Ohne Meister ein Handwerk meistern

Der Chef eines Handwerksbetriebs braucht ohne Zweifel Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Rechnungslegung und Recht. Aber muss er eigentlich auch schrauben können? Eine von vielen Fragen, wenn Master der BWL auf Meister des Handwerks treffen.

Immer mehr Kaufleute versuchen sich im Handwerk. Über 180.000 Handwerksbetriebe suchen bis zum Jahr 2020 einen Nachfolger. Daher gibt es für Kaufleute vielfältige Möglichkeiten ein gutes Handwerksunternehmen zu erwerben und fortzuführen. Unternehmensbörsen und spezialisierte Verkaufsberater leisten hierbei wertvolle Dienste. Dabei kann der Kaufmann dann seine Fähigkeiten ausspielen. Er studiert die Jahresabschlüsse, erstellt Business-Pläne und besorgt sich eine Finanzierung. Der Kauf eines Unternehmens hat den Vorteil auf einem bestehenden Fundament zu wirtschaften und rasch seine eigenen Ideen verwirklichen zu können. Die Erfolgschancen sind nämlich beim Unternehmenskauf im Gegensatz zur Neugründung um ein Vielfaches besser: Der Käufer eines bestehenden Unternehmens kann davon ausgehen, dass der Firmeninhaber den richtigen Standort gewählt und die passenden Produkte in seinem Portfolio hat, sonst würde der Betrieb schon lange nicht mehr existieren.

Gelingt der Kauf noch ganz gut, startet die eigentliche Herausforderung mit der erfolgten Übernahme und dem Spagat zwischen Handwerk und Betriebswirtschaft.

Der klassische Karriereweg im Handwerk geht von der Lehre über den Gesellen zum Meister. Steht beim Lehrling am Anfang die Vermittlung der handwerklichen Fähigkeiten im Vordergrund, wird dem Gesellen schon eine gewisse Eigenverantwortung und Arbeitsplanung verlangt. Der Weg in die Selbständigkeit führt dann auch trotz diverser Novellierungen der Handwerksordnung über die Meisterschule. Eine wichtige Institution, da Handwerk mehr als nur installieren oder reparieren ist, denn ohne kalkulieren und fakturieren steht der Meister schnell ohne Mittel dar. Es ist eine unwidersprochene Selbstverständlichkeit, dass der Meister auch ein Herr der Zahlen sein muss.

Doch wie verhält es sich eigentlich umgekehrt? Wenn in die Welt der Winkelschleifer, Werkbänke und Litzenzangen plötzlich Working-Capital, Cash-Flow und Controlling einzieht, treffen Gegensätze aufeinander, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Gegenseitiges Verständnis überwindet Grenzen. Zuhören schafft Vertrauen.

Mit den Vorurteilen geht es da ganz schnell. Auf der einen Seite die undisziplinierten Handwerker, gerne vergesslich und rau im Ton im ewigen Klischee-Kampf zu den anzugtragenden Schnöseln, die ja gar nicht wissen was harte Arbeit ist. Mag solch ein Denken am Feierabend noch zu Animositäten führen, ist es eine fatale Denkstruktur im Gewerbe. Vermutlich ist kein Chef so sehr von der Unterstützung seiner Mitarbeiter abhängig, wie der Diplom-Kaufmann im Handwerksbetrieb. Von ihm muss die Bereitschaft kommen zu lernen und Hintergründe zu verstehen. Die schnelle Versuchung der Überheblichkeit durch das Diplom an der Wand führt schnell zum Ende. Nur mit Wertschätzung für die technischen Fähigkeiten der Mitarbeiter kann diese Herausforderung bewältigt werden.

Nur ein kleines bisschen Technik.

Schnell läuft der Kaufmann jedoch in die Falle zum selbständigen Azubi zu werden. Da werden Kurse belegt, Lehrgänge und Seminare besucht und Fachliteratur gewälzt. Da ist es nicht mehr weit zum Helikopter-Syndrom, mit ständiger Nachfrage, Überwachung und Einmischung in das Tagesgeschäft. Frustration und Missmut bei den Beschäftigten ist dabei vorprogrammiert. Der Chef muss zwar wissen wie der Motor läuft, aber ihn nicht auseinanderbauen, putzen und wieder zusammenschrauben können. So selbstverständlich wie man von einem Weinhändler nicht verlangt, dass er keltern kann. Und hakt es doch mal mit dem Verständnis bei einem Bauprojekt oder einem individuellen Kundenwunsch, sind die Mitarbeiter dank des vertrauensvollen Umgangs gerne bereit zu helfen.

Schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

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Bernhard Kluge und Georg Wässa sind Geschäftsführer bei Covendit in Frankfurt.

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