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Was tun mit dem Geld,
Dr. Stephan?

In Zeiten, in denen selbst fünfjährige Bundesanleihen keinen Zins mehr abwerfen, müssen Anleger vertraute Investmentstrategien neu denken. Nur wie? Mehr Mut zum Risiko fordert Dr. Ulrich Stephan, der Chefanlagestratege für die Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

Ulrich Stephan, der Chefanlagestratege für 28 Millionen Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, ist bekannt für offene Worte und pointierte Aussagen. Grund genug für das DUB UNTERNEHMER-Magazin, mit ihm über die Gültigkeit klassischer Anlageregeln und den richtigen Investmentmix in Zeiten dauerhafter Niedrigzinsen zu sprechen.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Welche Konsequenzen hat das Staatsanleihen-Ankaufprogramm der Europäischen Zentralbank für die Kapitalanleger?

Ulrich Stephan: Die EZB weitet mit „quantitative easing“ ihre Bilanz aus und erhöht die Geldmenge in der Eurozone. Durch die Negativzinsen vermeiden viele Investoren diesen Raum. Selbst das Zinsniveau von Unternehmensanleihen sinkt derzeit. Es wäre nur rational, wenn sich Anleger in Richtung Aktie bewegen würden. Eine weitere Folge des QE: Das Geld aus dem Euroraum flieht – beispielsweise in den US-Dollar. Dort locken höhere Zinsen.

Bleibt das Zinsniveau damit auf Jahre niedrig?

Stephan: Das Programm läuft bis Ende 2016. Wir können davon ausgehen, dass die Zinsen mindestens so lange niedrig bleiben werden. Das zeigen auch die Zinserwartungen an fünfjährige Staatsanleihen in zehn Jahren. Die Zinskurve bleibt dort extrem flach. Darüber hinaus ist die Frage berechtigt, warum die Zinsen eigentlich so niedrig sind. Ist dafür ausschließlich die EZB verantwortlich? Oder wirkt hier eher ein Schock aus zu geringer Nachfrage und fehlenden Investitionen sowie offenbar fehlendem Vertrauen in die Zukunft? All dies spricht für eine länger andauernde Niedrigzinsphase.

Das Geld vieler deutscher Anleger liegt auf kaum noch verzinsten Tages- und Festgeldkonten, Sparbüchern oder in deutschen Staatsanleihen. Findet jetzt zwangsweise ein Umdenken statt?

Stephan: Wer heute eine halbwegs attraktive Verzinsung erzielen will, muss ganz einfach gewisse Risiken eingehen – über Laufzeiten, Anlageklassen oder Regionen.

Gelten klassische Regeln der Vermögensallokation wie ein Drittel in Aktien, ein Drittel in Anleihen und ein Drittel in Immobilien heute noch?

Stephan: Vorsicht bei solch althergebrachten Regeln. Wie das Raumschiff „Enterprise“ sind wir in vielerlei Hinsicht in neue Galaxien vorgedrungen. Dass beispielsweise die Notenbanken agieren, wie sie es heute tun, gab es noch nie. Auf der anderen Seite sollten Anleger aber auch vorsichtig dabei sein, aus der aktuellen Marktlage heraus ihre Risikopräferenzen zu definieren. Jetzt ausschließlich risikofreudig zu investieren ist sicher falsch und dann problematisch, wenn der Markt sich dreht. Es gilt, Risiken zu gewichten und seine Anlagestrategie sehr bewusst anzupassen.

Sie erwähnten es – die naheliegende Anlagealternative sind Aktieninvestments. Welche Regionen und Sektoren halten Sie für besonders attraktiv? Und wie können Volatilitäten vermieden werden?

Stephan: Grundsätzlich muss breit diversifiziert werden, um die Risiken zu streuen. Ich halte in einem ausgewogenen Portfolio einen Aktienanteil von 50 Prozent für durchaus sinnvoll. Aus Ertragsgesichtspunkten attraktive Anlageziele sind sicherlich diejenigen unter den Wachstumsmärkten Asiens, die mit wenig Verschuldung und mit Wachstumspotenzial aufwarten. Unsere bevorzugten Kandidaten sind Indien und China, aber auch Indonesien.

Wie aussichtsreich sind deutsche Aktienwerte?

Stephan: Hiesige Werte sind durchaus interessant für Anleger, weil die deutschen Unternehmen am stärksten von der anhaltenden Euroschwäche im Zuge der EZB-Politik profitieren. Sie haben den größten Exportanteil in der Eurozone. Hinzu kommt der Ölpreisverfall, der vielen unserer Firmen in die Hände spielt. Entsprechend positiv sollten die künftigen Gewinnrevisionen ausfallen. Ähnliches gilt im Übrigen für Japan, das bereits vom schwachen Yen profitiert. Vom deutschen Markt erwarte ich in diesem Jahr eine Outperformance, vor allem wegen der Abwertung des Euro, welche die Wettbewerbsfähigkeit exportlastiger deutscher Unternehmen, zum Beispiel der Autokonzerne, verbessert. Zudem notiert der Dax weiterhin mit einem Bewertungsabschlag im Vergleich zu anderen Indizes wie etwa dem Stoxx 600. Wer das angesichts von Rekordständen des Dax bezweifelt, der sollte beachten, dass dieser Index eine deutsche Besonderheit aufweist. So liegt ihm die Annahme zugrunde, dass Dividenden stets reinvestiert würden. Das ist in anderen Indizes nicht der Fall. Rechnet man also die Dividenden heraus, steht der Dax aktuell bei nur gut 5.650 Punkten – etwa 700 Punkte beziehungsweise
circa zwölf Prozent unter seinem historischen Höchststand. Da ist also noch Luft nach oben.

Und US-Titel?

Stephan: US-Aktien sind nicht mehr ganz billig. Und doch ist ein weiterer Anstieg des Kurs-Gewinn-Verhältnisses denkbar – allein aus dem niedrigen Zins heraus. Doch Vorsicht: Die Gewinne vieler Unternehmen aus den Bereichen Energie und Investitionsgüter steigen aufgrund des niedrigen Ölpreises kaum noch. Auf der Bewertungsseite ist dort nicht mehr viel Spielraum nach oben. Potenzial hingegen haben US-Werte mit starken Cashflows und hoher Stabilität der Gewinne pro Aktie. Für sicherheitssuchende Anleger gilt: Der S & P-500-Index zeigt sich gerade in Krisenzeiten deutlich weniger volatil als der Dax. Zudem spricht die Stärke des US-Dollar für Investments in Übersee. Hier ist – ohne Extreme zu bemühen – Ende 2016 durchaus eine Parität zum Euro denkbar.

Gibt es noch Chancen an den Rentenmärkten?

Stephan: Wer attraktive Renditen am Anleihenmarkt sucht, findet diese nicht vor der Haustür, sondern vor allem in Schwellenländern in lokaler Währung oder in Unternehmensanleihen. Schwellenländer-Anleihen könnten durch die näher rückende Zinsanhebung in den USA etwas aufregendere Zeiten bevorstehen – zumindest auf die kommenden sechs Monate gesehen. Anleger müssen dabei ein gewisses Maß an Risiko akzeptieren.

Wer nicht direkt in Aktien investieren will, greift zu Fonds. Allerdings schlugen in der Vergangenheit nur wenige Fondsmanager ihre Benchmark – sind Indexfonds hier die Lösung?

Stephan: Die Frage nach aktiv oder passiv gemanagten Fonds ist die Frage danach, ob ein Fondsmanager in bestimmten Märkten eine Outperformance erzielen kann oder nicht. Es ist richtig, dass nicht viele Manager in der Fondsindustrie ihre Benchmark schlagen. Jedoch zeichnen sich gute Fondsmanager in der Regel in einem Abschwung aus. Auch in wenig effizienten Märkten wie im Midund Small-Cap-Sektor oder in Schwellenländern zeigen die wirklich guten unter ihnen oft genug eine
Outperformance.

Stichwort Immobilienanlage: Der Niedrigzins dürfte die Betongold-Nachfrage noch befeuern und die Gefahr der Blasenbildung in Teilmärkten schüren.

