Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Händler als Müllwerker

Supermärkte werden zu Sammelstellen: Ab Oktober müssen Läden und Onlineshops kostenfrei Elektro-Altgeräte zurücknehmen.

Der Aldi-Kassierer mustert seinen Kunden, als habe der nicht alle Tassen im Schrank. Ein neues Gesetz soll Läden verpflichten, Elektroschrott kostenfrei anzunehmen? Und dann auch noch Geräte von der Konkurrenz? Nein, schüttelt der Discount-Angestellte den Kopf, das könne bestimmt nicht sein.

Der defekte Rührmixer wandert zurück in die Einkaufstasche. Und auch beim Onlinekaufhaus Amazon wird der Kunde das Gerät nicht los. "Sind Sie so freundlich und lassen uns bitte die Bestellnummer des Artikels zukommen?", antwortet der Kundenservice auf die Frage, auf welche Weise man ihm Elektroschrott zusenden könne.

Schon bald werden sich Aldi, Amazon und Co. nicht mehr stur stellen können - oder sie riskieren Klagen erzürnter Verbraucher. Anfang Juli entschied der Deutsche Bundestag, Ladenbetreiber und Onlinehändler zu offiziellen Sammelstellen für ausgediente Elektrogeräte zu erklären. Am 10. Juli stimmte auch der Bundesrat der Reform des Elektrogerätegesetzes (ElektroG) zu. "Gültig werden die Bestimmungen voraussichtlich ab Oktober", erwartet ein Sprecher des Bundesumweltministeriums.

Händler mit Elektroartikeln im Sortiment müssen sich also schon bald Altgeräte andienen lassen, ohne dass der Kunde dafür etwas zu bezahlen hat. Wer entsprechende Ware verkauft, den nimmt der Gesetzgeber in die Pflicht - vorausgesetzt, der Laden besitzt mehr als 400 Quadratmeter Verkaufsfläche. Auch Onlineversender wie Amazon, Notebooksbilliger.de oder Redcoon, die Lagerflächen von mehr als 400 Quadratmetern vorhalten, werden zur Rücknahme verpflichtet.

Großgeräte wie alte Kühlschränke oder Flachbildschirme haben sie zwar nur dann zu akzeptieren, wenn der Kunde dort ein "gleichwertiges Gerät" erwirbt. Föhne, Mobiltelefone oder Rasierapparate müssen sie dagegen selbst dann einsammeln, wenn kein neues Gerät gekauft wird. Kleingeräte sind für den Gesetzgeber dabei alle Artikel, die an keiner Kante mehr als 25 Zentimeter messen.

Weil die meisten Händler erst zum Jahreswechsel mit dem Gesetz gerechnet hatten, lassen Lösungen noch auf sich warten. "Wir sind derzeit in der Entwicklung", sagt eine Sprecherin von Amazon. Ob sich Deutschlands größter Onlineversender dazu Partner ins Haus holen wird, könne man noch nicht sagen.  Auch Wettbewerber Otto möchte sich auf Anfrage "zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu genauen Vorgehensweisen äußern".

An die große Glocke hängen will das Thema derzeit niemand. Der Computerversender Notebooksbilliger.de ließ Anfragen mehrfach unbeantwortet.  Volker Müller, Vorstandschef des Elektrohändler-Verbunds Expert, fürchtet darüber hinaus um die Ertragsmarge. "Wir sehen aktuell keine Chancen", klagt er, "die daraus entstehenden wirtschaftlichen Belastungen durch die Einnahmen aus der Verwertung von Rohstoffen zu kompensieren."

Beim Wettbewerber Electronic Partner (EP) hofft man auf die Kooperationsbereitschaft der Kommunen. "Gegenüber unseren selbstständigen EP-Fachhändlern sprechen wir die Empfehlung aus, mit den kommunalen Sammelstellen zusammenzuarbeiten, die Altgeräte auch aus dem Handel kostenfrei annehmen", sagt Firmenchef Friedrich Sobol. Aus dem Schneider wären sie damit allerdings nicht: Laut Gesetz müssen die Händler die Schrottmengen nicht nur getrennt einsammeln, sondern die Verwertung genauestens dokumentieren.

Computer oder Handys seien echte Rohstofflager, feiert sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dennoch für die eigene Idee: "Die wollen wir am Ende ihrer Lebensdauer nutzen und schaffen jetzt mit vielen Elektrohändlern ein engmaschigeres Rücknahmenetz."

In Wahrheit gleicht ihr Vorstoß einer Verzweiflungstat. Vor drei Jahren schon entschied Brüssel, dass spätestens ab 2019 europaweit mehr als 65 Prozent der verkauften Elektrogeräte später recycelt werden sollen. Derzeit sind es hierzulande aber nur 45 Prozent - meist organisiert über Bauhöfe und sonstige Annahmestellen der Kommunen.

Das bisherige System halten Experten nur für mäßig erfolgversprechend. Da sich die Kommunen zunächst die wertvollen Abfallstoffe herauspicken dürfen, bleibt dem Elektro-Altgeräte-Register (EAR), in dem sich die Hersteller zu einer Entsorgungsgemeinschaft zusammengetan haben, allein der wertlose Rest: vor allem schwer zu entsorgende Kühlschränke.

"Das EAR kommt deshalb immer mehr in Schwierigkeiten, sich ausreichend zu finanzieren", berichtet Patrick Wiedemann, Chef des Reverse-Logistik-Spezialisten RLG. Nach dem Start der Altgeräterücknahme vor zehn Jahren hatte Wiedemann für zahlreiche Elektrohersteller die Entsorgung organisiert. "Durch den Zugriff der Kommunen haben wir inzwischen 80 Prozent des Geschäfts verloren", berichtet er heute. Die ab Herbst geltende Novelle des Entsorgungsgesetzes könnte seiner Firma nun reichlich Neugeschäft bescheren, hofft der RLG-Chef jetzt.

Mit der Einsammlung der Altgeräte werden die meisten Händler nämlich höchstwahrscheinlich überfordert sein. Das fängt schon bei der Registrierung und Dokumentation der eingesammelten Mengen an.

Und es kommt noch schlimmer: In sieben getrennten Behältern haben sie den E-Schrott zum Abtransport bereitzuhalten. Denn ausgediente Kühlschränke und andere Haushaltsgroßgeräte dürfen keinesfalls vermischt werden mit Handys, Leuchtmitteln oder Elektrokleingeräten. Zur Verwirrung der Sammler hat der Gesetzgeber nun auch noch zwei weitere Produktgruppen unter die Rücknahmepflicht gestellt: Drucker-Kartuschen und Solarmodule.

Am meisten Kopfzerbrechen dürfte das neue Gesetz den Onlineshops bereiten. Sie nämlich müssen sich gefallen lassen, dass ihnen ausgediente Elektrokleingeräte ins Haus geschickt werden - auf eigene Kosten und selbst ohne den Kauf von Neuware.

Auch Paketdienste wie DHL oder Hermes stellt dies vor schwierige Herausforderungen. "Elektroaltgeräte werden als gefährlicher Abfall eingestuft", sagt Recyclingexperte Wiedemann. "Paketfahrzeuge müssten deshalb mit weißen Warntafel versehen werden, auf denen der Buchstabe Azu sehen ist."

Kein Wunder, dass die neue Regelung auf massive Kritik der Versender stößt.  Das "für die Praxis rundweg untaugliche Gesetz ", wetterte Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (BEVH), stelle die Branche vor "aktuell noch nicht lösbare Probleme". Bitter proklamierte der Interessenvertreter ein neues Berufsbild: der Händler als Müllwerker.

Am Ende landet der ausrangierte Rührmixer, der bei Aldi und Amazon kein Erbarmen fand, dann doch noch in der gesetzlich vorgeschriebenen Verwertung.  Eine Saturn-Filiale an Düsseldorfs nobler Königsallee, offensichtlich gut unterrichtet über die verschärfte Rücknahmepflicht, kassiert das defekte Gerät klaglos ein.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Wie Unternehmen von der Zusammenarbeit mit Hochschulen profitieren
    Fleißig wie die Bienen

    Die erfolgreiche Kooperation zwischen einer Hochschule und Firmen zeigt, was Unternehmen von Bienen und Ameisen lernen können.

  • Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt
    Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt

    Boxchampion und Entrepreneur Wladimir Klitschko erklärt, wie Unternehmer mit Problemen richtig umgehen.

  • Digitalisierung für Unternehmen
    Digitalisierungs-Europameister

    Hat Deutschland bei der Digitalisierung den Anschluss verpasst? Mitnichten! Kleine und mittelgroße Unternehmen haben in Europa sogar die Nase vorn.

  • Fusionskontrolle - Gibt es ein Risiko zu großer Marktmacht durch Unternehmenskäufe?
    Mit Kanonen auf Start-Ups

    Zwischen Wirtschaftsminister Gabriel und Start-up-Verbänden tobt ein Streit um die Fusionskontrolle.

  • Franchise-System: Wachstum mit Marke und Konzept
    Beziehungsstress im Franchising

    Vertrauen ist die Grundlage aller Beziehungen – nicht zuletzt von geschäftlichen. Doch beim Franchising wird es häufig auf eine harte Probe gestellt.

  • „Profi allein kann nicht das Ziel sein“
    Göttliche Erfolgsfaktoren

    Kult und Kommerz müssen kein Widerspruch sein. Wie dass geht, zeigt Oke Göttlich, Präsident des Fußballklubs FC St. Pauli.

  • Heatmap Europe
    Wo die Talente wohnen

    Entrepreneure gründen dort, wo auch die Talente wohnen - und zwar in Berlin, London oder Amsterdam.

  • Es geht auch ohne Kredit
    Es geht auch ohne Kredit

    Banken werden kritischer bei der Bonitätsprüfung, wie eine Umfrage zeigt. Mit diesen zwölf Tipps sichern Sie sich Ihre Finanzierung.

  • Zur Erforderlichkeit und Methodik der Bewertung Ihres Unternehmens
    Was ist meine Firma wert?

    Verkauf, Erbschaft, Finanzierungen – Anlässe, den Wert der eigenen Firma zu ermitteln, gibt es reichlich. Die vier wichtigsten Berechnungsmethoden im Überblick.

  • Deutschlands Firmen haben ein Nachfolgeproblem
    Chefs händeringend gesucht

    Deutschlands Unternehmen stehen vor einem gewaltigen Nachfolgeproblem. Wie virulent die Krise ist, zeigen aktuelle Zahlen der KfW-Bankengruppe.

  • Drei Top-Start-ups der FU Berlin
    Drei Top-Start-ups der FU Berlin

    Drei junge Unternehmen aus der Hauptstadt verraten, wie ihnen die Uni unter die Arme gegriffen hat und welche Tipps sie für angehende Entrepreneure parat haben.

  • Das Berater-ABC
    Das Berater-ABC

    Banker, Juristen, Transaktionsberater, Unternehmensberater – Spezialisten für den Mittelstand gibt es reichlich. Wann brauche ich wen?

  • Mensch 4.0
    Kollege Roboter

    Kein Computer hat das Bewusstsein eines Menschen – noch nicht. Aber in wenigen Jahrzehnten dürfte es laut Experten so weit sein. Und dann?

  • Bärenstarke Starthilfe der Hauptstadt

    Profund Innovation, der Inkubator der FU Berlin, hilft gründungswilligen Studenten auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Porträts dreier starker Kandidaten aus der Start-up-Schmiede.

  • Wenn nach dem Kind das Start-up kommt
    Mama managt das

    Sie sind jung, sie sind erfolgreich, sie sind Mütter: Deutschlands Mompreneure setzen Milliarden um. Wie machen die das?

  • Verkaufen leicht gemacht
    Verkaufen leicht gemacht

    Der Bundesverband M&A hat Standards für den Verkauf eines Unternehmens entwickelt, die den Prozess erheblich vereinfachen.

  • Firmeninhaber verstirbt plötzlich – was tun?
    Risiko Familienunternehmer

    Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen: Familienunternehmer sind unersetzlich. Und genau das kann einer Firma zum Verhängnis werden.

  • Visionäre im Visier
    Reise zu den Digital-Mekkas

    Texas, Vancouver, Hamburg: Die DUB-Redaktion und XING-Gründer Lars Hinrichs haben sich auf Pilgerfahrt begeben und berichten von den neuesten Trends.

  • Top-Noten für Franchising

    Eine neue Befragung zeigt: 85 Prozent der Franchisenehmer würden es wieder tun. Trotzdem gibt es noch Luft nach oben.

  • Unternehmen suchen verstärkt Chefs außerhalb ihrer Grenzen
    Verwaiste Chefsessel

    Zehntausende Unternehmen haben keinen Nachfolger. Doch der Mittelstand tut sich weiter schwer mit Managern von außen.

  • Aus alt mach neu
    Tortenschlacht

    Mit dem Tod des Firmenpatriarchen Aloys Coppenrath 2013 schlingerte Coppenrath & Wiese in eine Führungskrise. Was Firmenchefs besser machen können.

  • Helden von morgen
    Helden von morgen

    Start-ups brauchen Ideen, Kapital – und Rat. Heute fördern viele Hochschulen Gründer während der schwierigen Anfangsphase. DUB stellt die besten Gründungen von fünf Top-Hochschulen vor.

  • Wie Unternehmen durch CVC innovativer werden
    Dem Tod von der Schippe springen

    Experten rechnen damit, dass die meisten heute etablierten Firmen ihren 50. Geburtstag nicht erleben werden. Aber es gibt Abhilfe.

  • Moritz Fürste (Hockeyspieler)
    Erst Rio, dann Vollzeit

    Hockeystar Moritz Fürste über Olympia und seine Karriere im Sportmarketing. Plus: Wie die Praktikantenbörse Top-Athleten und Unternehmer zusammenbringt.

  • Darum wachsen Gazellen-Unternehmen so schnell
    Das Geheimnis der Gazellen

    Gazellenunternehmen werden Firmen genannt, die extrem schnell wachsen. Eine Studie ist ihrem Erfolgsgeheimnis auf den Grund gegangen

  • Lea-Sophie Cramer von Amorelie
    Berliner Fräuleinwunder

    Sie gilt als einer der erfolgreichsten Gründer Deutschlands, ist Business Angel und Mutter: Lea-Sophie Cramer. Ein Interview.

  • Investoren aus dem Ausland
    Die Chinesen kommen

    Kuka ist kein Einzelfall: Bei deutschen Unternehmen stehen chinesische Käufer Schlange. Doch was passiert nach der Übernahme?

  • Mentalitätswandel unter Deutschlands Firmeninhabern
    Blut ist dünner als Wasser

    Statt den eigenen Nachwuchs auf den Chefsessel zu setzen, greifen Familienunternehmen immer häufiger auf Fremdmanager zurück.

  • Franchise-Spezial
    Franchise-Spezial: Mit starken Marken unterwegs

    Wie Franchising zu einem Win-win-Konzept wird: ein Ein- und Ausblick.

  • Franchise Spezial: Partner gesucht
    Partner gesucht

    Die Zahl der Franchisegründer in Deutschland ist rückläufig. Doch jetzt gibt es einen neuen Weg, etablierte Franchisesysteme und Unternehmer in spe zusammenzubringen: die DUB-Franchisebörse.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick