"Marzipan-Ballett" am Fließband

Damit Fitnessprogramme wirken, müssen sie auf den Arbeitsalltag abgestimmt sein.


Manchmal reicht schon eine falsche Bewegung. Ob leichte Verspannung, Hexenschuss oder ein schwerwiegender Bandscheibenvorfall - Muskel- und Skeletterkrankungen sind in deutschen Unternehmen die Ursache für mehr als ein Viertel aller Fehltage. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Das Problem droht sich weiter zu verschärfen. Der demografische Wandel könnte dafür sorgen, dass das Krankheitsbild in Zukunft noch häufiger auftritt. Doch Arbeitgeber können gegensteuern. "Um die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter möglichst lange zu erhalten, sind Unternehmen mehr denn je gefordert, Präventivmaßnahmen etwa gegen Rückenleiden zu ergreifen", sagt Anke Siebeneich, Referentin für betriebliche Gesundheitsförderung beim BKK Dachverband. Dabei lässt sich mit überschaubarem Aufwand viel bewirken.

Vorbild sind Großunternehmen, die schon länger auf eigene Fitnessprogramme für die Belegschaft setzen. Zunehmend erkennen nun auch Mittelständler, dass sich solche Angebote schnell auszahlen. Wichtig ist dabei allerdings, die jeweilige Arbeitssituation der Beschäftigten im Auge zu haben - sonst greifen die Programme nicht. So musste die Spedition Andryk Logistik aus Brühl bei Köln feststellen, dass ihre Fahrer eine regelmäßige Rückenschule kaum in Anspruch nahmen. Dabei erstattete das Unternehmen den Mitarbeitern die Kosten.

Die Zurückhaltung ist durchaus verständlich. "Wenn unsere Fahrer nach fünf Tagen auf der Straße am Freitag zurückkehren, haben nur noch die Hartgesottenen Lust darauf, sich durch Bewegung fit zu halten", sagt Fuhrparkleiter Wolfgang Schäfer. "Wir mussten einen Weg finden, die körperliche Aktivität der Fahrer unterwegs zu unterstützen." Die Spedition bot ihren 50 Fahrern an, Fahrradhalterungen an die Kabinen der Lkws schweißen zu lassen. 20 von ihnen nahmen die Offerte an und haben nun regelmäßig ihr Rad dabei. So können sie zum Beispiel nach Feierabend vom Lkw-Parkplatz aus eine kleine Tour in die nächstgelegene Stadt unternehmen.

Gesundheitsvorsorge muss nicht teuer sein, betont Expertin Siebeneich: "Regelmäßig kleine Maßnahmen durchzuführen ist sinnvoller, als einmal im Jahr einen großen Gesundheitstag auszurufen." Als einen der Hauptgründe für die besonders häufigen Rückenleiden nennt sie Bewegungsmangel. "Schon ein regelmäßiger Lauftreff hilft."

Noch simpler und ebenfalls wirkungsvoll: "Einfach die Treppe nehmen anstatt den Aufzug", sagt Siebeneich. Wichtig sei, die Mitarbeiter zu langfristigem Einsatz für die Fitness zu bewegen. "Dabei können Gesundheitslotsen helfen." Die speziell geschulten Mitarbeiter informieren und motivieren zum Mitmachen.

Zu regelmäßigem Einsatz für die Fitness animiert der Lübecker Marzipanhersteller Niederegger. Während jeder Schicht stehen die fünf Produktionslinien jeweils für eine Viertelstunde still. Dann steht das "Marzipan-Ballett" auf dem Programm, wie die Mitarbeiter die Betriebsgymnastik getauft haben. Dehnen, Strecken und Beugen soll Verspannungen vorbeugen, die durch die Arbeit am Fließband verursacht werden können. Eine willkommene Abwechslung: "90 Prozent der Mitarbeiter am Band machen mit", sagt Firmensprecherin Kathrin Gaebel. Auch dank des Bewegungsprogramms sei der Krankenstand binnen zwei Jahren von 4,6 auf 3,6 Prozent gefallen.

Für ihre Gesundheitsangebote können Firmen staatliche Förderung einplanen. 500 Euro dürfen sie jährlich pro Mitarbeiter lohnsteuerfrei für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung ausgeben. Mit dem im vergangenen Sommer verabschiedeten Präventionsgesetz setzt die Bundesregierung weitere Anreize. So sollen Krankenkassen mehr Mittel erhalten, um die betriebliche Gesundheitsvorsorge zu unterstützen. Expertin Siebeneich erwartet ein breites Umdenken: "In 15 Jahren wird betriebliche Gesundheitsförderung in jedem Betrieb in Deutschland alltäglich sein."

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