Das Ende der großen Vorsicht

Seit der Krise horten Firmen Eigenkapital. Nun stehen bei Mittelständlern wieder Investitionen auf dem Plan. Sie wollen mutig sein. Kleinunternehmen aber zieren sich, zeigt die Studie Unternehmerperspektiven.

Natalie Mekelburger hat nächste Woche Freitag einen wichtigen Termin. Dann wird die Vorsitzende der Geschäftsführung der Coroplast Fritz Müller GmbH & Co. KG am Heimatstandort in Wuppertal eine neue Produktion für die Beschichtung technischer Klebebänder einweihen. Sie hat 35 Millionen Euro investiert. Das Unternehmen ist ebenso in den USA, in Polen und in China aktiv. In Zentralchina eröffnet der Hersteller von Klebebändern, Kabeln und Leitungsschutzsystemen für die Automobilindustrie bald den dritten Standort.

Auch Christian Schwarz stellt sich nicht die Frage, "ob, sondern wo" die Firmengruppe Zschimmer & Schwarz investiert. Der Zulieferer chemischer Substanzen für die Industrie investiert nicht nur in seinen Hauptsitz in Lahnstein, sondern auch in seine anderen 14 Produktionsstätten in weiteren 13 Ländern. "Wir wollen durchaus auch in Deutschland investieren und organisch weiter wachsen, aber letztlich entscheiden Energiepreise, Personalengpässe und die Wünsche der Kunden darüber", sagt Schwarz.

Seit der Finanz-und Wirtschaftskrise horten die Unternehmen Eigenkapital und investieren zögerlich. Doch nun stehen wieder Investitionen auf dem Plan. Das zeigt die Studie Unternehmerperspektiven, für die Infratest im Auftrag der Commerzbank bei mehr als 4 000 mittelständischen Firmen nachfragte. Demnach sind 53 Prozent der Unternehmen bereit, wieder langfristig zu planen und entsprechende Risiken einzugehen. Vor zwei Jahren waren es lediglich 38 Prozent.

Doch die Studie offenbart auch eine Zweiteilung des deutschen Mittelstands: International aufgestellte Unternehmen wie Zschimmer & Schwarz und Coroplast ziehen vor allem als Zulieferer großer Industrien mit ihren Kunden auch ins Ausland. Sie investieren in Produktionsanlagen, neue Produkte, Nutzungsrechte und Patente. Dagegen bescheiden sich viele kleinere Mittelständler und solche, die bislang nur in Deutschland aktiv sind, bei ihren Investitionsplänen. Sie erneuern zwar ihre Fuhrparks und rüsten ihre bestehenden Informations- und Kommunikationsstrukturen auf. Aber sie investieren im Schnitt weniger in neue Produkte oder Werke.

Jedes zweite Unternehmen investiert gleichermaßen in Erhalt und Wachstum des Betriebes. 14 Prozent der Befragten, darunter vor allem die großen international aufgestellten Mittelständler, investieren mehr oder sogar ausschließlich in Wachstum. Insgesamt sind die allermeisten Unternehmer ganz zufrieden mit ihren Investitionen. "Wir haben den Investitionsstau nach der Krise weit mehr als wettgemacht und in Projekte der Zukunft investiert", erklärt Mekelburger, die Coroplast seit 2006 führt. Das Investitionsvolumen der Coroplast-Gruppe sei bereits in den vergangenen drei Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau gewesen: "Wir wachsen weniger durch Zukäufe, sondern organisch aus eigener Kraft." Das Unternehmen setzte im vergangenen Jahr 358 Millionen Euro um und beschäftigt 5 000 Mitarbeiter, davon 700 in Wuppertal.

Die Studie zeigt aber auch, dass die gleichzeitig befragten 70 Ökonomen deutlichen Nachholbedarf beim Thema Investitionen sehen, wenn sie auf den gesamten Mittelstand schauen. Mehr als die Hälfte von ihnen mahnt mehr Investitionen in Wachstum an, und etwas weniger als die Hälfte hält auch die Ersatzinvestitionen noch nicht für ausreichend.

Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, sieht bei den deutschen Unternehmen ebenfalls Nachholbedarf (siehe Interview), denn die Investitionen deutscher Unternehmen in Innovation und Wachstum lägen im globalen Vergleich hinten. "Dass Vorsicht dominiert und offenkundig die Fantasie fehlt, muss Sorgen machen", sagte der Schirmherr der Studie. Bemerkenswert ist, dass die Attraktivität der Schwellenländer im Mittelstand etwas nachgelassen hat. Nur 19 Prozent der Befragten erwarten in den Brics-Staaten zusätzliches Geschäftspotenzial, zeigt die Studie. Auch Zschimmer & Schwarz investiert zurzeit vor allem in Europa sowie in Amerika. Die Firmengruppe mit Hauptsitz in Lahnstein blickt auf eine 120-jährige Firmengeschichte zurück und setzte 2013 rund 500 Millionen Euro um.

Die Umfrage offenbart außerdem, was viele Mittelständler als ihre größten Risiken betrachten: Dazu zählen branchenübergreifend die Energiewende, die Digitalisierung und der Fachkräftemangel. Noch gelingt es ihnen aber nur bei der Digitalisierung, in ihr auch positive Impulse für künftige Geschäfte zu sehen. Offenbar ist das Thema Industrie 4.0 auch noch nicht im breiten Mittelstand als Chance entdeckt worden. Nur 24 Prozent können sich positive Impulse für ihr Geschäft vorstellen - bei den Innovationsführern sind es fast 40 Prozent.

Das Verhältnis zu den Banken ist nach wie vor verbesserungswürdig, zeigt die Umfrage. Zwei Drittel der befragten Unternehmen wollen ihre Investitionen ohne Fremdkapital von Banken und Sparkassen stemmen. Zu dieser Gruppe zählt sich auch Zschimmer & Schwarz, wie Schwarz erklärt. Auch beim Thema Finanzierung zeigt sich der Studie zufolge eine Zweiteilung des Mittelstands: Während die erfolgreichen Unternehmen es sich leisten können, bei ihren Wachstumsinvestitionen auf Bankkredite zu verzichten, bekommen andere gar keine Chance zu wachsen, vor allem Unternehmen, die eher im Handel, in der IT- oder der Kreativwirtschaft arbeiten. "Versuchen Sie doch mal, in Mitarbeiter zu investieren", sagt ein Unternehmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Bank helfe nicht, wenn etwa Softwareunternehmen gute Leute brauchen. "Die finanziert 100 Laptops, kein Problem, aber Mitarbeiter?"

Damit spricht der Unternehmer ein Thema an, das eine überwältigende Zahl der Mittelständler umtreibt - vom großen bis zum kleinen: der Fachkräftemangel. Deshalb investieren 91 Prozent der Befragten in die Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, und fast zwei Drittel sehen bei diesem Thema weiteren Investitionsbedarf. 86 Prozent investieren in die Optimierung ihrer Arbeits- und Organisationsstruktur und drei Viertel der Befragten in die Rekrutierung neuer Mitarbeiter. Aber genau diese werde von Banken nach wie vor nicht gern finanziert, sagt der anonyme Unternehmer. Oder, wie er es formuliert: "Die Bank will so viele Sicherheiten und Rechte aus dem Unternehmen, dass ich lieber von der Mitarbeiteraufstockung Abstand genommen habe.

 

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