„Neue Dimension“

Medizin der Zukunft: Krankheiten mit Künstlicher Intelligenz entschlüsseln

Dr. Friedrich von Bohlen will mit Molecular Health das molekularmedizinische Weltwissen integrieren und intelligent nutzen, um Krankheiten präzise zu behandeln und die Gesundheit besser zu schützen.

Bio-Marker-Muster: Entscheidender Baustein für die Behandlung
Bio-Marker-Muster:
Entscheidender Baustein für die Behandlung (Foto: Getty Images/ktsimage)

Wer Friedrich von Bohlen zuhört, den beschleicht das Gefühl: Digitaler Fortschritt ist in der Medizin nicht aufzuhalten. Der Chef des Bioinformatik-Unternehmens Molecular Health, an dem Milliardär Dietmar Hopp beteiligt ist, spricht von einem Tsunami, der auf uns zukommt. Künftig sollen Ärzte völlig anders arbeiten als heute. Es kommt weniger aufs Bauchgefühl, mehr auf Massen von Patienteninformationen in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz an. Diese Kombination soll Diagnosen und Therapien beeinflussen und Heilungschancen dramatisch erhöhen. Der Schlüssel: alle molekularen und klinischen Daten. Die sammelt, kuratiert und integriert Molecular Health seit 15 Jahren.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Ihr Unternehmen ­Molecular Health versucht, molekulare Informationen für Ärzte und Patienten so verfügbar zu machen, dass darauf basierend eine deutlich bessere ­Prävention sowie präzisere Diagnosen und Behandlungen möglich werden. Wer aber heute zum Arzt geht und ein Faxgerät surren hört, tut sich schwer damit, daran zu glauben. Man hat eher das Gefühl, dass diese zwei Welten noch sehr weit voneinander entfernt sind.

Dr. Friedrich von Bohlen: Und trotzdem wird es so kommen. Die Therapien werden immer mehr dynamischen Leitlinien und Algorithmen folgen. Das Ver­stehen der molekularen Prädisposition, also zum ­Beispiel unserer erblichen Veranlagung, kommt wie ein Tsunami auf uns zu. Wir stecken in der Medizin am Anfang einer Revolution, die fast vergleichbar ist mit dem Zeitpunkt, als für die Physik die Zahlen entdeckt wurden.

Welche Chancen sehen Sie?

von Bohlen: Die Molekularbiologie eröffnet eine völlig neue Erkenntnisdimension. Sie ist entscheidend für das Verstehen von „gesund“ und „krank“ und für präzise Diagnosen und Behandlungsunterstützung. Nutznießer sind zum einen Gesunde, weil sie über das Verstehen von „gesund“ sowie individuelle Vorsorge und ihr Verhalten lange nicht krank werden, vor allem aber Patienten, weil sie in Zukunft viel höhere Heilungschancen haben, wenn Ärzte in der Lage sind, alle Informationen und damit auch molekulargene­tische Information präzise im jeweils individuellen Kontext einer Erkrankung zu verstehen.

Heute hakt es ja schon daran, die richtige Diagnose zu stellen.

von Bohlen: Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Onkologie. Wir haben in Deutschland 600.000 neue Krebsfälle pro Jahr. Die Hälfte kann gut geheilt wer- den, aber die anderen 300.000 sind problematisch. Der Erstbehandlungserfolg liegt hier bei nur 25 Prozent, weil meistens das präzise molekulare Verständnis der Erkrankung fehlt. Erschwerend kommt der Zeitfaktor hinzu, denn eine falsche Behandlung verschlimmert ja die Situation des Patienten. Oder anders: Die gleiche Therapie bei zwei Patienten, die vermeintlich dieselbe Krankheit haben, kann völlig unterschiedlich anschlagen. Der eine wird geheilt, dem anderen schadet es, weil sein Bio-Marker-Muster nicht bekannt war und man deshalb nicht erkennen konnte, welches Medikament wie wirkt. Bio-Marker-Muster kann ich aber nur über molekulare Analysen erkennen. Das ist der wohl entscheidendste Baustein für eine anschließende erfolgreiche Behandlung.

Wie häufig passiert das aktuell in Deutschland, zum Beispiel im Vergleich mit den USA?

von Bohlen: Aktuell werden in Deutschland etwa zwei Prozent der Krebspatienten so profiliert, in den USA sind es rund zehn Prozent.

Teil 1: Medizin der Zukunft: Krankheiten mit Künstlicher Intelligenz entschlüsseln

Teil 2: Big Data Tsunami: Die Lage des deutschen Gesundheitswesens