Vom Hype zur Realität

Verschmelzung von Freizeit und Arbeit?

Dr. Jens Baas arbeitete als Chirurg, ehe er 1999 zur Unternehmensberatung Boston Consulting Group ging.

Dr. Jens Baas arbeitete als Chirurg, ehe er 1999 zur Unternehmensberatung Boston Consulting Group ging. Seit Januar 2011 ist er im Vorstand der Techniker Krankenkasse, im Juli 2012 wurde er Vorstands­vorsitzender (Foto: PR)

Unsere Aufgabe als Führungskräfte ist es daher, die Mission unserer Organisation, die oft unter tausend Schichten Arbeitsteilung vergraben liegt, wieder sichtbar zu machen und in den Mittelpunkt der Aktivitäten zu stellen. Denn nur wenn wir eine Mission haben, die alle teilen, können unsere Mitarbeiter und wir lieben, was wir tun. Hier heißt es, von Start-ups zu lernen.

Beruf und Privatleben verschmelzen

Viele Jungunternehmen gehen beim Wert der Arbeit aber noch deutlich weiter. Ihre Maxime ist: „Wir sind, was wir arbeiten – und wollen durch ­unsere Arbeit unser ‚wahres‘ Selbst verwirklichen.“ Das sehe ich ­kritisch. Ungeteilte Zeit – wie für Freunde und Familie – scheint nicht mehr notwendig. Das Unternehmen übernimmt diese Rollen. Ergo: Man kann rund um die Uhr arbeiten und kommt scheinbar der lang ersehnten Selbst­erfüllung immer näher.

Wer den Campus einer der großen kalifornischen Tech-Firmen besucht hat, weiß, mit welchen Gratisangeboten von Restaurants über Sporteinrichtungen und Fahrradshops bis hin zu medizinischen Diensten dort auf das Verschmelzen von Freizeit und Arbeit abgezielt wird.

Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Und zwar nicht nur, weil die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit für die Gesundheit unverzichtbar ist, sondern weil jeder von uns eine kritische Distanz zu seinem Job braucht. Und zwar gerade dann, wenn wir unsere Arbeit lieben.

Denn eine solche Distanz versetzt uns in die Lage, den Blick zu weiten. Hätte Steve Jobs sich nur fürs Programmieren inte­ressiert, hätte er wohl nie etwas über Kalligrafie gelernt – und Technik-Gadgets hätten wahrscheinlich immer noch den Appeal eines Schuhkartons. Und Apple würde es in seiner heutigen Bedeutung ganz sicher nicht geben.

Die Start-up-Kultur muss sich zudem an der Organisation von Arbeit messen lassen. Auch hier ist zunächst viel zu lernen. Kaum ein größeres Unternehmen, das sich heute nicht einen „Incubator“ oder ein „Lab“ leistet. Die agile Arbeitsweise von Start-ups wird übernommen. Das Ziel: mit einer Vielzahl von Instru­menten die Fähigkeit von Organisationen erhöhen, res­ponsiv zu sein, sprich: schneller zum Beispiel auf neue technologische Entwicklungen zu reagieren.

Die Organisation der Arbeit heißt, den Einzelnen im Team in seinen kritischen und kreativen Fähigkeiten zu stärken. Dies ist sicher einer der Vorteile der Start-up-Kultur. Während lange Zeit der Fokus vieler Unternehmen rein auf Effizienzsteigerung durch Arbeitsteilung lag, schwingt nun das Pendel wieder in Richtung holistisch ausgerichteter Prozesse und Organisationen aus.

Mit dem im Idealfall unschlagbaren Vorteil, dass die wirtschaftlichen Interessen des Unternehmens und ein hohes Maß an Mitarbeiter-Selbstbestimmung nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich gegenseitig sogar verstärken.

Neues und altes verbinden

Bei aller Euphorie dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, den Wert dessen (an)zuerkennen, was wir bereits erarbeitet haben und was (gesund) gewachsen ist. Oft schwingt heute der Unterton mit, dass alles, was wir bislang entwickelt haben, ein alter Hut wäre. Das ist ­kurzsichtig. Große Organisationen sind oft das Ergebnis einer langen Entwicklung. Strukturen und Verantwortungsketten, Professionalität im Umgang mit Kunden, langfristige Planungsprozesse, die organisatorische Speicherung positiver Erfahrungen – all dies hat auch in Zukunft noch seinen Wert.

Die Managementkunst besteht darin, dies nicht alles wegen des Hypes um eine moderne Start-up-Kultur über Bord zu werfen. Es gilt zu prüfen, wo neue Ansätze den alten überlegen sind – und wie Neues und Altes zu etwas Besserem miteinander verknüpft werden können. Ich bin froh, dass wir in Deutschland so etwas wie eine neue Gründerzeit erleben.

Wir tun gut daran, offen für das zu sein, was Start-ups uns lehren können: Kultur, Begeisterungsfähigkeit, Arbeitsethik. Was heute klein anfängt, könnte schon morgen das Rückgrat unseres Wohlstands bilden. Damit es so kommt, sollten wir aber auch kritisch bleiben und ­erkennen, was sich über die Zeit bewährt hat. Das ­Ergebnis ist dann zwar nicht mehr das erträumte ­Paradies, aber eine umso schönere Realität.

Teil 1: Den Spirit der Start-ups hinterfragen

Teil 2: Verschmelzung von Freizeit und Arbeit?

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