Nur die Größe zählt

Neue Anbieter haben es schwer im Zahlungsverkehr. Aber Paypal und Co. scheuchen die Banken auf.

Die riesige Werbeanzeige des Pekinger Kinos taucht die Straße abwechselnd in neongrünes, neongelbes und neonrotes Licht. Im Sekundentakt flackern auf dem Display die Namen der neuesten Blockbuster. Aber die 30-jährige Jiang Bo beachtet die Tafel gar nicht. "Im Internet kosten die Tickets nur einen Bruchteil vom Preis an der Abendkasse", erklärt die Pekingerin und zückt ihr Smartphone. Ein Wisch reicht aus, schon ist das Ticket gekauft. Die Eintrittskarte zum 3D-Film gibt es online für 9,90 Yuan (rund 1,50 Euro), am Ticketschalter kostet die Karte oft mehr als 100 Yuan (rund 15 Euro).

Getrieben von Rabattschlachten ist das Bezahlen per Smartphone über Apps wie Alipay oder Wechat unter Chinas technikaffiner Großstadtbevölkerung ein Renner. 63 Prozent der chinesischen Kinogänger kauften im ersten Quartal 2015 ihre Tickets im Netz, wie Analysis International ausgerechnet hat. Die Kampagne ist so erfolgreich, dass selbst Kinomuffel wieder in Vorstellungen gelockt werden.  Chinas Filmtheater verzeichneten im ersten Halbjahr einen Anstieg ihrer Umsätze um 49 Prozent, wie der Branchendienst Ent-Group berichtet.

Für die Rabattschlachten kommen die Internetriesen auf, die hinter den Apps stecken. Alipay gehört zu Chinas Amazon-Pendant Alibaba, Wechat zum Rivalen Tencent. Ihr Kalkül: Wenn Kunden ihr Konto mit dem eigenen Bezahlsystem verbunden haben, kaufen sie darüber später auch andere Produkte. Es herrscht ein Wettrennen um Marktanteile, Profite sind noch zweitrangig. Nach Meinung der Marktforscher von iResearch hat Alipay derzeit die Nase vorn.

Das chinesische Duell um die Bezahlhoheit begann schon 2012. Damals brachten Alibaba und Tencent die Taxi-Apps Kuaidi und Didi auf den Markt. Die Kunden köderten sie mit Rabatten von bis zu 100 Prozent. Wer in den Genuss der kostenlosen Taxifahrten kommen wollte, musste sein Bankkonto mit den Bezahlsystemen der Firmen verbinden. Auch Taxifahrer wurden mit üppigen Boni belohnt, wenn sie eine Mindestzahl von Fahrten am Tag mit den Programmen absolvierten. Heute sind die Rabatte verschwunden, aber Taxifahrer und Kunden zahlen weiter artig per Smartphone.

Kinoticket und Taxifahrten sind nur die Einstiegsdroge für den mobilen Finanzkosmos. Viele Restaurants akzeptieren bereits das Bezahlen per Smartphone. Auch die Stromrechnung und sogar das Krankenhaus kann in China per Wisch bezahlt werden.

Die Zahlsparte von Alibaba denkt bereits weiter. Ende Juni ist die Firma mit ihrem jüngsten Produkt MyBank zu einer Art Online-Bank aufgestiegen, die Kredite vergibt. Dafür spart sich die Firma eine aufwendige Risikoprüfung und nimmt lediglich das Bezahlverhalten über Alipay als Grundlage. Wer viel und rechtzeitig per Alipay bezahlt, wird von einem Algorithmus als kreditwürdig eingestuft. "Das könnte zu einer Goldgrube werden", sagt ein Banker. Denn in China gibt es kein flächendeckendes System, um die Kreditwürdigkeit von Privatkunden zu prüfen. Das Fernziel für Alibaba ist klar: Der Konzern will seine Dienste als wichtigste Zahlungsform etablieren und klassische Banken überflüssig machen.

Das amerikanische Pendant zu Alipay heißt Paypal. Beide Dienste fingen ähnlich an, indem sie eine Schwäche der heimischen Banken ausnutzen: Probleme bei Überweisungen. Während man sich in China bei der Bank anstellen musste, verschickten die Amerikaner Schecks. Zusätzliche Funktionen wie der Käuferschutz brachten den Erfolg über Landesgrenzen hinweg. Alipay expandiert langsam aus China heraus, Paypal dagegen ist schon in 203 Ländern präsent.  Beide zusammen wickelten 2014 rund die Hälfte des weltweiten Umsatzes im Onlinehandel ab.

Für die Banken ist das ein echtes Problem: Ihnen gehen nicht nur Gebühren verloren. Bei Alipay und Paypal fließt das Geld über ein virtuelles Konto und wird dem Geldkreislauf entzogen. Die Bank verliert die wertvollen Zahlungsinformationen über den Kunden.

Nicht nur Alipay, auch Paypal versucht mit einer App, die Dominanz im Internethandel auf das Bezahlen per Handy im Laden auszuweiten - das neue Wachstumsfeld. Bis 2017 soll der Umsatz der Handyzahlungen auf 720 Milliarden ansteigen, schätzt Goldman Sachs. In Deutschland sind viele noch skeptisch.  Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC zeigt: 88 Prozent befürchten, dass ihre Daten gehackt oder missbraucht werden. Fast genauso viele sehen eine Gefahr, dass ihr Handy gestohlen und mit den Bezahldaten Missbrauch getrieben wird. In anderen Ländern gibt es weniger Vorbehalte. Mit Alipay und Paypal konkurrieren bisher vor allem die Apps der Kartenfirmen Visa und Mastercard.  Doch nun tauchen neue schwergewichtige Wettbewerber auf: Apple und Google.  Apple Pay ist bereits in den USA und Großbritannien verfügbar.

Gut für die Banken: In der App werden Karten- oder Bankdaten hinterlegt, es gibt kein virtuelles Konto, so bleibt das Geld im Kreislauf. Allerdings haben Apple & Co. trotzdem Zugriff auf die Daten und nutzen sie unter anderem für Werbung. Außerdem kassieren die Tech-Giganten saftige Gebühren von den Banken.  Experten prophezeien den Tech-Giganten eine glänzende Zukunft, denn sie besitzen gegenüber Paypal, Alipay aber auch den Kartenfirmen einen Vorteil: Sie verfügen nicht nur über eine riesige Kundenbasis, sondern haben auch bereits die nötige Infrastruktur parat. Bezahlen ist einfach nur eine weitere Funktion des Handys. Paypal übt sich trotzdem in Optimismus: "Der Markt für mobiles Bezahlen steht noch relativ am Anfang, und wir denken, dass dieser Markt so groß ist, dass er Platz für mehr als eine mobile Bezahlmethode bietet", heißt es.

Für kleine Fintechs liegen die Hürden beim mobilen Bezahlen dagegen hoch. Der deutsche Anbieter Yapital, der zur Otto-Gruppe gehört, peilte bis 2015 eine Million Kunden an. Doch nach vier Jahren macht sich Ernüchterung breit: "Auf Konsumentenseite nähern wir uns inzwischen einer sechsstelligen Nutzerzahl", sagt Geschäftsführer Karsten Cornelissen. Otto sucht derzeit einen strategischen Investor.

Dabei ist die Idee von Yapital, dessen Handy-Bezahlverfahren sowohl im Internet als auch im Laden funktioniert, eigentlich gut. "Für die Händler wächst das Geschäft zusammen. Deswegen erwarten sie über kurz oder lang einheitliche Lösungen", sagt Andreas Martin, Vorstand beim Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR).

Nichtsdestotrotz zieht der Erfolg von Paypal und Alipay seit Jahren Fintechs in den Zahlungsverkehr. Allein in Deutschland gibt es derzeit über 40 Bezahl-Apps.  "Das ist verwunderlich, weil kaum eines dieser Unternehmen erfolgreich ist.  Die Nutzerzahlen liegen im homöopathischen Bereich", stellt Oliver Hommel, Zahlungsverkehrsexperte bei Accenture fest.

"Wenn ein Fintech in direkte Konkurrenz zur Bank tritt, muss es mit seinem Produkt schnell eine große Nutzerzahl erreichen", erläutert Bernd Richter von der IT-Beratung Capco. Das gelingt fast keinem. "Viele Bezahllösungen von Start-ups zielen nicht auf den Massenzahlungsverkehr. Sie lösen eher Einzelsituationen und substituieren Zahlungen, die vorher vielleicht in bar oder per Nachnahme beglichen wurden", sagt BVR-Mann Martin.

Dennoch gelingen einigen Fintechs Achtungserfolge. "Eine Möglichkeit ist, dass ein Fintech eine neue vorteilhafte Technologie entwickelt und an die Banken verkauft", sagt IT-Berater Richter. Ein deutsches Beispiel dafür ist Gini, eine Technik, mit der Rechnungsdaten per Klick in eine Online-Überweisung übertragen werden. Die Deutsche Bank und ING-Diba haben Gini bereits in ihre Banking-Apps implementiert.

Anderen Start-ups ist es gelungen, wie Paypal und Alipay eine Schwachstelle der Banken auszunutzen. Fintechs wie Transferwise oder Kantox haben bei Auslandsüberweisungen, die sie viel günstiger anbieten, eine Nische entdeckt.  Firmen wie Klarna bieten Rechnungskauf mit Zahlungsgarantie im Internet an. So entfällt das Risiko für den Händler, dass der Kunde die Ware nicht bezahlt. Und Sofortüberweisung, das von Klarna gekauft wurde, bot in Deutschland das erste bankunabhängige Direktüberweisungsverfahren an.

Die Klarna-Gruppe sieht sich sogar als Freund der Banken. "Wir wollen nicht die Endkunden abwerben, unsere Angebote laufen direkt über das Girokonto", betont Gerrit Seidel, verantwortlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Klarna.

Tatenlos zusehen, wie die neuen Anbieter den Zahlungsmarkt aufmischen, wollen die Banken trotzdem nicht. Die deutschen Institute entwickeln derzeit das gemeinsame Online-Bezahlverfahren "Paydirekt", das später auch mobil funktionieren soll. Dass die Banken eine Chance haben, wenn sie sich clever anstellen, zeigt der Blick in andere Länder: In Großbritannien beispielsweise wird "PayM" immer beliebter. Hier können Freunde einander Geld per SMS schicken. Ein kluger Schritt, so kamen die Banken der Paypal-Tochter Venmo zuvor, die in den USA extrem erfolgreich ist, aber auch wieder über ein virtuelles Konto funktioniert.

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