"Ich wollte Sie nur mal kennen lernen"

Noch immer verprellen viele Chefs Stellenbewerber mit kruden Fragen und ihrem arroganten Auftreten. Doch die Anwärter werden wählerischer - ihre Macht wächst.

Beim Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers wurde die Kandidatin für die Stelle als Marktanalystin mit einem strahlenden Lächeln begrüßt - und mit einem ernüchternden Satz des Spartenleiters abgeschmettert: "Sie sind überqualifiziert, aber ich wollte Sie mal kennen lernen, nachdem ich schon einiges von Ihnen gelesen hatte." Den Job erhielt eine Berufsanfängerin.

Die private Fom Hochschule für Oekonomie und Management in Essen suchte per Headhunter einen neuen Kommunikationschef, gab sich der Bewerberin gegenüber dann aber zugeknöpft. Ihre legitime Frage nach Expansionsplänen konterte der Geschäftsführer: "Unsere Strategie veröffentlichen wir nicht." Da gab es für die Kandidatin dann auch nichts mehr zu kommunizieren. Und ihr Interesse an diesem potenziellen Arbeitgeber war schlagartig erloschen.

Solche Schlappen können sich Chefs nicht mehr leisten. Denn zum einen sprechen sich die gruseligen Erlebnisse in den sozialen Medien unter Jobsuchenden schnell herum, und zum anderen wollen Kandidaten im Gespräch ernst genommen werden.  "Die Zeiten, in denen Bewerber sich wie Bittsteller behandeln ließen, sind vorbei", sagt Sörge Drosten, Partner bei der Personalberatung Kienbaum.

Nicht nur indiskrete Fragen des künftigen Chefs nach einer Schwangerschaft wirken da kontraproduktiv. "Unverblümte Fragen nach der Familienplanung habe ich erlebt, bis ich 43 Jahre alt war", erzählt eine Personalfachfrau, die sich öfter bei größeren Mittelständlern beworben hat. "Das war weit entfernt von einem professionellen Einstellungsgespräch." Als gebürtige Ungarin, die in Deutschland aufwuchs, hier Abitur machte und erfolgreich studierte, erlebte sie zudem häufiger das "leicht rassistisch angehauchte Kompliment, ich würde ja gut Deutsch sprechen". Auch abfällige Bemerkungen über Tschechien musste sich die Managerin schon anhören - "ganz nach dem Motto Ostblock ist Ostblock", sagt sie noch heute empört. Eine herzliche Einladung an neue Kollegen sieht anders aus.

Dabei sind die Deutschen gerade in Wechsellaune. Einer Umfrage von Manpower zufolge sucht jeder siebte Deutsche einen neuen Job. Der Fachkräftevermittler Page Personnel befragte außerdem im Juli stichprobenartig 200 Beschäftigte, was der Hauptgrund dafür sei. Das interessanteste Ergebnis: Rund 60 Prozent der Befragten nennen als wichtigsten Faktor für den neuen Job "ein gutes Verhältnis zu Arbeitskollegen und Vorgesetzten". Für Frauen ist dieser Aspekt mit 62 Prozent relevanter als für Männer mit 57 Prozent.

Für alle gilt: Schon im Bewerbungsprozess wird deutlich, wie wertschätzend ein Arbeitgeber und seine Führungskräfte auftreten. Waren es früher Anekdoten, die vielleicht im Freundeskreis dazu kursierten, wird das heute schnell für jedermann sichtbar. Das Online-Bewertungsportal Kununu lässt zum Beispiel Noten für Bewerbungsverfahren zu. Da muss die Versicherungsholding Generali erleben, dass ein Mitarbeiter notiert: "Ehrlichkeit hätte mich vor einem großen Fehler bewahrt" und "Versprechen viel, halten wenig". Autozulieferer Bosch wird von Bewerbern kritisiert, weil das Unternehmen auf Bewerbungen gar nicht oder erst nach Wochen reagiert. Und der Supermarktkette Rewe wird verübelt, dass ein Kandidat am Empfang 45 Minuten auf den verabredeten Termin warten musste.

Auch technisch brillieren nicht alle Unternehmen, die Mitarbeiter einstellen wollen. Digitalisierte Bewerbungsunterlagen hochzuladen ist oft mühsam. So konnte ein Interessent beim Mobilfunkspezialisten Ericsson seine Bewerbung nicht abschließen, weil die Website kurz vor Ende der Eingaben dauernd zusammenbrach.  Am Hilfe-Telefon hob dann zwar ein Mensch ab, aber nur, um zu sagen, dass die Fachleute nicht erreichbar seien. Dies alles trägt nicht gerade zur Imageförderung bei. Und es sind besonders die guten Bewerber, die sich lieber gleich andere Arbeitgeber suchen.

Manchmal sind die negativen Signale nur schwach. Aber die Erfahrung, dass man auf sie hören sollte, macht so mancher Bewerber, der einem Unternehmen eine Chance gibt. So war eine Controllerin aus Nordrhein-Westfalen angetan, als die Personalmanager im Bewerbungsgespräch friedlich Smalltalk machten. Stutzig wurde sie, weil der künftige Chef nur kurz dabeisaß, sich dann aber mit einem wichtigen Termin verabschiedete, ohne eine einzige Frage an die potenzielle Mitarbeiterin gestellt zu haben. Dennoch unterschrieb die Bewerberin den Arbeitsvertrag. Doch schnell merkte sie, dass der Vorgesetzte auch seine Abteilung so unwirsch und an Mitarbeitern desinteressiert führte.

Anders als diese Bewerberin entscheiden sich immer mehr Wechselwillige gegen eine Stelle, wenn sie Bauchgrimmen verspüren. Seit zwölf Jahren veröffentlicht Tim Weitzel von der Uni Bamberg im Auftrag der Jobbörse Monster die Studie "Bewerbungspraxis", für die 2015 die Daten von über 7 000 Studienteilnehmern ausgewertet wurden. Rund 60 Prozent geben an, schon einmal ein Jobangebot abgelehnt zu haben, weil ihnen die Eindrücke im Einstellungsgespräch nicht behagten. Für 90 Prozent der Studienteilnehmer sind die Gespräche mit Vorgesetzten und Personalern des künftigen Arbeitgebers eine wichtige Entscheidungsgrundlage. Da auf dem Stellenmarkt aufgrund des sich verschärfenden Fachkräftemangels die guten Bewerber und nicht länger die Arbeitgeber am Zuge sind, sollten Unternehmen sich von ihrer besten Seite zeigen.

Dazu gehört es, dass sich Bewerber um eine offene Stelle nicht im Foyer begegnen. Ein Kandidat, der seinem aktuellen Arbeitgeber noch nichts vom Wechselwunsch gesagt hatte, traf auf einen Ex-Kollegen, der noch gute Kontakte in seine alte Abteilung hatte. Bewerber am Empfang warten zu lassen ist ohnehin ein Unding. In Sachen Wertschätzung nämlich. Zu einem Termin um 15 Uhr erschien die Bewerberin rechtzeitig, sah auch die beiden Geschäftsführer gut gelaunt vom Mittagessen kommen, wurde dann aber selbst noch 20 Minuten sitzen gelassen. Ebenso wenig kommt es bei Bewerbern an, wenn Fallen gestellt werden.  "Setzen Sie sich ruhig hin, wo Sie mögen", klingt zwar gut, aber nur, wenn anschließend nicht die Kritik kommt, dass da sonst der Geschäftsführer sitzt.  Chefs, die Bewerbungsgespräche in Freizeitkleidung führen, "weil sie gerade aus dem Urlaub kommen", sind ebenso Realität wie solche, die nicht einen Blick in die Bewerbungsunterlagen geworfen haben. Wenig professionell wirkt es auch, wenn die rechte Hand nichtweiß, was die linke tut. So wurde eine Managerin von mehreren Personalreferenten eines Unternehmens angerufen - für die identische Position.

"Am unbeliebtesten machen sich Firmen, die im Bewerbungsgespräch offensichtlich nur Know-how absaugen wollen", sagt Headhunter Drosten. Ein Personalmanager sollte einmal detailliert beschreiben, wie er bei einer anstehenden Fusion agieren würde. Ein zweites Mal saß sogar eine Nachwuchsmanagerin aus einer Auslandsgesellschaft dabei, als er mit seiner Marktbeobachtung glänzen sollte.  In beiden Fällen gab es gar keine Stelle zu vergeben. Und eine Trainerin auf Jobsuche erzählt Ähnliches: "Als ich einmal zu intensiv nach meinen Patentrezepten für ein Führungskräftecoaching gefragt wurde, habe ich gesagt, dass ich mein Wissen gern als Beraterin weitergebe - zu einem entsprechend hohen Tagessatz."

Bei all diesen kruden Beispielen aus der Bewerbungspraxis gehört allerdings die Dauer des Prozesses zu den am meisten kritisierten Faktoren. Nicht nur die Ausschreibungsprozedur für Uni-Professoren oder Topmanager zieht sich, auch Besetzungsverfahren für die unteren Fach- und Führungskräftestellen dauern leicht bis zu einem halben Jahr. Darauf mögen - zumal ohne Zwischenstand - vor allem Topbewerber nicht warten. Im Sechsländervergleich beziffert das Jobportal Glassdoor den Bewerbungsprozess für Deutschland im Durchschnitt auf 28,8 Tage.  Länger brauchen nur noch die Franzosen mit 31,9 Tagen. Die Kanadier dagegen kommen mit 22,1 Tagen aus, die USA mit 22,9 Tagen. Zwar wurden die Wartezeiten insgesamt seit 2009 kürzer - in Deutschland gar um rund sechs Tage. Aber die Unternehmen bleiben währenddessen häufig auf Tauchstation. Entscheidend sind Transparenz und Kontakt während der Wartezeit.

Und auch hier sollten sich Arbeitgeber gut überlegen, was sie kommunizieren: Wenn sich etwa die beiden Bewerber kennen, die die Firma als Finalisten bezeichnet, zwischen denen sie sich nach einer dritten Gesprächsrunde entscheiden wird - dann jedoch beide die Stelle nicht erhalten. Dann ist das zwar ein Zufall, aber die Folgen sind für das Arbeitgeberimage fatal.

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