Die Mutter Teresa von Augsburg

Sina Trinkwalder hat vor drei Jahren das Modeunternehmen Manomama gegründet. Seither haben über 150 Langzeitarbeitslose wieder einen Job. Sie zahlt mehr als den Mindestlohn und setzt Bio-Standards.

Die Szene hatte Symbolcharakter. Weil sie viel sagt über Wunsch und Wirklichkeit einer gerechten Entlohnung in Deutschland. Moderator Frank Plasberg hatte Anfang Mai eine bunte Gästeschar in seine Sendung "Hart aber fair" geladen, um aufgehängt an den Forderungen der Lufthansa-Piloten zu diesem Thema zu diskutieren. Richtig spannend wurde es, als die Diskussion zu Sina Trinkwalder kam, der Augsburger Modeunternehmerin, die sich die gleichen zehn Euro Stundenlohn zahlt wie ihren Näherinnen. "Sie haben ein schönes Kleid an, aber Sie kommen mir vor wie eine Nonne", nannte Florian Gerster, ehemaliger Chef der Bundesanstalt für Arbeit, eine solche Einstellung. Worauf Trinkwalder schlagfertig konterte: "Herr Gerster, da können Sie sich einfach mal eine Scheibe davon abschneiden". Der Sympathiepunkt ging an Trinkwalder.

Den Vergleich mit einer christlichen Ordensfrau oder gar mit Mutter Teresa hört die 36-Jährige nicht zum ersten Mal. Weil vieles an den Ursprung christlicher Werte erinnert. "Obwohl ich selbst eigentlich gar nicht so christlich bin", wie sie zugibt. Sina Trinkwalder ist anders. Sie hat mit der Modefirma Manomama vor drei Jahren ein Unternehmen gegründet, dessen oberster Zweck es ganz bewusst nicht war, Umsatz und Gewinn zu maximieren. Sie hatte keinen Businessplan, bekam weder staatliche Hilfe noch Bankkredite und stellte so gut wie alle in der Branche üblichen Dogmen infrage. Stattdessen suchte sie bewusst Arbeitskräfte, in deren Akte beim Arbeitsamt der Vermerk "Multiple Vermittlungshemmnisse" stand. Also Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Ausländer ohne Deutsch-Kenntnisse, Analphabeten.

Aus drei Mitarbeitern im Jahr 2011 sind mittlerweile 152 geworden, alle mit unbefristeten Arbeitsverträgen. Denen zahlt sie zehn Euro Stundenlohn, genauso wie sich selbst. Der Umsatz im vergangenen Jahr lag bei rund neun Millionen Euro, der Rohertrag bei 240 000 Euro. "Vor zwei Jahren hatte ich in der Textilbranche höchstens das Seepferdchen, heute bin ich Kampfschwimmerin", so Trinkwalder über Trinkwalder. Die zwei Millionen Euro an Startkapital waren das, was ihr Mann und sie bis dahin angespart hatten. Gemeinsam bauten beide schon in jungen Jahren die Werbeagentur dplusc in Augsburg auf. Heute sitzen Agentur und Modeunternehmen im selben Gebäude, im Erdgeschoss werden Taschen, Jeans und T-Shirts genäht, im ersten Stock Kunden wie beispielsweise Vorwerk betreut.

"Wir haben einen industriellen Produktionsbetrieb mit der Arbeitsweise einer Agentur", beschreibt sie das Miteinander. An den vielen Nähmaschinen in der Produktion führen manche per Handy Privatgespräche, andere haben Kopfhörer auf, wieder andere sind gerade eine rauchen. Dass jemand, der immer noch in der Geschäftsführung einer Werbeagentur sitzt, nicht eben zu den Introvertierten im Land gehört, ist klar. Sina Trinkwalder redet viel, ist dabei direkt, manchmal gar derb. Und oftmals auch nachdenklich. Gesellschaftliche Sinnfragen, beispielsweise wie Langzeitarbeitslose wieder eine sinnvolle Beschäftigung erhalten könnten, beschäftigen sie nicht erst, seitdem ihr mittlerweile neunjähriger Sohn Magnus auf der Welt ist. Ab da aber nahmen sie konkrete Formen an. Möglichst viele Menschen vom untersten Rand der Gesellschaft sollten wieder in Lohn und Brot gebracht werden, so die Grundidee.

Also musste eine Branche her, in der auch heute noch relativ wenig durch Industrieroboter zu erledigen ist. Die Textilbranche gehört noch immer dazu. Im Gedächtnis sind die verheerenden Zustände in Fabriken in Bangladesch, Indien oder Pakistan, wo preisgünstige T-Shirts für Billigketten genäht werden. So etwas in Deutschland zu produzieren, sei nicht kostendeckend, heißt es in der Branche seit Jahrzehnten. Deswegen ist die Textilindustrie seit den 70er-Jahren bis auf einige wenige Ausnahmen für hochpreisige Ware weitgehend aus Deutschland verschwunden. Auch aus dem schwäbisch-bayerischen Augsburg, der ehemals seit dem Mittelalter bedeutendsten Textilstadt Deutschlands. Die Branche war also gefunden. Nur Know-how, Maschinen und Lieferanten fehlten. Dafür gab es neuerdings soziale Netzwerke. Über Twitter erzählte sie einem Bekannten von der Idee. Bis sich herausstellte, dass dessen Vater die Koryphäe für textiles Know-how ist und selbst im Ruhestand noch Maschinenparks in Asien einrichtet. Nicht umsonst hatte Professor Dieter Liekweg von der Branche zur aktiven Zeit den Beinamen "Textilpapst von der Alb" bekommen.

Bei Liekweg bekam Trinkwalder nicht nur einen dreimonatigen Schnellkurs in Sachen Nähen, Stoffkunde und Verarbeitung. Er setzte sie auch auf die richtige Spur, was das unternehmerische Konzept anbelangt. "In Krisenzeiten wird häufig der Kauf von Großkonfektionen wie Mäntel oder Anzüge um ein Jahr verschoben, während modische Artikel im mittleren, aber auch im hochpreisigen Bereich weiterhin gekauft werden". Folglich verlegte sich Trinkwalders mittlerweile Manomama genanntes Unternehmen nach der anfänglichen Produktion von Taschen für die Drogeriemarktkette dm auf pfiffige Jeans, stylische T-Shirts und Damenkleider. "Auch kleine Stückzahlen, die nur mit hohen Kosten im Ausland gefertigt werden können, können in hiesigen Betrieben durchaus mit Erfolg hergestellt werden", so der Professor.Damit war es aber nicht getan. So wie es kaum noch deutsche Textilhersteller gab, gibt es auch kaum noch Lieferanten. Und die, die Sina Trinkwalder fand, hatten längst auf Synthetik umgestellt. Die alten Maschinen wieder zu aktivieren, kostete oft lange Überzeugungsarbeit. Zumal viele Produzenten gar nicht mehr auf diese Mengen eingestellt waren und sich auf die Produktion von Mustern verlegt hatten. Heute kommen Fäden und Garne von kleinen deutschen Betrieben, nur die Bio-Baumwolle hat den weiten Weg aus der Türkei und West-Afrika hinter sich. Wobei Bio für sie nicht in erster Linie Verkaufsargument bei Gutmenschen ist. "Bio heißt für mich zuallererst, dass meine Mitarbeiter keinen Mundschutz tragen müssen, keine offenen Finger oder eine Staublunge haben".Zu den größten Kunden gehören nach wie vor die Drogeriekette dm, Edeka Südwest, Real und Vodafone. Für den Telekom-Riesen werden Filztaschen für iPads genäht. Mit Ausnahme von dm sind die Kunden keine Unternehmen, die bislang durch ein besonders großes Gutmenschen-Image aufgefallen sind. In drei Jahren als Textilunternehmerin hat Sina Trinkwalder die Erfahrung gemacht, dass nicht alle, die in der Öffentlichkeit als böse gelten, wirklich böse sind. Genauso wie nicht all die Guten wirklich gut sind. Mit dem Vertreter einer Menschenrechtsorganisation kam ein Geschäft beispielsweise nicht zustande, weil dem der Druck der T-Shirts zu teuer war. Er solle doch in Bangladesch bei den Unternehmen bestellen, gegen die seine Organisation sonst immer zu Felde zieht, gab sie ihm mit auf den Weg. Nach drei Jahren als Textilunternehmerin gilt Sina Trinkwalder heute in der Öffentlichkeit auch als politischer Mensch. Obwohl sie keiner Partei nahesteht.

Die SPD wollte sie im vergangenen Jahr im Wahlkampfteam von Peer Steinbrück haben. Sie lehnte dankend ab. Peer Steinbrück dürfe Manomama aber gerne mal besuchen, was der im Wahlkampf auch tat. Und in den Massenmedien wollen sie stets wissen, ob es bei den vielen schweren Fällen, die Sina Trinkwalder eingestellt hat, nicht viele schräge Geschichten über schwierige Leute zu erzählen gibt. Nicht mehr als anderswo, gibt sie dann zur Antwort. Stattdessen gibt sie daraufhin eine ganz andere Geschichte zum Besten: Im vergangenen Jahr bat sie einen Mitarbeiter der Augsburger Arbeitsagentur, ihr seine 20 schwersten Fälle zu schicken. 17 davon kamen tatsächlich. Die mussten in der ersten Woche nur zwei Stunden anwesend sein, die Woche darauf drei. Allmählich fanden die Ersten Gefallen an leichten Tätigkeiten. Wenige Monate später hatten alle 17 einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche. Das nächste Projekt für Langzeitarbeitslose - diesmal außerhalb der Textilbranche - hat sie übrigens schon im Kopf. Reden will sie darüber erst in einigen Monaten. Gut möglich, dass viele sie dann wieder als Nonne oder Mutter Teresa bezeichnen werden.

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