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Schwarmfinanzierung wird erwachsen

Bislang galt Crowdfunding als Finanzierungsalternative für Start-ups, witzige Ideen und Projekte mit Sozialtouch. Doch jetzt entwickelt sich diese noch junge Form der Kapitalbeschaffung auch für den Mittelstand zu einer attraktiven Geldquelle.

Die Finanzkrise hat Europas Mittelstand vor ein Finanzierungsproblem gestellt. Die Neukreditvergabe hat sich halbiert; vielen Unternehmern fehlt frisches Kapital, um zumindest die aktuelle Marktposition halten zu können. Wer hierzulande von Existenzgründung, Wachstum oder Expansion träumt, findet bei guter Bonität zwar den Kreditzugang. Gerade Jungunternehmern bleibt aber dennoch oft nur der Weg, Freunde oder Verwandte anzupumpen – oder sonstige Finanzierungsalternativen zu prüfen. So ging es auch Protonet aus Hamburg. Die beschafften sich die für Produktentwicklung und Vermarktung benötigten Finanzmittel auf der Straße. „Wir haben Privatmenschen angesprochen und innerhalb von nur 48 Minuten 200.000 Euro zusammenbekommen“, berichtet Thomas Reimers, bei Protonet für Marketing und Vertrieb zuständig. Protonet produziert in Deutschland Miniserver für kleine und mittlere Unternehmen.

SPENDIEREN NACH LAUNE

Das Kapital eingesammelt haben Reimers und seine Kollegen natürlich nicht, indem sie mit der Blechbüchse durch die Hamburger Einkaufszonen marschiert sind. Vielmehr haben sie wie zahllose andere Start-ups die Gemeinde potenzieller Unterstützer im Internet gefunden. Das Geheimnis des Werbens um Geld im World Wide Web nennt sich Crowdfunding – auf Deutsch Schwarmfinanzierung. Dabei stellen Personen oder Unternehmen ihre Produkte oder Projekte auf speziellen Online-Plattformen vor und geben an, wie viel Geld sie für die Realisierung ihrer Idee benötigen. Welche Beträge die Investoren am Ende spendieren, ist Sache des persönlichen Geschmacks und Geldbeutels: Zwischen fünf Euro und sechsstelligen Beträgen ist alles möglich.Streng genommen unterscheiden Experten bei der Schwarmfinanzierung zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting. Crowdfunding ist quasi ein Synonym für Geldgeschenk. Anders ausgedrückt: eine ganz gezielte, konkrete und zweckgebundene Spende. Die Gegenleistung besteht – wenn überhaupt – in Form von kleinen Sachgeschenken und immateriellen Gesten. Crowdinvesting dagegen bündelt eine Vielzahl von Mikroinvestoren, die ebenfalls ein paar Euro oder gleich größere Beträge zur Verfügung stellen. Damit erwirbt jeder einzelne Investor einen Anteil am Unternehmen und ist auch an möglichen Gewinnen oder bei einem Exit am Verkaufserlös beteiligt. Nicht zu vergleichen ist der Crowdinvestor indes mit einem echten Miteigentümer: Er wird nicht rechtlicher Teilhaber, sondern nimmt eine Position ein, die irgendwo zwischen Aktionär und Genussscheininhaber liegt. Klingt zunächst alles ein wenig nach einer Finanzierungsalternative, die noch in den Kinderschuhen steckt und bei der sich ein paar Tausend und im Höchstfall vielleicht – wie bei Protonet – wenige Hunderttausend Euro einsammeln lassen. Das ist keinesfalls so. Die Power der Crowd zeigt das Potenzial von Crowdinvesting. „Je bekannter Crowdinvesting wird, desto mehr Investoren werden sich für diese Finanzierungsform begeistern“, ist sich Joschka Rugo von der Crowdinvesting-Plattform Companisto sicher. 

GESCHENKE FÜR DIE GELDGEBER

Und es sind keinesfalls nur Hightech-Unternehmen, die Chancen auf eine fi nanzielle Unterstützung durch die Crowd haben. Auch für den Mittelstand ist Crowdfunding als alternative Finanzierung sinnvoll und machbar. „Besonders gut kommen greifbare Innovationen wie zum Beispiel der in Deutschland produzierte Miniserver Protonet an, aber auch das Projekt erdbär, das Bio-Snacks für Kinder anbietet, fand schnell begeisterte Investoren“, sagt Dana Melanie Schramm, die zum strategischen und operativen Kernteam von Deutschlands größter Plattform für Crowdfunding, Seedmatch, gehört. Das Wichtigste, ergänzt Rugo, sei eine innovative Idee, die potenzielle Investoren begeistern kann. „Beim Crowdinvesting sind wirtschaftliche Überlegungen von großer Bedeutung. Es geht darum, wie gut sich das Geschäftsmodell skalieren lässt und ob die Finanzplanung solide ist“, erklärt der Companisto-Mann. Den endgültigen Sprung vom Start-up zum Mittelständler will Protonet in diesen Tagen schaffen. Der 4. Juni war Starttag einer Crowdfunding-Aktion, über die das Hamburger Unternehmen in möglichst kurzer Zeit mindestens 1,5 Millionen Euro einwerben will. Der Deal, der über die Plattform Seedmatch abgewickelt wird, liest sich wie eine Mischung aus Crowdfunding und Crowdinvesting: Protonet verspricht auf der einen Seite einen Anteil am Gewinn und – was laut Reimers aktuell überhaupt nicht geplant sei – am möglichen späteren Verkaufserlös für das Unternehmen. Mehr noch: Wer den Hamburgern mindestens 2.000 Euro zur Verfügung stellt, erhält ein Produkt aus der Protonet-Serverfamilie. Crowdfunding als Finanzierungsalternative für Jungunternehmen – hier scheint es zu passen.

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