Angstgegner Amazon

Die Konkurrenz aus dem Internet zwingt die Betreiber von Einkaufszentren zum Handeln.

Als im Mai 1964 das erste Einkaufszentrum in Deutschland seine Türen öffnete, hieß es skeptisch: ein Experiment. Eine Ladenstadt auf der grünen Wiese nach Vorbild der USA? Das ist nichts für die Bundesrepublik, monierten Kritiker.

Doch der "Groß-Basar", so nannte "Der Spiegel" das Main-Taunus-Zentrum damals, wurde schnell zum Erfolg. Die Shoppingcenter eroberten das Land. Inzwischen gibt es 460 Einkaufszentren in ganz Deutschland mit einer Fläche von insgesamt mehr als 14 Millionen Quadratmetern.

Nie aber war der Druck auf die Betreiber so groß wie heute. Der Verdrängungswettbewerb zwischen den Shoppingcentern steigt. Allein in Berlin machen sich 36 Standorte Konkurrenz - manchmal in Sichtweite. Zum Verdrängungswettbewerb kommt eine weitere Bedrohung. "Die Einkaufszentren stehen vor Herausforderungen durch den digitalen Einfluss", warnt Alexander Otto, Chef von Europas größtem Centerbetreiber ECE. Die Attacke von Amazon & Co., darin sind sich die Einkaufszentren-Betreiber einig, zwingt zum Handeln.

Wie ernst die Lage ist, zeigt der Wettlauf um die kreativsten Ideen. "Vier-Sterne-Shopping", lautet die Antwort von MFI, der Nummer drei unter den Shoppingcenter-Betreibern in Deutschland. "Wir orientieren uns an dem Servicestandard eines gehobenen Hotels", sagt Firmenchef Karl Reinitzhuber. Das Einkaufszentrum wird zur Wohlfühloase mit Maniküre- und Massageservice, Schuhputzern und einer Lounge nur für Männer. Wer will, kann den Reifendruck des Autos in der Tiefgarage checken lassen, während sich der Nachwuchs im Kinderkino amüsiert. Jeder Mieter ist vertraglich zur Freundlichkeit verpflichtet.

Gerade in den Pasing-Arcaden gestartet, soll das Vier-Sterne-Konzept auf möglichst viele der bundesweit 26 Standorte ausgerollt werden. Nach München sollen im Frühjahr 2015 das Minto in Mönchengladbach und im Herbst der Ruhrpark in Bochum folgen. Die MFI-Mutter Unibail-Rodamco mit Sitz in Paris betreibt bereits 14 Einkaufszentren von Barcelona bis Warschau mit dem Konzept.

Tatsächlich geht es um eine Aufholjagd. In den Pasing-Arcaden kauft die gut situierte Mittelschicht ein, das Durchschnittsalter liegt zwischen 35 und 42 Jahren. Diese Gruppe ist kaufkräftig, aber auch empfänglich für das Internet, weiß MFI. Und offenbar nicht nur sie. Der jährlich mit zweistelliger Rate wachsende Onlinehandel macht auch anderswo den Mietern der Shoppingcenter das Geschäft streitig. 6,48 Milliarden Euro, die der US-Konzern Amazon in Deutschland umsetzte, fehlten den traditionellen Läden allein 2013 in der Kasse. Verfolger Otto setzte 2,27 Milliarden Euro um. Fast acht Prozent des 433 Milliarden Euro schweren Branchenumsatzes überließen Deutschlands Einzelhändler der Onlinekonkurrenz.

Und die Bedrohung aus dem Netz wächst: In Deutschland werden bis 2020 mindestens noch einmal 15 bis 20 Prozent der Nonfood-Ladenumsätze ins Internet abwandern, schätzen Experten. Marktführer ECE experimentiert deshalb mit Technologien und erklärte in Hamburg und Essen das Alstertal-Einkaufszentrum und den Limbecker Platz zu "Zukunftslaboren". 17 digitale Servicestationen - vom 3-D-Wegeleitsystem über eine Vielzahl an Social-Media-Verknüpfungen bis zur virtuellen Centerführerin - verbinden die Off- und Online-Shoppingwelt. Angebote, die gut angenommen werden, kommen in weiteren Einkaufszentren zum Einsatz.

So wie die Shopping-Center-App, die mit Informationen über Neues aus den Läden und Rabatte locken soll. "Die Nutzerzahlen der App steigen", so ECE-Chef Otto. "Wir werden das Angebot noch in diesem Jahr auf 30 Center ausweiten." Etwa das Skyline Plaza in Frankfurt, die Thier-Galerie in Dortmund und das Olympia-Einkaufszentrum in München. Ob das alles hilft? Das vermag auch Gerrit Heinemann, Experte für Onlinehandel der Hochschule Niederrhein, nicht zu sagen. Er findet, die Betreiber könnten noch mehr tun. "Einkaufszentren werden zentral und professionell geleitet", erklärt er. "Warum also nicht eine Onlineplattform für alle Händler eines Shoppingcenters einführen? Einen Lieferdienst? Eine Abholstation für Pakete?" Trotzdem findet Heinemann die Vorstöße der Betreiber richtig. "Es zeigt zumindest", sagt er, "dass Amazon & Co. das Feld nicht kampflos überlassen wird."

 

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