Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Gesellenbrief mit Abitur

Das Handwerk will dem Nachwuchs Hochschulreife und Lehrabschluss im Paket anbieten.

In Nachbarländern gibt es dieses Modell bereits. Hierzulande besteht diese Option bisher nur vereinzelt.

Wer beim Autobauer BMW in die Lehre geht, pfiffig und leistungsstark ist, kann am Ende der dreijährigen Ausbildung nicht nur den Berufsabschluss haben, sondern auch das Fachabitur - und damit die Eintrittskarte für die Fachhochschulen.

"Der kürzeste Weg zu Ausbildung und Fachabitur" wirbt der Autobauer für den vom Freistaat etablierten Sonderweg, den einige wenige große Unternehmen mitgehen. In ganz Bayern entscheiden sich daher jedes Jahr auch nur ein paar Hundert junge Menschen dafür.

Geht es nach Hans Peter Wollseifer, dem Präsidenten des Deutschen Handwerks, sollen deutschlandweit viel mehr Lehrlinge die Möglichkeit bekommen, Gesellenbrief und Abitur im Paket zu erwerben. "Dazu brauchen wir ein duales Gymnasium in allen 16 Bundesländern - und perspektivisch auch für alle Berufe", sagte Wollseifer dem Handelsblatt. Nach seinen Vorstellungen würden die Lehrlinge nicht nur wie beim bayerischen Modell das Fachabitur in den Händen halten, sondern die allgemeine Hochschulreife. An diesem Mittwoch ist das Thema auf der Tagesordnung des Präsidiums des Handwerks.

Es geht Wollseifer dabei nicht um eine Reform des ehrwürdigen Gymnasiums. Basis soll die duale Ausbildung im Betrieb bleiben. "An der Berufsschule jedoch sollten ambitionierte Lehrlinge Lehrveranstaltungen besuchen können, die zum Abitur führen." Die Zusatzkurse könnte man etwa freitagnachmittags und samstags oder im Jahr nach dem Abschluss der Lehre anbieten. "Mit dem 'Abitur plus' könnten wir viel mehr leistungsstarke Jugendliche von den Chancen des Handwerks überzeugen", hofft er. Mit Abitur und Gesellenbrief könnten sie auch sofort den Meisterbrief anschließen.

Das Vorbild dafür findet sich in den Alpen: Österreich und die Schweiz bieten seit einigen Jahren flächendeckend die Möglichkeit, Abiturvorbereitung und Berufsausbildung parallel zu absolvieren. Die Kosten übernimmt der Staat, der Unterricht findet an beruflichen Schulen statt. In Österreich erhalten die jungen Menschen das allgemeine Abitur, im Nachbarland das Fachabitur - nach einer Zusatzprüfung auch das vollständige Abitur. Im vergangenen Jahr hat sich Wollseifer das Schweizer Modell vor Ort angeschaut, eine Reise nach Österreich ist geplant.

Auch in wenigen deutschen Bundesländern können Jugendliche zweigleisig fahren - meist sind das aber Nischenangebote, die es nur an einzelnen Standorten oder für einzelne Ausbildungsberufe gibt.

Wollseifer will nun alles daran setzen, die Kultusminister für die Idee zu begeistern. Den Rückhalt von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat er: "Ich begrüße jede Idee, die das duale System stärkt und Jugendlichen den hohen Wert einer Berufsausbildung vermittelt", sagte sie dem Handelsblatt.

Einen Unterstützer hat Wollseifer auch im baden-württembergischen Finanzminister Nils Schmid, der schon 2013 in einem Interview für Lehre plus Abitur plädierte. Der Entwurf für ein "duales berufliches Gymnasium" in Baden-Württemberg werde derzeit geprüft, heißt es aus dem Kultusministerium des Landes. Schließlich sollen die "Anforderungen an die Abiturprüfung einerseits und die bundesweiten Vorgaben für den Abschluss des dualen Ausbildungsberufes andererseits eingehalten werden".

Auch in Brandenburg gibt es Überlegungen, berufliche Gymnasien mit Doppelqualifizierung zu ermöglichen. Bisher ist Lehre plus Fachabitur an bestimmten beruflichen Schulen möglich - aber nur für neun Berufe, darunter Industriemechaniker und Mechatroniker. 232 Jugendliche hätten diese Doppelqualifizierung bisher angestrebt.

Zurückhaltender ist das bayerische Kultusministerium. Weil es neben dem Gymnasium schon viele Wege zum Abitur gebe, habe sich die Frage nach beruflichen Gymnasien bisher nicht gestellt, sagt ein Sprecher.

Hintergrund des neuen Vorstoßes ist, dass mittlerweile gut jeder Zweite nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselt und der Großteil danach an die Universitäten und Fachhochschulen strebt. Die Firmen können zugleich Zehntausende Lehrstellen nicht besetzen. Das neue Konzept soll die Lehre attraktiver machen, vor allem für leistungsstarke Schüler: "Sie könnten Lehre und Abitur im Doppelpack machen und zudem schon früh Geld verdienen", wirbt Handwerkspräsident Wollseifer. Die Unternehmen können den Nachwuchs früher an sich binden, und die Jugendlichen brauchen weniger Zeit für beide Abschlüsse, heißt es auch beim brandenburgischen Bildungsministerium.

"In der Sache ist das durchaus eine sinnvolle Überlegung", findet denn auch der Bildungsforscher Klaus Klemm. Denn jeder Fünfte, der heute ein Studium beginnt, hat zuvor schon eine Ausbildung gemacht. Klemm ist dennoch skeptisch. "Wenn das Handwerk diesen Vorschlag macht, um mehr Abiturienten in die Berufsausbildung zu bringen, glaube ich: Das ist nicht sehr realistisch." Er denkt nicht, dass jene, die heute nach dem Abitur eine Lehre machen und studieren, künftig aufs Studium verzichten, nur weil sie parallel zum Abitur eine Ausbildung absolviert haben.

Klemm ist überzeugt, dass es sinnvoller wäre, auf jene 20- bis 30-Jährigen zuzugehen, die keine Berufsausbildung haben. "Das sind immerhin 13 bis 14 Prozent in der Altersgruppe."

Fachabitur und Lehre

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Jörg Utecht (Interhyp)
    Digitalisierung: Mit breiter Brust

    Was revolutioniert die Finanzbranche? Wer steht wo im Wettstreit um Digital Leadership? Und wie generiert man Innovationen? Fragen an Vorstand Jörg Utecht vom Ur-Fintech Interhyp.

  • Klein, aber fein – und Renditebringer. Das sind die Börsenzwerge aus der zweiten Reihe.
    Hidden Champions fürs Depot

    Börsenzwerge aus der zweiten Reihe bringen ordentliche Renditen, sind aber auch riskanter – oder etwa nicht?

  • Mehr Unternehmenskäufer
    Mehr Unternehmenskäufer

    Faustdicke Überraschung: Die Zahl der Menschen, die ein Unternehmen kaufen wollen, ist deutlich angestiegen.

  • Fortsetzung folgt
    Fortsetzung folgt

    Die häufigsten Fallstricke bei einer familieninternen Unternehmensnachfolge.

  • Haftung bei einer Kommanditgesellschaft
    Kommanditgesellschaften im Check

    Die Kommanditgesellschaft gehört zu den häufigsten Rechtsformen in Deutschland. Was müssen Gründer über KGs wissen? DUB.de erklärt es.

  • Langsamer Generationswechsel blockiert Investitionen
    Alter schützt vor Torheit nicht

    Das Durchschnittsalter deutscher Unternehmer ist so hoch wie nie. Die älteren Chefs investieren weniger – uns setzen damit ihren Erfolgs aufs Spiel.

  • Hui buh - Kommt das Inflationsgespenst nach Deutschland?
    Trump, das Inflationsgespenst?

    Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten steigen die Anleiherenditen. Kehrt jetzt auch in Deutschland das Inflationsgespenst zurück?

  • Mangelware Unternehmer
    Mangelware Unternehmer

    Viele mittelständisch geprägte Regionen stehen vor einem doppelten Problem: Sie haben nicht nur zu wenig Fachkräfte, sondern auch zu wenig Unternehmer.

  • Franchise in der Gastronomie?
    Futtern und Franchise ...

    ... passen zusammen wie Pommes und Burger. Wer sich im Gastronomie-Bereich selbstständig machen will, sollte über den Fast-Food-Bereich hinausblicken.

  • Kein Nachfolger in Sicht?
    Den Richtigen (Chef) finden

    Wer einen externen Manager anheuert, holt sich oft Probleme ins Haus. So finden Unternehmen den richtigen Kandidaten.

  • Tour de Force durchs Silicon Valley

    10 Unternehmen in 2,5 Tagen: Deutsche Unternehmer haben digitale Vorreiter besucht. Ein inspirierender Reisebericht.

  • So finden Sie einen Geschäftsführer richtig per Stellenanzeige
    Neun Tipps für die perfekte Stellenanzeige

    Flexibel, teamfähig, hohe Einsatzbereitschaft – langweilig! Wer Top-Bewerber für Führungspositionen will, muss kreativ werden.

  • Viele Mittelständler patzen bei der Nachfolgeplanung
    Verpatzte Planung

    Eine internationale Studie legt den Finger in die Wunde: Nur jedes vierte Familienunternehmen in Deutschland plant die Nachfolge.

  • Praktikantenbörse
    Top-Athlet - und dann?

    Was muss passieren, damit mehr Top-Athleten nach der Sportkarriere ihren Weg ins Top-Management finden? Diese und weitere Fragen standen beim Talk der DUB-Praktikantenbörse auf der Agenda.

  • Kleine Helfer, große Wirkung: Assistenzsysteme
    Kleine Helfer, große Wirkung

    Elektronische Assistenzsysteme wie Parksensoren sind vermehrt nun auch in Nutzfahrzeugen zu finden.

  • Einen Klick entfernt
    Drei, zwei eins, ...

    Onlineshopping boomt – eine E-Commerce-Seite will aber gut geplant sein.

  • Kampf mit dem Gewissen
    Schwieriger Spagat

    Benötigt ein Angehöriger dauerhaft Hilfe, pflegen ihn oft Partner und Verwandte. Was aber, wenn auch ein Unternehmen zu führen ist?

  • Frauke Fees
    Marke ohne Budget

    Auch mit Kreativität und Leidenschaft lässt sich eine Marke bekannt machen, sagt Beraterin Frauke Feess – wenn man die Zielgruppe gut kennt.

  • Dr. Kerstin Nina Schulz, Anwältin für Franchiserecht
    Rettung für gekündigte Franchisenehmer

    Wenn Franchisenehmern der Vertrag gekündigt wird, stehen sie häufig vor dem Nichts. Ein Paragraf im Handelsgesetzbuch schafft Abhilfe.

  • Hagen Rickmann, Telekom
    Deutscher Mittelstand meets Silicon Valley

    Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom Deutschland hat beide zusammengebracht. Ein Erlebnisbericht.

  • Christoph Keese
    Messerscharf analysiert

    Christoph Keese wurde mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2016 ausgezeichnet. Für das DUB UNTERNEHMER-Magazin analysiert er exklusiv, was wir vom Silicon Valley lernen müssen.

  • Auf in die Selbstständigkeit
    20 Tipps für die Selbstständigkeit

    Befreit von Hierarchien Ideen umzusetzen, ohne sich abzusprechen – das sind nur einige Vorteile der Selbstständigkeit. So funktioniert’s.

  • Gerlinde Baumer - Partnerin der omegaconsulting GmbH
    Nach dem Firmenverkauf ...

    ... fängt die Übergabe erst richtig an. So meistern beide Seiten die Herausforderung.

  • Flottenmanagement
    Knifflige Entscheidungen

    Kaufen, leasen, finanzieren, mieten? Vor dieser Frage steht jedes Unternehmen, ganz gleich welcher Art und Größe, wenn es um die Anschaffung von Dienst-, Fuhrpark- oder Firmenwagen geht.

  • Auf in die Franchise-Selbstständigkeit
    Auf in die Franchise-Selbstständigkeit: Welche Freiheiten habe ich?

    Als Franchiser ist man befreit davon, eine eigene Idee zur Marktreife zu führen. Was kann man entscheiden, wo sind die Grenzen?

  • Veranstaltung Firmennachfolge in Hamburg
    Die Hürden bei der Firmennachfolge: einfach mal Ja sagen!

    Eine Firma zu verkaufen, das ist für manche Eigner so schwierig, wie ihr Kind in die Selbstständigkeit zu entlassen. Welche Befürchtungen Käufer und Verkäufer haben, zeigte eine Veranstaltung in Hamburg auf.

  • Joe Kaeser, Siemens
    Der Siemensianer

    Nie hat er für ein anderes Unternehmen gearbeitet: Siemens-Chef Joe Kaeser im Interview.

  • Öko-System
    Franchise wird grün

    Der Deutsche Franchise-Verband hat den Green Franchise Award vergeben. Und der Gewinner ist ...

  • Küche&Co
    Rückenstärkung

    Franchisesystem als Gängelband, so das vielfache Vorurteil. Wie es richtig gut laufen kann, erzählen zwei Gründer.

  • Das Who’s who deutscher Konzernlenker verrät exklusiv, wie es sich die digitale Welt von morgen vorstellt.
    Quintessenzen des Erfolgs

    Denke stets vom Kunden her! An welchen Leitplanken sich 15 Konzernchefs bei ihren Strategien orientieren.

Autor




Copyright © 2013-16 Handelsblatt

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick