„Die Spatzen pfeifen lassen”

Was Manager von Mönchen lernen können

Die Benediktsregel strukturiert seit 1.500 Jahren das Leben im Orden. Auch der ehemalige Mönch Anselm Bilgri hat sich jahrzehntelang daran orientiert. Im Interview erklärt er, warum das Regelwerk auch auf heutige Führungsherausforderungen passt.

Kein Stress: Fernöstliche Methoden helfen, um auf andere Gedanken zu kommen
Kein Stress:
Fernöstliche Methoden helfen, um auf andere Gedanken zu kommen (Foto: Getty Images/4X-image)

Nach 30 Jahren ein komplett neues Leben be­ginnen – so eine 180-Grad-Wende erfordert Mut. Anselm Bilgri, einst Benediktinermönch, hat es gewagt. 2004 ist er aus dem Orden ausgetreten. Heute unterstützt er Menschen bei der Suche nach der richtigen Balance zwischen Leben und Arbeiten. Ein Gespräch über Entschleunigung und darüber, wie geistliche Regeln das digitale Heute prägen können.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Was lässt sich aus den Organisations- und Führungsprin­zipien von Orden für das digitale Heute anwenden?

Anselm Bilgri: Orden sind mit die am längsten bestehenden Organisationen unseres Kulturkreises. Die Benediktsregel ist das einzige Organisations- und Führungshandbuch des frühen Mittelalters. Nicht nur Mönche, auch andere Menschen in Verantwortungspositionen haben sich immer schon daran orientiert. Es geht im Grunde darum, Mitarbeiter und vor allem sich selbst zu führen und dabei die vorhandenen Talente zu fördern. Gerade Letzteres wird in der digitalen Zukunft besonders gefordert sein.

New Work ist in aller Munde. Dies beinhaltet neben vielem anderen in aller Regel mehr Freiheiten, aber auch höhere Erwartungen an den Mitarbeiter. Wie lässt sich ein solcher Wandel in den Köpfen von Führung und Mitarbeitern begleiten und gestalten?

Bilgri: Führen wird in Zukunft viel mehr als früher bedeuten, Menschen zu mehr Selbstverantwortung zu befähigen. Das Zauberwort dafür lautet: Vertrauen. Es ist eine alte Tatsache: Nur wer Vertrauen schenkt, wird Vertrauen zurückbekommen. Die Zeiten der Misstrauenskultur und der Beurteilung von Arbeit nach Präsenz vor Ort sind vorbei.

Welche Rolle räumen Sie dem aktuell viel diskutierten Thema Diversity in einer modernen Führung ein?

Bilgri: Dies ist ein uraltes Führungstool. Schon Benedikt fordert in seiner Regel vom Abt des Klosters die „discretio“, also die Gabe der Unterscheidung. Die Führungskraft muss die Unterschiedlichkeit der Mit­ar­beiter wahrnehmen und sie zu einer Wertegemeinschaft formen, bei der jeder seine Fähigkeiten einbringen kann und soll.

Der digitale Wandel bringt auch gesellschaftliche Umwälzungen mit sich. Welche Gefahren sehen Sie darin?

Bilgri: Es werden zwar neue Berufe entstehen, aber nicht alle Arbeitsplätze, die wegfallen, können substi­tuiert werden. Das heißt, vor allem Berufe mit mitt­leren Anforderungen sind gefährdet. Dies könnte zu sozialen Verwerfungen führen. Hier werden Politik und Wirtschaft gefordert sein, mit zukunftsorientierten Lösungen zu reagieren. Ich denke da vor allem an die Diskussion um das Grundeinkommen, die er­staun­licherweise von Dax-Vorständen angestoßen wurde.

Teil 1: Was Manager von Mönchen lernen können

Teil 2: Entschleunigung und Soziale Medien