"Schnell eine Ganzkörperhornhaut entwickelt"

Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein, diese Worte verwendet Silke Grimm häufig, wenn sie über ihren Werdegang spricht.

BA-Studentin, Controllerin, Finanzvorstand - so lautet ihre Karriere bei Euler Hermes AG. Seit drei Jahren sitzt sie im obersten Führungsgremium des Versicherungskonzerns, in dieser Zeit hat sie auch ihr zweites Kind bekommen. Interview über Schaulaufen, Sichtbarkeit, Sendungsbewusstsein - und über mehr als zwanzig Jahre beim selben Arbeitgeber.

SAAL ZWEI: Frau Grimm, Sie sind als langjährige Mitarbeiterin vor zwei Jahren in den Vorstand der Euler Hermes Deutschland AG berufen worden. Was hat sich für Sie geändert?

Silke Grimm: Im Vorstand ist die Bandbreite der Themen, die in mein Ressort fallen, größer geworden – und damit die Aufgabe komplexer. Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiter, weil ich stärker delegieren und mich weniger tief selbst einarbeiten kann. Als Vorstand bin ich Verantwortliche – und Vorbild. Ich repräsentiere meinen Bereich intern wie extern und stehe zwangsläufig immer unter Beobachtung. Es ist eine Art „Schaulaufen“, damit muss man klar kommen. Zudem führe ich andere Gespräche als vorher. Sei es die Abstimmung mit meinen Führungskräften, den Vorstandskollegen oder innerhalb der Euler Hermes Gruppe und dem Allianz-Konzern.

Fällt es Ihnen schwer, so unter Beobachtung zu stehen?

Nein, damit komme ich klar. Es ist verständlich, dass ich in meiner Position Stellung beziehen und Präsenz gegenüber den verschiedenen Personen und Institutionen innerhalb des Unternehmens und der Gruppe zeigen muss. Das gehört zum Job.

Wie sind Sie in die Aufgabe hineingewachsen?

Ich habe seit meinem Einstieg bei Euler Hermes 1991 lernen können: Ich begann im Controlling und hatte daher von Anfang an mit wichtigen Entscheidern zu tun. Mein Aufgabengebiet tangierte immer wieder Bereichsleiter und Vorstand, und so war ich früh in deren Fokus – was natürlich ein Vorteil für die Karriere ist. Das bedeutete aber auch, dass immer hohe Ansprüche an meine Arbeit gestellt wurden. Damals habe ich schnell gelernt, so etwas wie eine Ganzkörperhornhaut zu entwickeln. Diese Zeit war eine gute Schule.

Inwiefern?

Mir war bald nach meiner Schulzeit klar, dass ich gern eine Führungsaufgabe übernehmen wollte. Ich erinnere mich zwar nicht mehr daran – aber im Euler Hermes-Assessment Center zum berufsbegleitenden Studium an der Wirtschaftsakademie soll ich das bereits in meinen Essay geschrieben haben (lacht). Ich wollte mich weiterentwickeln und über den Tellerrand hinausblicken. Und das habe ich schon damals kommuniziert und eingefordert. So konnte ich etwa alle drei Jahre meinen Job bei Euler Hermes wechseln. Ich habe gelernt, dass die Kommunikation eine herausragende Stellung hat: Wenn die Entscheider im Unternehmen nicht erfahren, welche Pläne und welche Qualifikationen ich habe, können sie mich schließlich auch nicht bei ihren Personalentscheidungen berücksichtigen.

Sie halten wenig von der Diskussion um die gläserne Decke. Gab es nie Männerbünde, die Sie an Ihrem Aufstieg gehindert haben?

Ich halte nichts davon, den Umständen die Schuld zu geben, wenn ich nicht erfolgreich bin. Sicherlich kann es immer passieren, dass ich an einer Stelle gehindert werde, aber dann suche ich Wege, um an anderer Stelle weiterzukommen. Dazu gehört natürlich auch, dass man Selbstbewusstsein zeigt. Daran hapert es nach meiner Wahrnehmung bei vielen Frauen noch immer: Sie sind oft hoch kompetent, aber sie reflektieren ihre Fähigkeiten überkritisch und zögern, wenn sich ihnen Aufstiegschancen bieten.

Was raten Sie Ihren Mitarbeiterinnen?

Sie sollten neben exzellenter Leistung eine eigene Marke entwickeln und Sorge dafür tragen, dass die entscheidenden Stellen im Unternehmen wissen, wofür sie stehen. Außerdem warne ich davor, in die Teilzeit-Falle zu tappen. Mit leicht reduzierter Arbeitszeit bekommen sie beispielsweise ein 80 %-Gehalt, müssen aber dennoch 120 % arbeiten. Ich rate viel eher dazu, ein 100 %-Gehalt zu beziehen und 120 % zu arbeiten – damit aber auch Gestaltungsspielräume und Freiräume zu bekommen. Und mit dem zusätzlichen Gehalt kann man sich benötigte Unterstützung durch eine Kinderfrau o.ä. finanzieren.

Heißt das, bei Ihnen gibt es keine Teilzeit-Positionen?

Doch, natürlich. Unsere Teilzeit-Quote liegt bei 25 Prozent. In Führungspositionen ist sie allerdings geringer. Wer Karriere machen will, muss sie auch wollen. Das funktioniert in Teilzeit nur sehr bedingt, weil sie Präsenz und Sichtbarkeit erfordert.

Sie arbeiten seit 22 Jahren für ein- und dasselbe Unternehmen. Liegt das auch daran, dass es in Ihrer Nische – Euler Hermes bietet seinen Kunden in erster Linie Schutz vor Forderungsausfall an – relativ wenig Alternativen gibt?

Nein, Euler Hermes hat mir regelmäßig neue Herausforderungen geboten, deshalb hat mich das Unternehmen immer wieder aufs Neue gereizt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich sicher auch extern meine Fühler ausgestreckt. Aber ich bin gut vorangekommen, insofern habe ich mich hier immer bestens aufgehoben gefühlt.

Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von Euler Hermes-Mitarbeitern liegt bei beachtlichen 17 Jahren. Wie erklären Sie sich das?

Unsere Branche gehört zwar nicht zu den Show-Branchen und ist vielleicht nicht so hip wie andere Industrien – trotzdem sind wir ein attraktiver Arbeitgeber mit spannenden Aufgaben. Unsere Mitarbeiter sind überdurchschnittlich gut ausgebildet, verglichen mit anderen Versicherungen.

Der Beitrag ist zuerst bei SAAL ZWEI erschienen, dem Kooperationspartner der DUB.

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Zur Autorin

Stefanie Bilen 
Geschäftsführende Redakeurin
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