Fortbildung en masse

Wer sich in Eigenregie weiterbilden will, schätzt die kostenlosen und jderzeit abrufbaren Online-Kurse, kurz "Moocs" genannt. Auch Unternehmen schulen auf diese Weise ihre Mitarbeiter. Die Frage ist: Nützt das der Karriere?

Lernen, wo und wann er will - für seine Weiterbildung braucht Steffen Schad nur einen Internetzugang. Der 39-jährige Vertriebsleiter des Softwarekonzerns SAP ist viel unterwegs, um Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu betreuen. Mit wenigen Klicks am Laptop, Tablet oder Smartphone kann er trotzdem von überall die virtuelle SAP-Akademie besuchen, sich neues Wissen aneignen und es in Übungen am Bildschirm gleich anwenden. "Für mich lohnt sich das, weil ich in meinem eigenen Tempo lernen kann", sagt Schad. Das Schulungszentrum des Walldorfer Softwarekonzerns im Web bietet sogenannte Massive Open Online Courses, kurz Moocs. Das heißt, die elektronischen Kurse haben viele Nutzer (massive), sind kostenlos zugänglich für jedermann (open) und lassen sich online absolvieren.

Zwei Fachseminare hat Schad belegt. Sie richten sich eigentlich an Entwickler.  Aber der Vertriebsexperte wollte die Produkte, die er verkauft, besser verstehen, um seinen Kunden das Produkt eindrucksvoller präsentieren zu können.  Deshalb hat er sich freiwillig angemeldet und lernt nun zusammen mit Tausenden anderen Interessierten weltweit.

Der große Vorteil der virtuellen Akademie ist für Schad die persönliche Flexibilität. "Ich habe geschaut, wo sich während der Arbeitszeit oder auch abends Lücken im Terminkalender finden, in denen ich mich mit dem Onlinematerial beschäftigen kann", sagt Schad. Bei herkömmlichen Schulungen, bei denen sich Trainer und Teilnehmer im Seminarraum treffen, sei man sonst gleich für mehrere Tage geblockt. Da laufe einiges an Arbeit auf, wenn man sich komplett aus dem Tagesgeschäft zurückziehen müsse. "Ich würde Kurse, die ich als Mooc machen kann, jederzeit bevorzugen", sagt Manager Schad.

Wie der SAP-Mann sehen das auch viele andere Berufserfahrene. Zum ersten Mal tauchten die Moocs in den USA auf, als renommierte Universitäten aus Harvard oder Stanford auf Plattformen wie Coursera und edX Vorlesungen ihrer Professoren weltweit zugänglich machten. Elite-Bildung für jedermann versprachen sie.  Mittlerweile ist das Konzept des Mooc aber nicht mehr nur für Studenten interessant. Wie Steffen Schad tummeln sich auch immer mehr Fach- und Führungskräfte in den Kursen. Das Marktforschungsunternehmen Towards Maturity hat den Mooc-Markt untersucht. Fast 90 Prozent der in Unternehmen befragten Lerner wünschen sich ein flexibleres Weiterbildungsangebot. Weltweit nutzten demnach im Jahr 2013 zwar nur acht Prozent der Firmen Moocs, bis Ende 2015 soll sich dieser Anteil aber auf fast ein Drittel erhöhen.

Insbesondere im Bereich der Informationstechnik sind die webbasierten Weiterbildungen beliebt. Der größte deutsche Mooc-Anbieter, das Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam mit seiner Plattform Open HPI, verzeichnet stetig wachsende Nutzerzahlen. "Anfangs dachten wir, hauptsächlich eingeschriebene Studenten lernen bei uns", sagt Jan Renz, der sich am Lehrstuhl für Internettechnologien und - systeme seit vielen Jahren mit dem Thema E-Learning beschäftigt. Aber tatsächlich hat der durchschnittliche Nutzer zehn Jahre Berufserfahrung in der IT. Die meisten wüssten, dass ihr Wissen mit der Zeit veraltet, hätten aber weder Zeit noch Geld für aufwendige Präsenzseminare. Da kämen die Moocs gerade recht, um sich in Eigenregie auf den neuesten Stand zu bringen. Denn die Lerneinheiten sind kurz genug, um sie im Pendelzug oder in einer Kaffeepause zu absolvieren. "Unsere Auswertung zeigt: Die Nutzer lernen den ganzen Tag", sagt HPI-Forscher Renz. Wie es eben am besten zum persönlichen Terminplan passt.

Und auch fern von Programmierung und Datenbankanalyse steigt die Auswahl an flexiblen Kursen für Selbstlerner. Das Angebot reicht von "Grundlagen des Marketing" an der renommierten amerikanischen Wharton Business School über "Kreative Problemlösung und Entscheidungsfindung" an der niederländischen Universität Delft bis zu "Einführung in die Arbeitspsychologie" der Fachhochschule Nordwestschweiz. Für die Karriereberaterin Martina Bandoly ist das ein Ausdruck einer neuen Haltung zum Wissenserwerb: "Früher war man überzeugt, für die Weiterbildung ist der Arbeitgeber zuständig. Heute ist jeder auch selbst in der Verantwortung, sein Wissen aktuell zu halten und zu erweitern", sagt Bandoly.

Bei der SAP-Belegschaft scheint diese Erkenntnis weit verbreitet. Insgesamt kommen 15 Prozent der derzeit weltweit rund 200 000 Teilnehmer der Open SAP University aus den eigenen Reihen. "Als IT-Unternehmen sind wir ständig im Wandel, deshalb müssen sich unsere Mitarbeiter auch laufend weiterentwickeln", sagt Michaela Lämmler, die als Dekanin für das Programm zuständig ist. Genügend Lernmaterial gab es immer schon im Unternehmen, sagt Lämmler. Doch mit den Moocs steigt offenbar die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich selbst fortzubilden. Der Vorteil der Lernplattform: "Man wird durch den Stoff geführt, und es gibt Deadlines, das heißt, man braucht weniger Selbstdisziplin, um bis zum Schluss dabeizubleiben", sagt Michaela Lämmler. Das Ergebnis: 30 Prozent der Teilnehmer schließen die Kurse erfolgreich ab.

Einen etwas anderen Weg schlägt gerade der deutsche Anbieter Iversity ein. In Kooperation mit der WHU Business School in Vallendar gibt das Berliner Unternehmen am heutigen Freitag bekannt, spezielle Moocs für Unternehmen zu produzieren. Zuerst gibt WHU-Professor Christoph Hienerth einen Kurs zum Thema "Visuelles Denken", bei dem Vertriebler, Manager und Führungskräfte lernen sollen, ihre Argumente mit Zeichnungen zu veranschaulichen. Mitarbeiter der Deutschen Bahn und des Flughafenbetreibers Fraport werden daran teilnehmen können. Kostenpunkt für den Arbeitgeber: je 399 Euro pro Mitarbeiter. Also ebenfalls deutlich günstiger als ein vergleichbares Seminar, für das in der Regel Reisekosten und Spesen anfallen.

Auch der Kosmetikkonzern L'Oréal hat bereits auf die Dienste von Iversity zurückgegriffen und einen Kurs mit dem Thema "Öffentlich Sprechen" für Führungskräfte angeboten. Beim Sportartikelhersteller Adidas wurde das Mooc-Konzept auf einem "Learning Campus" getauften Internetportal umgesetzt: Mitarbeiter können sich aus einer großen Auswahl an eigens erstellten Kursen und Moocs von etablierten Anbietern ihr Fortbildungsmenü zusammenstellen.

Die Deutsche Telekom hat im vergangenen Jahr sogar ihr eigenes Konzept für einen konzernweiten Mooc entwickelt. Birgit Klesper, die den sogenannten Magenta-Mooc verantwortet, sieht große Vorteile gegenüber einem eingekauften Programm. "Bei einer externen Fortbildung lernen Mitarbeiter in einer Parallelwelt und müssen die Lektionen erst auf das Unternehmen übertragen. Mit dem Magenta-Mooc konnten wir Wissen vermitteln, das sie sofort anwenden können, da alle Inhalte auf unser Unternehmen zugeschnitten sind", sagt die Bereichsleiterin.