Stephan: Man sollte immer vorsichtig damit sein, von bundesweiten Trends oder Durchschnitten zu sprechen. Pauschal lässt sich festhalten, dass mehr Menschen in die Städte ziehen, immer mehr und größere Singlewohnungen gefragt sind und auf der anderen Seite zu wenig gebaut wird. Die Konsequenz ist ein Nachfrageüberhang, der die Preise weiter steigen lässt. Klassische Anzeichen für eine Blase wären allerdings nicht nur höhere Preise, sondern auch ein höherer Einsatz von Fremdkapital. Ein solcher Trend lässt sich aber nicht feststellen. Es gibt keine Entwicklung hin zu Vollfinanzierungen. Durch Staatsanleihenkäufe und die dadurch sinkenden Zinsen könnte sich die Flucht in die Immobilie jedoch noch verstärken. Gerade Auslandsinvestoren, die in die stabilen deutschen Märkte drängen, dürften die Preise anheizen. Wichtig: Auch für Immobilienanleger gilt die Grundegel, nicht alle Eier in einen Korb zu legen.

Haben die ehemals sehr beliebten Kapitallebensversicherungen, deren Garantieverzinsung nach und nach sinkt, als Anlagevehikel ausgedient?

Stephan: Klassisch konstruierte Kapitallebensversicherungen haben zweifellos Probleme. Gefragt sind eher Fondspolicen, die Risiken vom Versicherer an den Versicherten auslagern. Versicherungslösungen haben aber grundsätzlich zwei Vorteile: Erstens können sie durch ihren langen Zeithorizont Schwankungen gut ausgleichen, und zweitens sichern sie eben auch die biometrischen Risiken wie zum Bespiel den Unfalltod ab. Und das vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft. Für mich gehören sie daher unabdingbar zum Mix der Absicherungsinstrumente.

Welche Rolle könnten im Niedrigzinsumfeld Sachwertinvestments spielen, die zuletzt ja nach dem neuen Kapitalanlagegesetz reguliert wurden?

Stephan: Sachwertbeteiligungen wurden in der Vergangenheit zu undifferenziert und vor allen Dingen vornehmlich aus Steuersparmotiven erworben. Dass diese Investitionen nicht immer auch ökonomisch sinnvoll waren, hat sich in vielen Beispielen gezeigt. Wenn aber das Asset und die Konstruktion stimmen, können solche Sachwertinvestments im aktuellen Umfeld eine sinnvolle Alternative sein, da höher verzinst – vor allem, wenn die jüngste Regulierung diesem Sektor wirklich zu mehr Transparenz verhilft. Grundsätzlich darf aber auch auf Kundenseite Verantwortung übernommen werden: Der Anleger muss sich mit Chancen und Risiken seiner Investitionen, egal welcher Couleur, beschäftigen und verstehen, was für ein Investment er tätigt.

Crash-Propheten empfehlen aktuell Gold.

Stephan: Ich möchte niemandem ein Engagement in Gold – als Absicherung für Eventualitäten – ausreden. Aber: Goldanleger müssen stets darauf spekulieren, am Ende jemanden zu finden, der dafür mehr zu zahlen bereit ist, als ursprünglich investiert wurde. Und ich rechne nicht mit einem größeren Preisanstieg. Es gibt hierzulande eine große Affinität zu Gold als Fluchtwährung. Aber selbst wenn es zum großen Crash kommen sollte, glaube ich nicht, dass wir künftig mit Goldklumpen und -nagelfeile unsere Brötchen beim Bäcker bezahlen. Außerdem dürfte das Tauschverhältnis von Gold zu Lebensmitteln ein ungünstigeres sein als heute.

Gilt für die Investmentstrategie, dass Anleger auf absehbare Zeit nur „auf Sicht fahren“ sollten?

Stephan: Das Gebot der Stunde lautet, breit gestreut zu investieren, schließlich kann heute niemand mit Sicherheit sagen, was morgen passiert. Eine Investmentstrategie ist aber immer auch abhängig vom eigenen Anlagehorizont. Wer langfristig plant, kann eben auch Volatilitäten in Kauf nehmen. Grundsätzlich muss man aber im Hinterkopf behalten, dass das, was gut aussieht, auch teuer ist: wie etwa dividendenstarke Titel mit guten Track-Records, aber genauso Immobilien in den Metropolen. Die Erträge dürften daher stabil, aber eben nicht spek takulär ausfallen.

Mein Rat: Tatsächlich sollten Anleger ihre Strategie im aktuellen Marktumfeld häufiger überprüfen – und sie sollten mutig sein.

Mehr Informationen

Die tägliche Marktmeinung von Dr. Stephan finden Sie unter www.deutsche-bank.de/pam-anmeldung

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