Maurer mit guten Manieren

Unternehmen vermitteln ihren Auszubildenden Kompetenzen über das Fachliche hinaus.

-- Oft übernehmen externe Dienstleister die Schulung. Angebote sollen die Lehre attraktiver machen --

Ein etwas anderer Arbeitstag für die angehenden Bauzeichner, Maurer und Betonbauer: Statt Stahlmatten zu verflechten oder Mörtel anzurühren, stand an diesem Sommertag eine Vorlesung zu Lerntechniken an. Nachmittags folgten Teambuilding-Spiele im Freien, am Abend wurde mit den Ausbildern gegrillt. Eine willkommene Abwechslung für die Lehrlinge des Bauunternehmens Otto Quast, berichtet Personalleiter Michael Behr: "Das wurde sehr gut angenommen."

Kennenlernen und Kompetenztraining miteinander verbinden - das war das Ziel, mit dem der Siegener Mittelständler den Tag geplant hatte. Realisiert hat ihn ein externer Dienstleister: das Freudenberger Unternehmen Azubiscout. Es bietet seit zwei Jahren solche Seminartage an.

Mal geht es um Umgangsformen, mal stehen Gedächtnistraining oder Präsentationstechniken im Mittelpunkt. In Schulungen bringen Ausbildungsbetriebe dem Nachwuchs verstärkt Zusatzqualifikationen bei. Wie bei Quast werden oft spezialisierte Trainer engagiert. Mit überschaubarem finanziellen Einsatz wollen Firmen so die Ausbildung mit Extras anreichern - und zugleich attraktiver werden für Bewerber. "Die Betriebe sind entschlossen, alles an Potenzial zu heben", sagt Markus Kiss, Ausbildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Das Angebot an potenziellen Bewerbern nimmt ab. Gleichzeitig wird im Berufsalltag oft mehr verlangt als das, was Berufsschulen und Ausbildungsleiter vermitteln. "Zusatzqualifikationen sind ein Kapital, mit dem man viel erreichen kann", sagt Kiss, "das kann für die Jugendlichen wertvoller sein als ein bisschen mehr Gehalt." Wenn die Entwicklungs- und damit Aufstiegschancen steigen, profitieren Mitarbeiter und Betrieb gleichermaßen.

In vielen Branchen fällt es Unternehmen schwer, sich überhaupt im Wettbewerb um die Jugendlichen zu behaupten - und sie für eine klassische Lehre zu begeistern. Hier können angebotene Zusatzqualifizierungen wichtige Argumente liefern. "Die Bauberufe sind oft noch mit Vorurteilen behaftet, dabei haben sie sich den technischen Entwicklungen angepasst und sind anspruchsvoller geworden", sagt Quast-Personalchef Michael Behr. Zehn Auszubildende pro Jahr fangen bei seinem Unternehmen an - doch der Bedarf ist höher.

Sehr konkret seien die Vorstellungen der Unternehmen bei der Weiterbildung, sagt Azubiscout-Chefin Daniela Gieseler. "Sie wissen, an welchen Themen sie arbeiten wollen." Der Einarbeitungsaufwand der Externen kann stark variieren. Noch leicht zu übertragen sind methodische Seminare, etwa zu Lerntechniken. Schulungen mit Schwerpunkt Kundenansprache dagegen können sich von Betrieb zu Betrieb deutlich unterscheiden: "Da müssen wir sehr spezifisch auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen", sagt Trainerin Gieseler.

Die Auszubildenden würden den Zusatzaufwand durchaus honorieren, sagt Karin Döring, die mehr als 15 Jahre lang selbst die kaufmännische Ausbildung in einem Dax-Konzern verantwortete und heute selbstständig in der Weiterbildung tätig ist. "Die Seminare vermitteln den jungen Menschen das Gefühl, dass die Betriebe für sie in Vorleistung gehen."

Vor allem in den ersten Monaten eines neuen Ausbildungsjahres haben die Dienstleister viel zu tun. Das Kalkül der Unternehmen: Früh erworbene Lerntechniken sollen sich über die gesamte Ausbildungszeit auszahlen. Erwünschter Nebeneffekt: In meist ganztägigen Seminaren wird auch das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Die Auszubildenden würden ein Seminar auch als geschützten Raum betrachten, in dem sie unter sich sind, sagt Susanne Sammet, Trainerin beim Beratungsunternehmen Projekt Gold. Wenn der Vorgesetzte nicht präsent sei, werde Kritik oft leichter geäußert und akzeptiert.

Grundsätzlich sei es wichtig, auch die Ausbilder im Betrieb zu schulen. "So können wir unsere Maßnahmen besser verankern", sagt André Gerhard, Geschäftsführer des Coachingunternehmens Lernerfolg 3. Pro Jahr sind seine Dozenten für etwa 50 Unternehmen aktiv. Sie bieten dort zweitägige Seminare zum Thema Gedächtnistraining. Dies soll den Auszubildenden beispielsweise dabei helfen, sich besser zu konzentrieren oder Texte schneller zu erfassen.

Die enge Verknüpfung von Seminarinhalten für Lehrlinge und Ausbilder sei wichtig, sagt Gerhard. "Letztendlich werden wir daran gemessen, was die Teilnehmer von unseren Maßnahmen im Alltag umsetzen." Wenn das gut klappt, können sich die Trainer oft über Folgeaufträge freuen - schließlich rückt in der Regel jedes Jahr eine neue Ausbildungsgeneration nach.

Bei Otto Quast war der gemeinsame Azubi-Tag im Sommer der Auftakt für weitere Aktivitäten. Im Halbjahrestakt will Personalleiter Behr das Programm um zusätzliche Seminare ergänzen. Fest eingeplant ist bereits ein Ganztagstermin. Das Themenspektrum ist breit angelegt: Umgangsformen und Unfallverhütung im Unternehmen. Zusatzqualifikationen sind ein Kapital, mit dem man viel erreichen kann. Das kann wertvoller sein als etwas mehr Gehalt. Markus Kiss. DIHK.

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