Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Nesthocker, na und?!

Deutsche wollen ungern im Ausland arbeiten. So kann man doch aber keine Karriere machen, ereifern sich Berater. Doch, man kann. Allerdings kommt man nicht ganz nach oben.

Zwei Wochen sind für Melanie Mackert eine lange Zeit. „Schon nach zwei Wochen merkt man, wie viel man zu Hause verpasst und dann nachholen muss“, sagt sie. Für ihren Arbeitgeber, den Automobilzulieferer Schaeffler, reist die Werkstofftechnikerin öfter ins Ausland, um in den Fabriken die Werkstoffprüfung zu begutachten.

Länger als 14 Tage war sie dabei aber noch nie unterwegs – und sie will es auch gar nicht. Für ein oder sogar zwei Jahre mal die Geschäfte in Südamerika entdecken oder die Produktionsstätten in Asien kennen lernen? Das kommt für sie nicht infrage. Denn entweder ginge sie ohne ihren Mann ins Ausland, oder er müsste seine Karriere im öffentlichen Dienst für sie aufgeben. Für die 33-Jährige ist beides keine Option. „Das private Umfeld ist mir wichtiger als der berufliche Aufstieg um jeden Preis.“

So wie Mackert sehen es inzwischen viele Deutsche. Laut einer aktuellen Studie von Boston Consulting Group (BCG) und Stepstone wären nur 44 Prozent bereit, für einen Job längere Zeit ins Ausland zu gehen. In den Nachbarländern Frankreich und Niederlande würden mehr als 90 Prozent diesen Schritt machen. Weltweit sind es im Schnitt 63 Prozent. Im globalen Vergleich ist Deutschland
ein Land der Nesthocker.

Doch kann man so Karriere machen?

Glaubt man einschlägigen Ratgebern, gibt es keine bessere Möglichkeit, den eigenen Aufstieg zu befeuern, als mit einem längeren Auslandsaufenthalt. Der Tenor: Wer für seine Firma nicht für mehrere Monate am Stück ins Ausland geht, dort lebt und arbeitet und die Kultur kennen lernt, der kann sich in puncto Beförderung oder Gehaltserhöhung ganz hinten anstellen. Melanie Mackert beweist, dass es auch anders geht. Sieben Jahre nach ihrem Einstieg hat sie den ersten Karrieresprung hinter sich. Auch ohne den vielbeschworenen internationalen Karriere-Turbo namens Auslandserfahrung.

Mackert leitet heute den Schwerpunkt zerstörungsfreie Prüfung von Werkstoffen in der zentralen Qualitätsplanung des Autozulieferers Schaeffler. Allein in der Konzernzentrale in Herzogenaurach sind ihr acht Mitarbeiter direkt unterstellt, hinzu kommen Experten in Werken auf der ganzen Welt, die ihre Vorgaben umsetzen. Das sind gute Nachrichten für all jene, die zwar vorankommen, dabei aber nicht die Heimat verlassen möchten.

Woher kommt die neue deutsche Trägheit in Sachen Auslandsaufenthalt?

Experten haben dafür eine Vielzahl an Ursachen ausgemacht. Eine davon: Den Deutschen geht es im eigenen Land zu gut. „Deutschland ist nach den USA, Großbritannien und Kanada das attraktivste Land unter den Befragten“, sagt Rainer Strack, Senior-Partner bei BCG und mitverantwortlich für die globale Talent-Studie. „Hier kann man gut leben und gut verdienen. Die persönlichen und beruflichen Perspektiven sind glänzend. Und es gibt kaum Länder, in die man gehen kann, um das zu verbessern. Deshalb bleiben die Leute gerne hier“, resümiert er. Aus dieser komfortablen Situation heraus in ein fremdes Land und eine fremde Kultur einzutauchen kostet Überwindung. Zumal der Karriereschub durch das Ausland alles andere als garantiert ist.

Eine Studie der Marshall School of Business der University of Southern California kam zum Beispiel zu dem Schluss, dass aktuell im Ausland arbeitende und kürz lich von einem Auslandsaufenthalt zurückgekehrte Mitarbeiter ähnlich viel verdienen wie ihre daheimgebliebenen Kollegen. Die Wahrscheinlichkeit, befördert zu werden, war für die Daheimbleiber sogar deutlich größer als für die Rückkehrer aus dem Ausland.

Diesen Eindruck hat auch Melanie Mackert von Schaeffler. Auch für sie könnte ihre Nähe zur Firmenzentrale ein Vorteil gewesen sein. „Wenn man hier sitzt und einen guten Job macht, spricht man in der Zentrale darüber“, sagt Mackert. „Wenn man im Werk irgendwo auf der Welt sitzt und genauso gut arbeitet, kriegt das erst mal nur das Werk mit.“ Dass ihre Leistungen in der Zentrale sichtbarer waren, könnte deshalb ihre Beförderung zumindest begünstigt haben. Umgekehrt merke man in der Zentrale natürlich auch schneller, wenn jemand schlechte Arbeit abliefere.

Einer der wichtigsten Gründe, warum sich viele gegen einen langen Auslandsaufenthalt entscheiden, ist aber nicht die Nähe zur Zentrale – sondern die zur Familie. Viele wollen ihren Partner nicht für eine so lange Zeit in der Heimat zurücklassen. Denn die Zeiten, in denen der Mann als Alleinverdiener Karriere machte und seine Ehe- und Hausfrau mit ihm ins Ausland ging, sind vorbei. Wenn beide Partner versuchen, in ihren Jobs voranzukommen, macht das die Planung eines gemeinsamen Auslandseinsatzes äußerst schwierig. Auch wer Angehörige pflegen oder Kinder erziehen will, bleibt lieber in der Heimat.

Unternehmen wie der Getriebehersteller ZF Friedrichshafen haben auf diese Entwicklung reagiert. Bei ZF wird Karriere seit zwei Jahren in einem Baukasten-Prinzip gemacht. Wer aufsteigen will, muss bestimmte Bausteine sammeln, zum Beispiel mehr als drei Jahre Führungserfahrung, Erfahrung in unterschiedlichen Funktionen oder eben im Ausland.

Einen der insgesamt sechs Bausteine können Mitarbeiter seit kurzem aber durch einen sogenannten Sozialbaustein ersetzen. Wer länger als ein Jahr seine Eltern pflegt oder Kinder erzieht, kann diese Zeit dann anstatt des Auslandseinsatzes geltend machen. „Wer keine Auslandserfahrung hat, für den ist das nicht zwingend ein Karrierebremser“, sagt Silke Wolf, Verantwortliche für HR Policies und Guidelines. Eine Einschränkung gebe es allerdings, ergänzt sie: „Spätestens im Topmanagement wird die Auslandserfahrung zur Pflicht.“

Denn trotz allem schätzen es deutsche Unternehmen weiterhin, wenn ihre Mitarbeiter für eine Zeit ins Ausland gehen. „Weit mehr als die Hälfte der Umsätze in den Dax-30-Unternehmen wird im Ausland erzielt“, sagt Andreas Halin, Headhunter und geschäftsführender Partner von Globalmind Executive Search Consultants. Da brauche es insbesondere in höheren Positionen Manager, die sich auf dieser globalen Bühne sicher bewegen.

Wer in Indien produzieren lässt, muss auch die Kultur der dortigen Belegschaft verstehen. Und wer in Südamerika Kunden gewinnen will, für den ist es wichtig, deren Nöte aus erster Hand zu kennen. „Mit einem deutschen Michel kann man da nicht gewinnen“, sagt Halin.

Neben den fachlichen und kulturellen Erfahrungen ist für Halin aber die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend, die man im Ausland erfährt. Wenn der Headhunter Kandidaten für eine Position knapp unterhalb der Vorstandsebene sucht, fallen ihm besonders oft auslandserfahrene Manager ins Auge. „Jemand, der sich auch mal außerhalb des warmen Schoßes der Holding beweisen und in einer fremden Kultur durchbeißen musste, der wird eher zu einer gestandenen Persönlichkeit“, sagt Halin. Sein Urteil: Ohne Auslandserfahrung bringe man es maximal ins mittlere Management, nicht aber in die Chefetage.

Das weiß auch Stephanie Eckermann. Die 36-Jährige hat deshalb versucht, im Studium möglichst viel Erfahrung außerhalb Deutschlands zu sammeln. Sie war für Praktika in Frankreich und hat ein Jahr in den USA studiert. „Im Studium habe ich mich bewusst entschieden, viel unterwegs zu sein“, sagt sie. „Und genauso bewusst habe ich mich entschieden, meinen Job danach aus Deutschland heraus zu machen.“ Geschadet hat ihr das nicht. Eckermann ist Partnerin der Unternehmensberatung McKinsey.

Theoretisch könnte sie von überall auf der Welt aus arbeiten. Doch ihr Büro ist in München, nicht in New York, obwohl die Expertin für Corporate und Investment Banking dort mit vielen Kollegen zusammenarbeitet. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht oft unterwegs ist. „Ich arbeite nach wie vor sehr international und setze mich bei Bedarf in den Flieger zu Klienten nach Athen oder Kopenhagen“, sagt Eckermann. Aber am Wochenende ist sie zu Hause bei ihrem Mann, ihren Kindern und den beiden Großmüttern.

„Ich will nicht, dass die Familie über den ganzen Erdball zerrissen ist“, sagt Eckermann. Ihre Karriere ist international, aber ihr Lebensmittelpunkt liegt in Deutschland.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Stefan Wagner
    CSR ist kein Werbe-Chichi

    Stefan Wagner, Chef der HSV-Stiftung, sagt, weshalb Corporate Social Responsibilty nicht nur Marketing sein darf.

  • In England und Frankreich werden deutlich mehr Unternehmen in Firmenbörsen inseriert als in Deutschland
    Beliebte Firmenbörsen

    Hoppla, in England und Frankreich werden deutlich mehr Unternehmen inseriert als in Deutschland. Wieso?

  • Jaguar. Ein 67-jähriger Brite hat sein Unternehmen an seine Mitarbeiter verschenkt.
    Geschenk vom Chef

    Der Brite Peter Neumark hat ein besonderes Geschenk für seine Angestellten: das Unternehmen.

  • Kingii Startup 2016
    Mehr als Samwer

    Drei spannende Start-ups von der WHU – Otto Beisheim School of Management.

  • Olympioniken auf Praktikumssuche
    Olympioniken auf Praktikumssuche

    Einmal bei den Olympischen Spielen antreten – diesen Traum hat sich unser Team in Rio erfüllt. Um an ihrer zweiten Karriere zu feilen, suchen einige der Top-Athleten auf DUB.de nach einem Praktikumsplatz.

  • Pater Notker Wolf
    Der CEO der Benediktiner

    Notker Wolf, Abtprimas des Mönchsordens, über guten Führungsstil und ernsthaftes Zuhören.

  • Berlins Turbo für Gründer
    Die besten Start-ups der TU Berlin

    Hochschul-Inkubator der Technischen Universität Berlin fördert Unternehmertalente. Wir haben drei jungen Firmen über die Schulter geschaut.

  • Wie Franchise-Systeme die Digitalisierung anpacken
    Big Franchise-Data

    Sieben Franchise-Geber verraten, wie sie das Verhalten ihrer Kunden analysieren und was sie mit den Daten anfangen.

  • Die sechs Erfolgsgeheimnisse starker Markenfirmen
    Das Geheimnis starker Marken

    Warum will jeder ein iPhone? Weshalb sagen wir „Tempo“ statt „Taschentuch“? Die Marke macht den Unterschied.

  • Nachfolge in Deutschland
    Was kostet ein Unternehmen?

    Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie viel Geld 2015 bei Übernahmen geflossen ist. Die erstaunliche Antwort: In zwei Drittel der Fälle kein Cent.

  • Bernhard Kluge, Covendit
    Den richtigen Käufer finden

    Wer sein Unternehmen verkaufen will, braucht den richtigen Käufer. Klingt total trivial, ist es in der Realität aber nicht.

  • Mitarbeitersuche
    Wachstumsschmerzen

    Drei von vier deutschen Start-ups rechnen mit steigenden Umsätzen. Doch wer expandieren will, braucht auch mehr Personal.

  • Das 4-Stunden-Startup
    Das 4-Stunden-Startup

    Es hat ihn (noch) nicht reich gemacht, aber sein Leben bereichert: Felix Plötz hat ein Start-up aus der Taufe gehoben – neben seinem Hauptberuf.