Mehr als 3 600 Mitarbeiter aus 27 Ländern nahmen teil. Einer davon war Edson Alves, der in Brasilien als IT-Experte für T-Systems arbeitet. Die Teilnehmer wurden in Fünfergruppen aufgeteilt, Alves lernte mit drei Deutschen und einem Griechen. "Manchmal war es schwierig, uns zu verständigen, weil wir uns online auf Englisch unterhielten, aber jeder seinen eigenen Akzent hat. Aber am Ende konnten wir uns auf ein gemeinsames Vorgehen einigen", sagt der Brasilianer.  Und so erarbeiteten sie gemeinsam Techniken, um neue Ideen für Produkte und Dienste zu entwickeln. Mit Erfolg: Sie entwarfen eine App, die die Smartphone-Nutzung auch für Hör- und Sehgeschädigte möglich macht. Unter mehr als 100 Vorschlägen wurde Edson Alves Gruppe zum Gewinner gekürt.

Dafür hat er drei Monate lang knapp zehn Stunden pro Woche an Zeit investiert.  Hat es sich gelohnt? "Ich denke nun strategischer. Das hilft meiner Abteilung", ist Alves überzeugt. "Der Mooc nützt meiner Karriere, wenn ich die Dinge, die ich gelernt habe, bei der Arbeit anwenden kann."

Eine Frage, die sich Weiterbildungsinteressenten grundsätzlich stellen müssen, lautet: Ist das Thema überhaupt geeignet, um online erlernt zu werden? Bei rein fachlichen Inhalten, wie der Programmierung oder Wissen rund ums Marketing ist das kein Problem. Bei Themen, die auch die Interaktion mit Menschen behandeln, wird es schwieriger. Seine Kunden aus den oberen Führungsetagen würden deshalb eher an Präsenzseminaren mit hochrangigen Dozenten teilnehmen, sagt Karriereberater Wolfram Jeromin. "Für eine gezielte Weiterbildung auf der fachlichen Ebene sind Moocs sicher hilfreich, aber so das Führen von Menschen zu erlernen ist schwierig", sagt Jeromin. Dazu brauche man das direkte Feedback von Kollegen und Coaches.

Ob die Weiterbildung in Eigenregie die Karriere vorantreibt, hängt außerdem davon ab, was der Personalchef des jeweiligen Arbeitgebers davon hält. Der Nutzen sei aber schwer zu beurteilen, sagt E-Learning-Experte Jan Renz vom HPI.  "Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Zertifikate, aber keine Qualitätsstandards", so Renz. Die freiwillige Teilnahme belege aber immerhin überdurchschnittliches Engagement. "Man sollte unbedingt mit seinem Vorgesetzten sprechen, ob eine Weiterbildung auch anerkannt wird", rät daher Karriereberaterin Martina Bandoly. Denn egal, wie flexibel ein Mooc auch absolviert werden kann, zwei bis zehn Stunden muss man dafür je nach Schwierigkeitsgrad pro Woche einplanen. Ein Aufwand, der leichter fällt, wenn man weiß, dass die Mühe auch anerkannt wird.

Die SAP-Moocs bilden da eine Ausnahme. "Unsere Zertifikate haben inner- und außerhalb der Firma einen Wert. Viele Teilnehmer aktualisieren gleich nach dem Abschluss ihre Xing-Profile", sagt Dekanin Michaela Lämmler von der Open SAP Universtiy. Wer dort einen Mooc absolviert hat, weiß mit den Programmen der Walldorfer umzugehen - begehrtes Know-how auch anderswo. Mitunter sind die Zertifikate auch schon als Voraussetzung für Bewerber in Stellenausschreibungen genannt.

Außerhalb der firmeneigenen Akademie hat sich SAP-Manager Steffen Schad allerdings noch nicht nach Moocs umgeschaut, denn: "Weiterbildung ist mir sehr wichtig, aber ich muss mir gut überlegen, worauf ich meine knappe Zeit verwenden will."

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