Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Die Bank im Supermarkt

Ein Edeka-Markt in Schleswig-Holstein rüstet seine Kassen auf und verwandelt sie in Geldautomaten.


Eine Szene, die sich Tag für Tag hundertfach in Städten wie Frankfurt abspielt: Kurz vor Ladenschluss noch schnell zu Rewe, ein Blitzeinkauf für 20 Euro und weil man schon mal da ist, hebt man gleich auch noch kostenlos 200 Euro an der Kasse ab. Das Angebot "Cash back" macht's möglich. Weil Rewe aber den Abhebebetrag auf den Einkauf draufbucht und der Kunde per EC-Karte zahlt, muss der Händler in diesem Fall 1,26 Euro Kartengebühr berappen. Ziemlich viel für die Lebensmittelbranche, die mit Margen von drei bis vier Prozent operiert.  Daher ist die Abhebesumme auch auf 200 Euro begrenzt.

Der Service von Rewe erspart also vor allem den Kunden den Gang zum Geldautomaten, dem Einzelhändler selbst nutzt das Angebot dagegen wenig. Genau das will Gerd Grümmer ändern. Der 54-Jährige leitet nicht nur einen Edeka-Markt in Boostedt, nördlich von Hamburg, er ist auch so etwas wie ein kleiner Bankier, der eine völlig neue Art des Bargeldkreislaufs ausprobiert, der nicht nur den Kunden Mühe spart, sondern sich auch für den Supermarkt rechnet.

In der 5 000-Seelen-Gemeinde betreibt der 54-Jährige einen hochmodernen Supermarkt: Digitale Preisschilder prangen an den Regalen. Leere Flaschen werden durchs Dachgeschoss über ein Fließband ins Lager transportiert, so dass im Markt kein Geschepper zu hören ist. Und nun hat Grümmer neue vollautomatische Kassen angeschafft, die in Wahrheit Geldautomaten sind, die ständig von den Kunden gefüllt werden. Das Geld für den Einkauf kassiert in Grümmers Supermarkt nicht mehr die nette Dame oder der nette Herr an der Kasse, sondern die Kunden füttern direkt die Automaten.

Als eine betagte Dame ihren Einkauf dort bezahlen will, kommt ihr die Edeka-Kassiererin zu Hilfe. "Lassen Sie mich, ich will das selber machen", sagt sie. Links in den Trichter kommt das Münzgeld, rechts in die Ablage die Scheine. Nicht schwer, denn der Automat kann zählen und gibt sogar Wechselgeld.  Grümmer ist froh, dass selbst ältere Kunden die Technik akzeptieren.  Umgekehrt können alle Kunden, die Bares brauchen, die Kassen als Geldautomaten nutzen, kostenlos und ohne Begrenzung.

Der Edeka-Chef weiß, wie gern die Deutschen bar bezahlen. Und das ist teuer für die Händler, weil sie die Geldtransporte von und zur Bank finanzieren müssen. "Cash back" kann die Fahrten reduzieren. Aber zum höheren Kartenentgelt kommt für die Supermärkte das tägliche Geldzählen, teure Fehlbeträge und die Versicherung für die Bargeldbestände. Und es vergehen Tage, bis das Geld auf dem Konto des Händlers gutgeschrieben wird.

"Viel besser wäre es doch, wenn wir das Bargeld im Supermarkt behalten", sagt Grümmer und die Bank es dem Händler direkt gutschreiben würde.

Dazu müssen Münzen und Scheine vor Ort recycelt werden, wie die Profis sagen.  Technisch ist das nicht einfach. "Die Software der Kasse muss mit der der Bank harmonieren", erklärt Grümmer. Und es braucht Kassen, die immer stimmen.  Deshalb wandert das Geld nicht mehr durch die Hände der Kassierer, sondern direkt in den Kassenautomaten.

Grümmers Hausbanken winkten, ab, aber die Postbank wagte das Experiment. Sie hatte Bargeld-Recycling bereits an Shell-Tankstellen erprobt. Und auch bei Edeka wurde es angenommen. "Die Kunden finden es praktisch, Bankgeschäft und Einkauf zu verbinden", sagt Andreas Otto, zuständiger Projektleiter bei der Postbank. Auszahlungen seien ohnehin die mit Abstand am meisten nachgefragte Leistung. Weil die Bank einen Geldautomaten weniger befüllen muss, gibt sie einen Teil der Ersparnis an den Supermarkt weiter. "Hier haben wir eine Win-win-Situation für beide Partner", sagt Otto.

