facebook, der andere hilft seinen Freunden mit klugen Einfällen. Die Idee ist die Basis für erfolgreiches ...

  • Großprojekte im Fokus

    Projektinvestitionen sind oft Meilensteine bei der Erreichung strategischer Ziele. Häufig gehen damit hohe Risiken einher, die besonderer Aufmerksamkeit von Management und Aufsichtsrat bedürfen.

  • Vorbildliche Führung

    Ottmar Hitzfeld erklärt auf dem zweiten DUB UNTERNEHMER-Dinner, wie er Teams erfolgreich führt und wie er lernen musste, Druck zu managen.

  • Halterhaftung für den Fuhrpark

    Halterhaftung für den Fuhrpark birgt für den Verantwortlichen ein erhebliches Haftungsrisiko, das sich besonders offenbart, wenn es um die Haftungsverteilung nach einem Verkehrsunfall geht.

  • Das Geheimnis der Gewinnmaschinen

    Anlegern gelingt es nur sehr schwer - viele Unternehmen, auch deutsche, schaffen es aber Jahr für Jahr. Sie streichen Renditen von 25 und mehr Prozent ein.

  • Führen mit Stil

    Über Managementprinzipien und E-Commerce-Wandel diskutierten Otto-Vize-Chef Dr. Rainer Hillebrand und Ebay-Deutschland-Lenker Dr. Stephan Zoll auf dem ersten Hamburger Unternehmer-Dinner von EO und DUB.

  • Können Unternehmer ein Privatleben haben?

    Führungskräftetrainer und Effizienzexperten engagieren sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Doch vielbeschäftigte Unternehmer finden dieses Ziel oft unrealistisch.

  • „Wichtig war, nie abzuheben“

    „Der Doktor, der Kämpfer, der Sieger“ – unter diesem Titel ist eine Biografie über Professor Dr. Reinfried Pohl, den Gründer der Deutschen Vermögensberatung AG, erschienen. DUB UNTERNEHMER sprach mit ihm über ...

  • Passion für Pferde

    In dieser Serie berichten Unternehmerpersönlichkeiten davon, welchen Leidenschaften sie in ihrer Freizeit nachgehen. Den Auftakt macht Albert Darboven, Vorstandsvorsitzender und Inhaber des ...

  • Rendite – eine Standortfrage

    Deutschland ist im Immobilienfieber, auch bei Unternehmern. Beliebt sind nach wie vor A-Standorte wie München oder Frankfurt am Main – doch sind sie auch lohnenswert?

  • China Inside

    Reisen, lernen, netzwerken – Ende Mai wird eine „Handelsblatt“-Reisedelegation Kurs gen China nehmen, um das Reich der Mitte zu erkunden. Fünf Unternehmerinnen und Unternehmer erzählen, warum sie mit an Bord ...

  • Stolpersteine für Fremdmanager in Familienfirmen

    Der eine gibt zu viel Geld aus, der andere geht zu selten durch die Produktion: Manager, die neu in ein Familienunternehmen kommen, haben es nicht immer leicht.Dabei haben die Außenseiter einen entscheidenden ...

  • „Man kann nicht alle Cyber-Angriffe verhindern“

    Cybercrime-Experte Marco Gercke über Strategien der Prävention, die Verantwortung der Vorstände und was man aus simulierten Attacken lernen kann.

  • Immer etwas mehr tun

    - sprich besser, fleißiger, erfolgreicher sein -, so das Credo von Professor Dr. Reinfried Pohl. Der 85-Jährige führt die DVAG, den größten eigenständigen Finanzvertrieb Deutschlands, seit fast vier ...

  • Bewertung von GmbH-Anteilen zu Verkehrswerten unter steuerlichen Prämissen

    Während bis zum Jahr 2008 GmbH-Anteile für die vorgenannten steuerlichen Zwecke mit dem Stuttgarter Verfahren bewertet wurden, gelten seit dem ersten Januar 2009 andere Regeln.

  • Öko-Vorbild

    Claus Hipp leitet in dritter Generation den Säuglingsnahrungshersteller Hipp. Er führt die begründete Tradition der nachhaltigen Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln fort.

  • Was verdienen Vorstände?

    Aktionäre fordern heute maximale Transparenz über die Corporate Governance des Unternehmens. Dies gilt auch für die Vergütung der Vorstände.

  • Inhaber als Wachstumsbremse

    Wenn in Familienunternehmen nur einer das Sagen hat oder aber viel zu viele mitmischen, wachsen die Firmen langsamer.Dass dies nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, zeigt eine exklusive Studie, die dem ...

  • Einfacher, billiger, leichter

    Chinesische Firmen erobern den Maschinenbau. Die deutsche Vorzeigebranche ist alarmiert.

  • "Wir können zuhören"

    Die Hamburger Volksbank wurde in einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft zu Hamburgs mittelstandsfreundlichster Bank gekürt.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick