Vom Hype zur Realität

Den Spirit der Start-ups hinterfragen

Führungskräfte müssen lernen zu differenzieren: Hype hin oder her – nicht alles, was Start-ups vorleben, ist unreflektiert zu übernehmen. Wo sie abwägen sollten, sagt TK-Chef Dr. Jens Baas in seinem Gastbeitrag.

Agil arbeiten, schnell wachsen: Konzernchefs können vom Austausch mit Gründern profitieren

Agil arbeiten, schnell wachsen: Konzernchefs können vom Austausch mit Gründern profitieren (Bild: Getty Images/lankogal)

Zugegeben: Manch lang gedienter Manager blickt bisweilen mit gewissem Neid auf die vielen Mitte 20-Jährigen, die heute schneller ein Start-up gründen als ein Auto kaufen. Es scheint in solchen Momenten, als würde sich der alte Spruch bewahr­heiten, nach dem die einen die Mittel haben und die anderen den Mut – die einen Stabilität und Überblick, die anderen Ideen und Abenteuergeist.

Mut, Ideen und Abenteuergeist sind oft der Zündfunke für Start-ups. Das Unternehmen wird dann mit extrem engagierten Mitarbeitern in Strukturen auf­gebaut, die ganz anders sind als die „klassischer“ Unternehmen – und auf diese paradiesisch wirken.

Aber gerade hier liegt auch eine Gefahr: Die Manager der etablierten Unternehmen sollten dem Hype um die Kultur der Jungunternehmen nicht blauäugig verfallen, sondern mit kritischem Blick herauslesen, was sie von ihnen lernen können – und was besser nicht. Wie das geht? Indem sie anhand von zwei zentralen Faktoren messen, inwiefern sich die Start-up-Kultur auf das eigene Haus übertragen lässt: am Wert der Arbeit und an der Organisation von Arbeit.

Vom Wert der Arbeit

Den Wert der Arbeit hat im Start-up-Spirit wohl niemand so gut auf den Punkt gebracht wie Apple-Gründer Steve Jobs: „Deine Arbeit wird einen großen Teil deines Lebens ausmachen. Der einzige Weg, wirklich zufrieden zu sein, ist, Arbeit zu tun, von der man glaubt, dass es großartige Arbeit ist. Und der einzige Weg, großartige Arbeit zu leisten, ist zu lieben, was man tut.“ So Jobs’ Botschaft an die Absolventen der Stanford University im Jahr 2005.

Das Video von Jobs’ Rede sollte Pflichtprogramm für Führungskräfte sein: Denn ihre Aufgabe ist es, jene Mission von „großartiger Arbeit“ wieder auszugraben, die einst am Anfang vieler heute etablierter Organisationen stand. Bei der TK zum Beispiel lautet die Mission seit mehr als 100 Jahren: beste Versorgung für unsere Versicherten.

In anderen Unternehmen mag es die beste Technik, die Vernetzung möglichst vieler Menschen oder jede andere denkbare Botschaft sein. Zentral ist: Ein Unternehmen braucht ein klares und motivierendes Ziel, hinter dem die Mitarbeiter stehen. Wenn ich mit Kollegen spreche, besteht über unsere Mission absolute Einigkeit. Und doch fällt auf, dass nicht alle diesen Wert in ihrer alltäglichen Arbeit auch erleben.

Die IT-Expertin hat vielleicht noch nie (beruflich) mit einem Versicherten gesprochen. Und der Sachbearbeiter hat manchmal so viele Verwaltungs­details auf dem Tisch, dass er Gefahr läuft, die ­Mission aus den Augen zu verlieren. In anderen Unternehmen ist es ähnlich: Die Beschäftigung mit Einzelheiten versperrt nicht selten den Blick auf das große Ganze.

Teil 1: Den Spirit der Start-ups hinterfragen

Teil 2: Verschmelzung von Freizeit und Arbeit?

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