Vordenker Medienbranche: Lesen On-Demand

Die Zukunft des Journalismus

Welche Zusatzservices entlang der ursprünglichen Dienstleistung können und wollen Sie künftig anbieten?

Hedengren: Wir sind gerade dabei, die Einführung eines neu entwickelten Artikel-Feeds zu planen. Das Feature heißt "Popular Articles" und soll den Lesern erleichtern, neue Titel zu entdecken. Die Beta-Version ist derzeit für rund zehn Prozent der britischen Nutzer auf ihrem Handy verfügbar. Es ist geplant, dass es im nächsten Jahr in Deutschland eingeführt wird. Die Produktentwicklung hat für uns oberste Priorität. Wir befassen uns auch bereits mit der Kuration von Inhalten und Audiooptionen.

Im März kündigten Sie an, auch Tageszeitungen von Axel Springer in Ihr Portfolio aufzunehmen, darunter „Bild“, „Welt“, „Welt Kompakt“ und „B.Z.“. Anfang August stellten Sie die Titel dann wieder ein. Warum das rasche Ende?

Hedengren: Axel Springer hat mit dem Angebot von Tageszeitungen auf Readly die Flatrate-Umgebung als einen möglichen Vertriebskanal getestet. Dass der Verlag diese Vertriebsmöglichkeit eingestellt hat, gibt Zeit, den digitalen Vertrieb der letzten Monate zu evaluieren. Auf der Readly-Plattform befinden sich weiterhin die vier Axel Springer Wochenzeitungen BILD AM SONNTAG, WELT AM SONNTAG, WELT AM SONNTAG Kompakt, B.Z. am Sonntag sowie über 20 Zeitschriften-Titel von Axel Springer.

Wieviel Start-up-Spirit steckt noch im Unternehmen (auch wenn vielleicht eher schon um ein Scale up handelt) und wie äußert sich dieser?

Hedengren: Auch, wenn wir uns als Scale-Up mit einem bewährten Geschäftsmodell und signifikantem Umsatzwachstum bezeichnen, haben wir einen guten Teil unseres Start-up-Geistes beibehalten. Wir erleben ein schnelles Wachstum und führen Readly kontinuierlich in neue Märkte ein. Das Gefühl, in weiteren Ländern zu starten, lässt den Start-up-Geist ganz schnell aufkommen!

Wie kann und sollte eine zeitgemäße Führungskultur im Zeitalter des Wandels (nicht nur des digitalen) aussehen? Welche Rolle räumen Sie dem viel diskutieren Thema Diversity in einer modernen Führung ein? Gerade Deutschland wird hier viel Nachholbedarf attestiert.

Hedengren: Die Führungskultur ist heute ganz anders als in der Vergangenheit, viel weniger von oben nach unten. Jeder im Team spielt eine ebenso wichtige Rolle - unabhängig von der hierarchischen Einstufung. Daraus entsteht eine vertrauensvolle Unternehmenskultur - für mich der Schlüssel zum Erfolg in der heutigen Arbeitswelt. Ich habe keine persönliche Berufserfahrung in Deutschland. Für Readly kann ich sagen, dass Vielfalt in jeder Hinsicht eine große Rolle spielt. Gleichstellung ist von strategischer Bedeutung. Unser Abonnentenprofil ist ausgewogen zwischen Männern und Frauen aus über 50 Ländern, und deshalb ist es wichtig, dass wir das Produkt so entwickeln, dass es dies berücksichtigt. Wir haben derzeit eine 40/60 Aufteilung zwischen Frauen und Männern, die bei Readly arbeiten, und das Team setzt sich zusammen aus über zehn Nationalitäten. Bei uns fand kürzlich eine Veranstaltung statt, bei der wir ein schwedisches Technologie-Netzwerk für Frauen zu uns eingeladen haben. Frauen sind in der Technologiebranche unterrepräsentiert. Jedes Unternehmen hat die Verantwortung, Frauen in die Technologie zu holen, sie dort zu halten und zu fördern.

Wie sieht die Zukunft des Journalismus Ihrer Meinung nach aus? Was halten Sie vom Roboter-Journalismus?

Hedengren: Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Menschen und die Fülle an Informationen aus teilweise fragwürdigen Quellen wird voraussichtlich weiter zunehmen. Allerdings ist und bleibt der Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Glücklicherweise sehen wir ein steigendes Bewusstsein bei den Lesern dafür. Ich glaube, dass Verlage, die sich weiterhin auf ihre Kernaufgabe konzentrieren, qualitativ hochwertige Inhalte zu produzieren, und gleichzeitig die Realität annehmen, dass die digitale Welt der Ort ist, an dem sie ihren Lesern begegnen werden, diejenigen sind, die langfristig erfolgreich sein werden. Die Unterstützung der Leser bei ihrer Suche nach für sie geeigneten Informationen, z. B. durch die Erschließung von Zielgruppen mit Nischeninteressen, ist ein Beispiel für die Strategie, an die wir fest glauben.

Das Unternehmen: Der schwedische Lese­flatrate-Anbieter Readly ist seit 2014 im deutschen Markt aktiv und offeriert eine Magazin- und Zeitschriften-bibliothek mit mehr als 4.300 Titeln in 16 Sprachen.

Teil 1: Digitalisierung des Zeitschriftenmarkts

Teil 2: Die Zukunft des Journalismus