Nach dem Erfolg des Piloten, stellt Grümmer derzeit seine anderen drei Märkte um. Und die Postbank optimiert ihre Software, so dass auch Einzahlungen aufs Konto oder Abhebungen vom Sparbuch möglich werden - am Tabakstand, damit's an der Kasse keinen Stau gibt. "Zusätzliche Dienstleistungen anzubieten, ist eine Möglichkeit, mehr Kunden in die Läden zu holen", glaubt Ulrich Binnebößel vom Handelsverband HDE.

Boostedt ist für die Postbank nicht billig. "Wir sind mit diesem Projekt ganz darauf ausgerichtet, in unsere Serviceoberfläche zu investieren", sagt Otto. Es sei eine Möglichkeit, gerade in ländlichen Regionen noch vorhandene "weiße Flecken" auszufüllen und den Kunden direkt im Alltag abzuholen. Mit weiteren Händlern ist die Postbank im Gespräch.

Auch Grümmer übt sich in Geduld. Bis er die 160 000 Euro Investitionen für die neuen Kassen rausgeholt hat, wird einige Zeit vergehen. Aber eine Rechnung geht schon auf: Der teure Geldtransporter der Bank kommt künftig nur noch einmal statt zweimal die Woche.
Mit zusätzlichen Dienstleistungen können wir mehr Kunden in die Läden holen.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Mut zur Nische

    Investorin Anastasia Borghardt will Popcorn ganz groß rausbringen. Was sie über Start-ups und der Suche nach der berühmten "Nadel im Heuhaufen“ zu sagen hat.

  • Online-Tischler Pickawood liefert Erfolgszahlen

    Was ist eigentlich aus Pickawood geworden, dem Startup, das vor zwei Jahren ein Crowdinvesting auf DUB erfolgreich durchgeführt hat?

  • Compliance in Zeiten der digitalen Transformation

    Warum ein grundlegender Wertewandel notwendig ist, lesen Sie hier.

  • Das haben wir doch schon immer so gemacht

    Die Bundesbürger mögen Beständigkeit, keine Innovationen. Das könnte zum Problem für die Unternehmen werden.

  • Spektakuläre Deals

    Bei Übernahmen werden oft völlig überzogene Prämien bezahlt. Warum eigentlich? Und sind Familienunternehmen auch betroffen?

  • Auf den Punkt flüssig
    Säumige Großkunden

    Alltag in deutschen Firmen: Kunden lassen viel Zeit mit den Zahlungen, die Außenstände gehen in die Millionen. Factoring kann Abhilfe schaffen.

  • Was Chefs nicht können

    Bei der Suche nach einem Nachfolger mangelt es den meisten Chefs an einer entscheidenden Fähigkeit.

  • "Weniger Bürokratie für Start-ups und kleine Gründer"

    Letztes Jahr lockerte das Bürokratieentlastungsgesetz (BEG) einige Regeln für Existenzgründer. 2017 könnte das BEG II noch einen draufsetzen. Ein Expertengespräch über die wichtigsten Neuerungen.

  • Stellen Sie sich vor
    Stellen Sie sich vor

    Das DUB UNTERNEHMER-Magazin stellt in der Ausgabe 2-2017 potenzielle Firmenkäufer vor. Zeigen Sie, wer Sie sind, und erhöhen Sie Ihren Bekanntheitsgrad – gratis.

  • Franchise wächst in Deutschland

    Zunehmend fehlen jedoch Partner und Nachfolger für bestehende Standorte. Die Branche hofft auf gründungswillige Migranten.

  • Wenn der Vater nicht mehr will – und die Kinder auch nicht
    Wenn der Vater nicht mehr will – und die Kinder auch nicht

    Immer mehr Familienfirmen suchen einen Nachfolger für den Inhaber. Das ist häufig eine komplexe Angelegenheit: Das liegt nicht nur an den Kindern, die oft ihre eigenen Wege gehen wollen.

  • Redakteur Eike Benn für das D unterwegs
    Baukastenprinzip

    Der Digitale Wandel offenbart Chancen. Beispiel: Neuerungen im Hard- und Software-Bereich versprechen, Effiienz und Umsatz zu erhöhen. Doch wie vermeidet man Fallstricke?

  • Franchise Marketing
    Franchisegeber und -nehmer: Arbeitsteilung beim Marketing

    Franchisenehmer haben einen starken Partner im Rücken. Ob Marke, Corporate Identity oder Raumgestaltung: Für viele Fragen halten sie professionelle Antworten parat.

  • Chinesen kaufen deutsche Unternehmen – auch kleine!
    Chinesen kaufen deutsche Unternehmen – auch kleine!

    Besonders eine Nation geht in Deutschland auf Einkaufstour: China. Das Verhalten der Investoren aus Asien hat sich dabei in letzten Jahren kräftig geändert.

  • David gegen Goliath

    Sich gegen einen Platzhirsch zu behaupten, ist schwer. Wie es funktionieren kann, zeigt das Beispiel Paydirekt.

  • GANG ZUR BANK
    Gang zur Bank

    Eine Neugründung ist kostspielig. Franchisegründer bekommen oft Hilfestellung durch ihr System, sollten aber unbedingt auch weitere Beratungsangebote annehmen.

  • Was Unternehmensberater kosten

    Beim Thema Unternehmensnachfolge kommen meist Berater zum Zuge. Mit diesen Kosten sollten Sie planen.

  • Die neue Erbschaftssteuer im Überblick

    Ein Experte erklärt die vier wichtigsten Regeln der neuen Erbschaftssteuer.

  • Besonders zu festlichen Anlässen rundet eine edle Uhr am Handgelenk den Auftritt ab
    Zeit fürs Wesentliche

    Uhren sind mehr als Zeitmesser. Viele Freunde hochwertiger Nobelticker schätzen sie als Schmuckstücke mit technischen Raffinessen.

  • Der große Franchise-Report
    Der große Franchise-Report – das sind die neusten Trends

    Wie finanzieren sich Franchise-Betriebe? Wie finden die Systeme neue Partner? Wie stark wachsen die Unternehmen? Eine Studie gibt Antworten.

  • Invest-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums
    So profitieren Gründer noch besser von Wagniskapital

    Deutschland ist kein Gründerland. Damit sich das ändert, hat das Bundeswirtschaftsministerium das Invest-Programm aufgepäppelt.

  • Hürzeler Bicycles
    Aufgesattelt

    Es gibt schönere Orte als das Fitnessstudio, um die Arbeit hinter sich zu lassen und den Akku aufzuladen. Unternehmer und Manager finden dazu gute Gelegenheit beim Radsport auf Mallorca.

  • Webinare Unternehmensnachfolge
    Webinar 1: Wie gestalte ich die Nachfolge?

    JETZT AUFZEICHNUNG ABRUFEN: 23. November 2016, 17 Uhr: Ein erster Überblick über Möglichkeiten der Nachfolgeplanung innerhalb und außerhalb der Familie. Wie gehe ich es an?

  • Webinare Unternehmensnachfolge
    Webinar 2: Unternehmenskauf - Einzelne Verfahrensschritte

    JETZT AUFZEICHNUNG ABRUFEN: 15. Dezember 2016, 17 Uhr: Von der Suche nach einem Käufer/Verkäufer bis zur faktischen Übergabe und Integration des Unternehmens.

  • BRL Webinare Unternehmensnachfolge
    Webinar 3: Kernthemen des Unternehmenskaufvertrages

    JETZT AUFZEICHNUNG ABRUFEN: 18. Januar 2017, 17 Uhr: Worauf Sie bei den Vertragsverhandlungen und der Gestaltung des Kaufvertrages besonders achten sollten.

  • Marketing-Tipps für Startups mit kleinem Budget

    Insbesondere Startups benötigen in der Anfangszeit viele Kunden, doch für ein effektives Marketing fehlt oftmals das Geld. Mit folgenden Tipps gelingt dies auch mit kleinem Budget.

  • Gründer gesucht
    Gründer gesucht

    Um die Gründerkultur in Deutschland ist es nicht gut gestellt. Eine Studie gibt Aufschluss und ein Unternehmer erzählt aus der Praxis.

  • Beratungsfalle Nachfolge

    Bei der Unternehmensnachfolge helfen Firmeninhabern spezialisierte Berater. Woran Sie einen seriösen Berater erkennen.

  • Multiples: Äpfel mit Äpfeln vergleichen
    Realer Unternehmenswert

    Mit Hilfe der Deutsche Unternehmerbörse DUB.de können Firmenchefs nun sehr viel genauer den Verkaufswert ihres Unternehmens berechnen.

  • Expansion im Franchise
    Mut zur Größe

    Weshalb Franchisenehmer in den Angriffsmodus schalten sollten.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick