Exklusiv-Interview: „Agilität ist der Schlüssel“

Flugtaxis als digitales Leuchtturmprojekt?

Learning by doing: Dorothee Bär fordert dazu auf, Gewohntes infrage zu stellen und dem Thema Digitalisierung offensiv zu begegnen.

Learning by doing: Dorothee Bär fordert dazu auf, Gewohntes infrage zu stellen und dem Thema Digitalisierung offensiv zu begegnen (Foto: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)

Haben Sie einen Masterplan für die Digitalisierung?

Bär: Vielleicht sollten wir den Begriff Masterplan nicht überstrapazieren. Die Frage ist doch, brauchen wir Pläne, die 20 oder 30 Jahre in die Zukunft reichen? Das würde die Dynamik der Digitalisierung sowie die dringend nötige agile Herangehensweise ad absurdum führen. So wie eine Software per se nie fertig ist, wäre ein Masterplan für die Digitalisierung ein Widerspruch in sich. In der digitalen Transformation lernen wir jeden Tag dazu – und können heute nicht wissen, was in zwei oder drei Jahren konkret gefordert ist. Agilität ist der Schlüssel, nicht Planwirtschaft.

Absehbar ist aber, dass Digitalisierung und Auto­matisierung den Arbeitsmarkt stark beeinflussen werden – insbesondere, was gering qualifizierte Tätigkeiten angeht. Aus Kreisen der Opposition wird empfohlen, über das bedingungslose Grundeinkommens zu diskutieren. Stimmen Sie zu?

Bär: Die Debatte verkennt, dass wir bereits ein Grundeinkommen haben, das unser soziales Sicherungssystem gewährt. In Deutschland muss niemand auf der Straße leben. Und jeder wird durch das soziale Netz aufgefangen, es sei denn, er entscheidet sich dagegen. Ich bin eher dafür, eine ­Gerechtigkeitsdebatte über die Arbeitsbedingungen zu führen, die wir stellen­weise haben. Warum etwa wird eine Leistung, die von Menschen erbracht wird, schlechter bezahlt als die Leistung einer Maschine? Da kann man eher ansetzen, das halte ich für konstruktiv.

Zum Amtsantritt haben Sie Flugtaxis als digitales Leuchtturmprojekt ins Spiel gebracht. Das wird immer wieder mal von der Kritik aufgespießt, die eher den Netzausbau als vorrangig ansieht. Ärgert Sie das?

Bär: Nein, aber für diese Art zu denken habe ich wenig Verständnis. Das eine darf das andere doch nicht ausschließen! Wir können nicht warten, bis die Infrastruktur perfekt ist, und uns dann erst über revolutionäre Geschäftsmodelle Gedanken machen. Das muss gleichzeitig passieren. Sonst verlieren wir zu viel Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein Jungfernflug mit einem Lufttaxi noch in dieser Legislaturperiode stattfinden wird. Dass der eine oder andere mein Statement belächelt hat, ficht mich nicht an. Eine ähnliche Haltung gab es früher bei der Einführung der Eisenbahn. Und Bertha Benz wurde auf ihrer Jungfernfahrt mit einem Auto auch schräg ange­schaut. Es gibt ja die Theorie, dass der Mensch alles, was da ist, als selbstverständlich wahrnimmt, aber alles andere, was seine Vorstellungskraft übersteigt, als Utopie. Wobei wir bei Flugtaxis längst nicht mehr über eine Utopie oder Vision reden: Sie sind bereits Realität. Jüngere Menschen haben hier übrigens weniger Berührungsängste, sie finden Flugtaxis mehrheitlich spannend und schreiben mir das auch.

Auch beim Thema autonomes Fahren scheiden sich noch die Geister.

Bär: Auch dort gibt es viele diffuse Ängste. Ich habe mich in der letzten Legislaturperiode im Bundesverkehrsministerium mit der Reform des Fahrlehrerwesens beschäftigt. Auch da gab es eine große Spreizung: Einige Fahrlehrer waren für die digitale Revolution offen und wollten etwa spezielle Technikkurse für Fahrschüler anbieten. Nach dem Motto: Je mehr Technik, desto mehr Chancen. Andere Kollegen hatten in erster Linie Furcht davor, dass ihr Job bald wegfällt, da die Autos ja dann selbst fahren.

Was zeigt, dass ein wichtiger Wegbereiter der Digitalisierung vor allem die richtige Kommunikation ist.

Bär: Genau, und wir müssen Use-Cases für jeden Einzelnen schaffen. Die digitale Transformation bietet für alle riesige Chancen, aber nicht alle Aspekte passen für jeden gleichermaßen. Eine 80-jährige Frau hat andere Vorteile von einem selbstfahrenden Auto als eine 35-jährige Mutter oder ein Fahranfänger. Manche Themen sind jedoch von übergeordneter Relevanz, zum Beispiel Verkehrssicherheit. Wir beklagen jedes Jahr neben den vielen Schwer- und Leichtverletzten immer noch mehr als 3.000 Verkehrstote in Deutschland – menschliches Versagen ist dafür der Hauptgrund. Ein Algorithmus jedoch trinkt nie zu viel Alkohol, ist nie übermüdet und lässt sich nicht ablenken. Letztendlich verringert das autonome Fahren nicht nur drastisch die Unfallzahlen, sondern steigert zudem die Lebensqualität. Denken Sie daran, was Sie auf der Autofahrt alles tun können: Arbeit erledigen, lesen oder mit Ihren Kindern im Auto Karten spielen.

Teil 1: Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales

Teil 2: Flugtaxis als digitales Leuchtturmprojekt?

Teil 3: Dorothee Bär über Vorteile der Digitalisierung

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