Nur die Karriere im Blick

Der frühere Yale-Dozent William Deresiewicz beschreibt Collegestudenten an US-Elite-Universitäten als risikoscheue Konformisten - sein Buch wird breit diskutiert. Gilt seine Kritik auch für die Managementausbildung dort?

Wenn William Deresiewicz an amerikanischen Elite-Universitäten auftritt, reichen die Hörsäle oft kaum aus. Zu viele Studenten wollen dabei sein, wenn der frühere Yale-Dozent sie und ihre Ausbildung beschimpft - anders lassen sich seine Thesen kaum umschreiben. Der Buchautor, selbst Absolvent der Top-Universität Columbia in New York, ist überzeugt, dass viele Collegeabsolventen der US-Elite-Universitäten wie Harvard, Yale, Stanford oder Princeton nicht mehr sind als "exzellente Schafe" - zwar klug, talentiert und engagiert, aber risikoscheu, kleingeistig und selbstsüchtig. Viele seien schlaue und strebsame Leistungserbringer, die der Herde folgen, aber wenig Interesse an kritischem Denken oder dem tiefen Eintauchen in Seminarinhalte haben, seien ohne Ecken und Kanten, ohne Leidenschaften und ohne Plan, warum sie eigentlich an der Universität sind.Mit seinem Buch "Excellent Sheep" hat er in den USA die Debatte über den Sinn und Unsinn teurer Uni-Abschlüsse beflügelt - und sich nicht nur Freunde gemacht. 

Viele finden seine Thesen überzogen, Studenten aber lesen und verbreiten sie massenhaft. "Einige Elemente entsprechen der Realität, etwa die Ansammlung von allen möglichen Aktivitäten im Lebenslauf", sagt Jörg Rocholl, Chef der deutschen Business-School ESMT. Rocholl hat an der Columbia University in New York geforscht und gelehrt, die stark auf den Finanzsektor spezialisiert ist und zu den besten des Landes gehört. "Insgesamt aber überzeichnet das Buch die Dinge."

Deresiewicz beschreibt seine Sicht auf die amerikanischen Colleges - jenen Teil der Universitäten, an dem junge Menschen direkt nach der Schule die ersten akademischen Schritte machen, die zum Bachelorabschluss führen. Da stellt sich die Frage: Wenn an seiner Kritik etwas dran ist, gilt sie dann nur für die Colleges? Nach ein paar Jahren im Job kehren schließlich etliche für den Master an die Universitäten zurück. Sind Kritikpunkte auch auf die besten Business-Schools der USA übertragbar, jene Wirtschaftsfakultäten, die genauso Teil der Elite-Universitäten sind, aber nur Studenten nehmen, die das College und einige Jahre im Beruf hinter sich haben?

"Einige Aussagen aus Deresiewicz' Buch entsprechen auch der Realität an Business-Schools", sagt Rocholl. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass etliche Business-School-Professoren zuletzt hart mit der Ausbildung an ihren Wirtschaftshochschulen ins Gericht gingen. Die vor allem im Zuge der Finanzkrise immer wieder vorgebrachte Kritik, sie würden nur auf den schnellen Profit zielende Absolventen hervorbringen, nagt gerade in den USA am Selbstbild der Wirtschaftsfakultäten.

William Deresiewicz selbst argumentiert, dass er zu den Business-Schools zu wenig gesicherte Erkenntnisse habe. Einige Leute hätten ihm erzählt, dass es durchaus Gemeinsamkeiten gebe. Kann Deresiewicz sich vorstellen, dass die "exzellenten Schafe" nach wenigen Jahren im Beruf als kritische Geister an die Hochschule zurückkehren? Er überlegt nicht lange. "Nein, kann ich nicht", ist seine Antwort. Deresiewicz meint, dass sich zu viele aus den falschen Gründen an den Business-Schools bewerben.

Stacy Blackman, die als Beraterin Mitt- oder Endzwanzigern bei der Bewerbung für einen Managementmaster (MBA) an den Elite-Universitäten der USA hilft, teilt viele seiner Aussagen in Bezug auf Business-Schools nicht. Doch auf die Frage, ob es die "exzellenten Schafe" dort gebe, antwortet sie: "Einige von ihnen sind das." Daran kann sie nichts Problematisches finden. Jede Organisation brauche Innovatoren und jene, die ihnen folgen. Beide Typen seien gefragt.

Einer von Deresiewicz' wichtigsten Kritikpunkten an den Elite-College-Studenten ist, dass sie kein Interesse am Denken, vor allem am kritischen Denken hätten.  Genau diese Kritik müssen sich auch Business-School-Chefs in Bezug auf ihre Studenten anhören. Offenbar nicht ganz zu unrecht. "Diese Kritik gibt es, auch weil in der Finanzkrise viele involviert waren, die einen MBA-Abschluss hatten", sagt Rocholl. "Aber man muss da unterscheiden zwischen amerikanischen MBA-Programmen für die Finanzindustrie und den MBAs hierzulande." Die Berliner ESMT, die 2002 von 25 Konzernen und Verbänden gegründet und zum Großteil finanziert wurde, gebe es auch deshalb, weil man eine andere MBA-Ausbildung als in den USA haben wollte.

Eine andere Ausbildung, als sie Markus Schmitt hat. Der Deutsche hat seinen Abschluss vor wenigen Jahren an der Harvard Business School gemacht, seinen wirklichen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. "Wer einen MBA macht, will Geld verdienen, das kann man den Leuten nicht vorwerfen", sagt er. Davon ist auch Deresiewicz überzeugt. Die Fokussierung auf das Thema Karriere sei verständlich. Von den "Professional Schools", wie die Fakultäten für Jura, Medizin oder eben Wirtschaft in den USA genannt werden, werde eine berufsbezogene Ausbildung erwartet.

Der These, dass die Studenten eher Konformisten sind, stimmt Schmitt zu. "Die Studenten sind sich alle sehr ähnlich. Die Business-School versucht im Auswahlprozess gegenzusteuern, schafft es aber nicht." Ein paar Exoten seien immer dabei, wie der Journalist Philip Delves Broughton, der 2008 ein Buch über seine zwei Studienjahre an der HBS veröffentlicht hat.

Und die Querdenker, die Deresiewicz an den Colleges fehlen, gibt es sie an den Business-Schools? "Auswahlprozesse sind anders an Business-Schools, wir wollen heterogene Klassen mit internationalen Studenten, die im Erststudium ganz unterschiedliche Fächer studiert und damit auch verschiedene Denkrichtungen haben", sagt ESMT-Chef Rocholl. Harvard-Absolvent Schmitt ist skeptisch: "Die richtigen Querdenker gibt es wahrscheinlich nicht." So jemand wäre an der Business-School auch "todunglücklich". Immer wieder Grundlegendes infrage zu stellen, ist nicht gerade ein Weg, sich Freunde zu machen, wenn es vor allem darum geht, die Teamaufgaben in der meist viel zu kurzen Zeit zu Ende zu bringen.

Dennoch widerspricht er Deresiewicz auch deutlich. Der kritisiert nämlich zudem, dass aus seiner Sicht zu viele in die Beratungen und Banken gehen.  Schmitt sagt, er habe erlebt, dass viele Professoren an der Harvard Business School die Studenten gerade von den "üblichen Branchen" abhalten wollten. Sie empfahlen vielmehr, einen Job zu wählen, der sie zufrieden macht. "Du schämst dich fast, wenn du in die Beratung gehst", resümiert er.

Viele wählen dennoch genau diesen Einstieg: Von den rund 900 Studenten, die 2014 ihren MBA an der Harvard Business School abgeschlossen haben, fanden 23 Prozent einen Job in den Beratungen und jeder Dritte fand ihn im Finanzsektor.

An etlichen Wirtschaftsfakultäten der Elite-Universitäten in den USA unterscheiden sich die Prozentwerte nur leicht. Für ESMT-Chef Rocholl kein gutes Zeichen. An einigen US-Business-Schools, die massenweise für die Beratungen und Investmentbanken ausbilden, werde noch rein auf die betriebliche Maximierung geschaut, das aber reiche nicht, meint er. "MBA-Studenten müssen die Wechselwirkung zwischen Volkswirtschaft, Unternehmen, Zivilgesellschaft und öffentlichem Sektor verstehen."

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