Spezial E-Health: Transformation verordnet

VR-Brille und 3D Drucker im OP

Spüren Sie auch Digitalisierungs-Widerstand in der Branche?

Gocke: Veränderungen, die Menschen und deren gewohnte Abläufen betreffen sind immer auch mit Widerständen verbunden – das scheint Branchen- und Themenunabhängig zu sein. Im Gesundheitssektor mag der Widerstand aus verschiedenen Gründen (Angst vor Transparenz, Angst vor dem Missbrauch von medizinischen Daten) größer als in anderen Bereichen und Branchen gewesen zu sein. Im Moment habe ich aber sehr den Eindruck, dass der Wunsch danach von Digitalisierungseffekten zu profitieren zunehmend größer ist als die Widerstände – ohne das diese ganz verschwinden. Hier gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten: denn, wenn wir unser Gesundheitswesen nicht selbst digitalisieren, werden es andere tun – und unser Einfluss darauf, diesen Prozess in unser aller Sinne positiv zu gestalten wäre dabei sicherlich unerfreulich geringer.

Sie experimentieren bei der Tumor-Entfernung mit dem Einsatz von VR-Brillen und forschen zu personalisierten virtuellen Gehirnen – hört sich eher nach Science-Fiction als zeitnahe Realität an, oder?

Gocke: Hier fällt mit spontan ein Satz aus einer Fernsehserie ein, die ich als Kind gerne gesehen habe („Raumpatrouille“). „Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen“ … und Beispiele dafür, wie aus Science Fiktion Alltagstechnik geworden ist kennt jeder zur Genüge. VR-Brillen kommen in der Chirurgie der Charité bereits zum Einsatz – und die Chirurgen freuen sich auf die nächste Version der Geräte, die nochmals leichter – zur Entlastung der Nackenmuskulatur – und mit einem größeren Blickfeld ausgestattet sein wird. Dies ist nur ein Beispiel für eine sinnvolle technische Unterstützung medizinischer Prozesse. Die Erforschung des Gehirns und seiner Strukturen steht dagegen noch an den Anfängen, aber mit beeindruckenden ersten Ergebnissen. Unsere Forscher arbeiten daran, die komplette Funktionsweise des Hirns zu verstehen und wenn möglich simulieren zu können – die Möglichkeiten, die daraus für Diagnostik und Therapie entstehen sind immens. Muss man davor Angst haben? Immerhin endet jeder Hollywood-Film damit, dass eine künstliche Intelligenz sich letztlich gegen seine „Erschaffer“ wendet … ich glaube allerdings, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner biologischen, chemischen und physikalischen Prozesse. Gleichwohl erfordert all dies, auch die Ethik unseres Handelns weiter zu entwickeln- und dies in zumindest annähernd der gleichen Geschwindigkeit, wie wir wissenschaftliche Erkenntnisse forcieren.

Wie sieht für Sie die Medizin der Zukunft aus? Werden wir dann von 3D-Druckern mit Organen versorgt? Operieren uns Roboter statt Menschen?

Gocke: Die Produktion von Organen in 3D-Druckern hört sich vielversprechend an, und auch wenn hier noch ein Weg vor uns liegt, ist das eine sehr vielversprechende Technik die auch helfen kann manches ethische Dilemma zu lösen. Und zumindest mit Hilfe von Robotern wird schon heute operiert – in vielen Kliniken helfen z.B. Da Vinci – Roboter dabei, Operationen deutlich gewebeschonender und präziser durchzuführen. Diese Roboter werden aber immer noch von erfahrenen Chirurgen bedient und gesteuert – von autonom operierenden Robotern sind wir noch weit entfernt, wobei ich mir das aber für weniger komplexe Teil-Abschnitte einer OP (z.B. die abschließende Hautnaht am Ende eines Eingriffs) durchaus vorstellen kann. Wer die Diskussion um das autonome Fahren verfolgt wird leicht abschätzen können, welche Fragen auch hier im Vorfeld zu klären sind. Aber auch das autonome Fahren selbst spielt in der Medizin der Zukunft eine Rolle: bereits heute fahren auf 2 Campi der Charite autonome Patienten-Transportbusse auf dem Gelände – und es wäre für viele (vor allem ältere) Patienten eine große Erleichterung, von einem autonom fahrenden Charité-Shuttle zu Hause abgeholt und pünktlich zum Termin in die Charité und dort gleich an die richtige Stelle gebracht zu werden – ohne unnötige Wartezeiten und ohne Suche nach der richtigen Ambulanz oder Station.

Teil 1: Algorithmus-unterstützte Diagnosen auf dem Vormarsch

Teil 2: Künstliche Intelligenz ersetzt keine Ärzte

Teil 3: VR-Brille und 3D Drucker im OP

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