„Neue Dimension“

Big Data Tsunami: Die Lage des deutschen Gesundheitswesens

Dr. Friedrich von Bohlen und Halbach </strong> ist CEO des Bioinformatik-Unternehmen Molecular Health
Dr. Friedrich von Bohlen und Halbach
ist CEO des Bioinformatik-Unternehmen Molecular Health (Foto: PR)

Wird der Arzt irgendwann überflüssig, weil der datengespeiste Superdoktor-Roboter dann alles besser kann?

von Bohlen: Nein, aber es werden viele Ärzte wegfallen, die diese Methoden nicht anwenden. Ärzte müssen sich diesem Fortschritt öffnen, weil an der Kombination molekularer Daten und Künstlicher Intelligenz kein Weg vorbeiführt. Und weil kein Arzt 12.000 Krankheitsbilder im Kopf haben kann. Ich finde es fahrlässig, wenn in der Onkologie heute ein Arzt keine molekulare Profilierung anordnet.

Spürt man den Fortschritt schon an den Universitäten? Wie wichtig ist das Thema aktuell im Medizinstudium?

von Bohlen: Ich fürchte, das steckt noch in den Anfängen. Es gibt zwar Universitäten, die sich im Medizinstudium an Computing oder Künstliche Intelligenz herantasten. Aber die meisten haben das überhaupt nicht im Angebot.

Das Ziel Ihres Unternehmens Molecular Health ist es, diese Entwicklung zu beschleunigen. Wie kommen Sie an die Informationen heran, und wie schaffen Sie dann die Qualität für Ihr Referenz-Datenbanksystem?

von Bohlen: Die größte Herausforderung sind die Daten selbst. Daten gibt es viele, aber sie sind heterogen und dirty, sie müssen also erst einmal kuriert werden. Wir nutzen 150 verschiedene Datenbanken, zerlegen die Daten, kurieren und integrieren sie dann nach Themengebieten. Wir bauen in etwa das, was die Satelliten für GPS sind. In Heidelberg sind wir 120 Mitarbeiter, davon arbeiten 65 in der Entwicklung und 15 im Qualitätsmanagement. Außerdem beschäftigen wir etwa 200 externe Mitarbeiter in Indien, die nichts anderes machen, als die Datenqualität sicherzustellen. Unsere Kunden sind Ärzte und die Pharma­industrie.

Sie haben anfangs von einem Tsunami gesprochen. Was bedeutet das für die deutsche Industrie?

von Bohlen: Die große Frage für Deutschland lautet: Kaufen wir am Ende die Technologie aus den USA oder China – oder bauen wir sie selbst? Dahinter steckt auch die Frage nach der Primärwertschöpfung. Wir brauchen innovative Unternehmen in Deutschland, die hier ihre Steuern zahlen. Nur so können wir den Wohlstand auf Dauer erhalten, den wir ja nicht mehr verlieren wollen.

In Deutschland hört man bei dem Thema Genom meistens zuerst das Wort ...

von Bohlen: ... Datenschutz – und das ist auch sehr wichtig. Wir reden hier über den Code of Life. Wer möchte den in falschen Händen wissen? Auf der anderen Seite ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten. Es gibt demnächst einen USB-Stick, auf den man spuckt, und dann hat man sein Genom. Für 299 Euro. Gesunde und Kranke generieren so in der Zukunft ihre Daten für diese Transformation, und beide wer- den dadurch auch die größten Nutznießer sein.

Teil 1: Medizin der Zukunft: Krankheiten mit Künstlicher Intelligenz entschlüsseln

Teil 2: Big Data Tsunami: Die Lage des deutschen Gesundheitswesens