  • Maui im Binnenland
    Surfen auf dem Baggersee

    „Stand Up Paddler“ bevölkern Deutschlands Badeseen. Ein (wackliger) Selbstversuch.

  • Kampf um die Besten
    Die neue Welt der Berater

    Big Data, Digitalisierung, Regulierung: Die Unternehmensberatung verändert sich rasant.

  • Gründer-Mekka Frankfurt
    Gründer-Mekka Frankfurt

    Was die drei Top-Start-ups vom Frankfurter Goethe-Unibator planen.

  • Wie Unternehmen von der Zusammenarbeit mit Hochschulen profitieren
    Fleißig wie die Bienen

    Die erfolgreiche Kooperation zwischen einer Hochschule und Firmen zeigt, was Unternehmen von Bienen und Ameisen lernen können.

  • Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt
    Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt

    Boxchampion und Entrepreneur Wladimir Klitschko erklärt, wie Unternehmer mit Problemen richtig umgehen.

  • Digitalisierung für Unternehmen
    Digitalisierungs-Europameister

    Hat Deutschland bei der Digitalisierung den Anschluss verpasst? Mitnichten! Kleine und mittelgroße Unternehmen haben in Europa sogar die Nase vorn.

  • Fusionskontrolle - Gibt es ein Risiko zu großer Marktmacht durch Unternehmenskäufe?
    Mit Kanonen auf Start-Ups

    Zwischen Wirtschaftsminister Gabriel und Start-up-Verbänden tobt ein Streit um die Fusionskontrolle.

  • Franchise-System: Wachstum mit Marke und Konzept
    Beziehungsstress im Franchising

    Vertrauen ist die Grundlage aller Beziehungen – nicht zuletzt von geschäftlichen. Doch beim Franchising wird es häufig auf eine harte Probe gestellt.

  • „Profi allein kann nicht das Ziel sein“
    Göttliche Erfolgsfaktoren

    Kult und Kommerz müssen kein Widerspruch sein. Wie dass geht, zeigt Oke Göttlich, Präsident des Fußballklubs FC St. Pauli.

  • Heatmap Europe
    Wo die Talente wohnen

    Entrepreneure gründen dort, wo auch die Talente wohnen - und zwar in Berlin, London oder Amsterdam.

  • Es geht auch ohne Kredit
    Es geht auch ohne Kredit

    Banken werden kritischer bei der Bonitätsprüfung, wie eine Umfrage zeigt. Mit diesen zwölf Tipps sichern Sie sich Ihre Finanzierung.

  • Zur Erforderlichkeit und Methodik der Bewertung Ihres Unternehmens
    Was ist meine Firma wert?

    Verkauf, Erbschaft, Finanzierungen – Anlässe, den Wert der eigenen Firma zu ermitteln, gibt es reichlich. Die vier wichtigsten Berechnungsmethoden im Überblick.

  • Deutschlands Firmen haben ein Nachfolgeproblem
    Chefs händeringend gesucht

    Deutschlands Unternehmen stehen vor einem gewaltigen Nachfolgeproblem. Wie virulent die Krise ist, zeigen aktuelle Zahlen der KfW-Bankengruppe.

  • Drei Top-Start-ups der FU Berlin
    Drei Top-Start-ups der FU Berlin

    Drei junge Unternehmen aus der Hauptstadt verraten, wie ihnen die Uni unter die Arme gegriffen hat und welche Tipps sie für angehende Entrepreneure parat haben.

  • Das Berater-ABC
    Das Berater-ABC

    Banker, Juristen, Transaktionsberater, Unternehmensberater – Spezialisten für den Mittelstand gibt es reichlich. Wann brauche ich wen?

  • Mensch 4.0
    Kollege Roboter

    Kein Computer hat das Bewusstsein eines Menschen – noch nicht. Aber in wenigen Jahrzehnten dürfte es laut Experten so weit sein. Und dann?

  • Bärenstarke Starthilfe der Hauptstadt

    Profund Innovation, der Inkubator der FU Berlin, hilft gründungswilligen Studenten auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Porträts dreier starker Kandidaten aus der Start-up-Schmiede.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick